Umwelt

Fragen zu Wind, Wetter, Wandel und Wirtschaft

Offshorewindkraftanlage, Felsgestein bei Paludans Flak,  Samsoe, Dänemark; Copyright: dena/Foto: Paul Langrock, Agentur ZenitAlbrecht Tiedemann; Copyright: denaBis 2015 könnten 15 Prozent des deutschen Strombedarfs aus Windenergie gedeckt und die CO2-Emissionen um bis zu 40 Millionen Tonnen im Jahr gesenkt werden. Allerdings müsste dafür über eine Milliarde Euro investiert werden. Eine Familie kostet das rund 16 Euro im Jahr – so die Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena). Ob sich das rechnet, beantwortet Albrecht Tiedemann, Experte für Windenergie der dena.

James Lovelock, einstiger Vordenker der Umweltbewegung, fordert ein Ende der "grünen Romantik" und ist überzeugt, dass nur Kernenergie den Klimawandel hinauszögern könne. Welche Energie ist für Sie der Weg aus der Klimakatastrophe?

Die beste Energiequelle ist, weniger Energie zu verbrauchen und Energie effizient zu erzeugen. Das weltweite Effizienzpotenzial ist erheblich und beträgt oftmals bis zu 50 Prozent des heutigen Energieverbrauchs. Aber ganz ohne Strom wird es nicht gehen. Daher müssen wir CO2-intensive Stromproduktion durch risikolose und nachhaltige Stromproduktion ersetzen. Ich halte neben der Energieeffizienz die erneuerbaren Energiequellen für einen wichtigen Baustein auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Energieversorgung. Sie verringern nicht nur unsere CO2-Emissionen, sondern reduzieren auch unsere Abhängigkeit von Importen und erhöhen damit unsere Versorgungssicherheit.

Wie zuverlässig können Windkraftwerke Strom liefern – was passiert bei Windstille, Turbulenzen oder Sturm?

Windenergie ist keine konstante Energiequelle, weshalb die effiziente Integration in das Verbundnetz erforderlich ist. Heute haben wir ein europäisches Verbundsystem mit einem breiten Mix an Kraftwerken, die die Regel- und Reserveaufgaben für die Windenergie übernehmen können. Das bestehende Verbundsystem muss natürlich an die Anforderungen der Windenergieeinspeisung angepasst werden, wie durch den Zubau von neuen Freileitungen oder durch die Integration von neuen Speichertechnologien. Windkraftwerke erreichen aber inzwischen eine hohe Verfügbarkeit von rund 98 Prozent. Defekte Windenergieanlagen werden von speziell geschulten Serviceteams schnell repariert. Turbulenzen schaden Windenergieanlagen nicht, darauf sind die Anlagen ausgelegt.

Bekommt Windenergie Subventionen? Wie teuer ist sie für den Steuerzahler?

Die erneuerbaren Energien verbrauchen keine Steuergelder. Die sogenannte Einspeisevergütung im Erneuerbare-Energien-Gesetz ist keine Subvention – das hat selbst der Europäische Gerichtshof festgestellt. Richtig ist, dass die Betreiber der Anlagen, die Strom aus erneuerbaren Energien ins Netz einspeisen, eine Förderung über eine gesetzlich festgelegte Einspeisevergütung erhalten, die auf alle Stromverbraucher gleichmäßig umgelegt wird. Um die Kosten des Windstroms zu verringern, sinken die Vergütungen für neu gebaute Anlagen jährlich um einige Prozentpunkte – auch das ist gesetzlich geregelt. Wichtig ist, dass eine gesetzliche Festsetzung der Einspeisevergütung nicht zu Mitnahmeeffekten und Fehlsteuerungen führt. Die Windenergie verhindert aber auch Umweltschäden, die in der Summe wesentlich größer sind als die direkten Kosten der Windenergie.

Wie viele Anlagen oder Windparks können in Deutschland installiert werden? Ist das Flächenangebot tatsächlich am Limit?

In der dena-Netzstudie I hat das Deutsche Windenergie Institut bis zum Jahr 2020 eine Windleistung von 48.000 MW ermittelt, wobei in dieser Zahl schon rund 10.000 MW Offshore-Windkraftwerke enthalten sind. An Land gehen die Neubauzahlen zurück. Wir glauben, einen Sättigungseffekt in der Zahl der Anlagen beobachten zu können. Die Anlagenzahl kann in Zukunft sogar insgesamt sinken, wenn im Rahmen des sogenannten Repowerings viele kleine Anlagen durch wenige leistungsfähige moderne Anlagen ersetzt werden.

Was halten Sie von Windparks auf dem Meer, den Offshore-Anlagen?

Offshorewindkraftanlage in Samsoe, Dänemark. Copyright: dena/Foto: Paul Langrock, Agentur ZenitIm Meer sind die Windverhältnisse und das Flächenangebot wesentlich besser als an Land. Sehr leistungsfähige Windenergieanlagen haben mittlerweile eine Bauhöhe des Kölner Doms und würden an Land nur an wenigen Orten Akzeptanz finden. Windenergie im Meer ist eine zukunftsfähige junge Branche, die einen wesentlichen Beitrag zu unserer Stromversorgung liefern wird. Die Technologie entwickelt sich bereits heute zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Küstenstädte. In den letzten Jahren haben viele Offshore-Windparks die erste Hürde genommen: 1.400 Standorte für Offshore-Windenergieanlagen in 30 bis 80 km Entfernung vor unseren Küsten in Nord- und Ostsee wurden bereits genehmigt – einige Windparks haben auch schon die Genehmigung für die Netzanbindung. Nur vier kleine Windparks sind relativ küstennah, das heißt in 10 bis 15 km Entfernung geplant, die anderen sind weit draußen in der ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands der Nord- und Ostsee.

In Frankreich und Großbritannien erhalten Betreiber für Offshore-Windstrom 13 Cent je Kilowattstunde, in den Niederlanden sind es sogar 14 bis 16 Cent. In Deutschland neun. Zudem gibt es hier im Gegensatz zu den europäischen Nachbarn auch keine direkten Beihilfen oder Investitionszuschüsse, dafür aber die höchsten Naturschutzauflagen. Diese verdoppeln die Kosten für Bau und Wartung im Vergleich zu denen an Land. Welche Bedingungen kann oder sollte die Bundesregierung Ihrer Meinung nach schaffen, um Offshore-Technik zu fördern?

Die Bedingungen in Deutschland sind besser als ihr Ruf. Die Bundesregierung hat hier gute Arbeit geleistet. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz bietet eine verlässliche Finanzierungsgrundlage über 20 Jahre und gibt besondere Anreize für Windparks, die relativ weit vor der Küste und im tiefen Wasser gebaut werden – das gibt es in keinem anderen Land. Das jüngst in Kraft getretene Infrastrukturplanungsbeschleunigungsgesetz hat die ersten Windparks von den Kosten der Netzanbindung befreit – dafür sind nun die Netzbetreiber zuständig. Die Netzbetreiber erweitern ihr Stromnetz bis ins Meer. Verändern sollte die Bundesregierung die Stichtagsregelung 2010, ab der die Vergütung für Offshore Windstrom um 30 Prozent gesenkt wird, und den Stichtag für das Einsetzen der Degression – beide Regelungen sollen ein Anreiz für neue Windparks sein, die Technologie auf der Kostenseite zu verbessern. Eine Verschiebung der Stichtage um drei bis fünf Jahre ist gerechtfertigt, da die Offshore-Windbranche in Deutschland erst mit etwas Zeitverzögerung in Gang kommt.

„Ökobranche begräbt Hoffnung auf Meeres-Windparks“ titelt der „Spiegel“ im Mai 2007 und zitiert Matthias Hochstätter vom Bundesverband Windenergie: „Die Ziele, die man sich gesetzt hat, waren einfach zu hoch.“ Von den Offshore-Windrädern mit einer Gesamtleistung von 20.000 Megawatt sei höchstens die Hälfte realisierbar. Wie erklären Sie sich diese Aussage und was meinen Sie dazu?

Offshorewindkraftanlage, Felsgestein bei Paludans Flak,  Samsoe, Dänemark; Copyright: dena/Foto: Paul Langrock, Agentur ZenitIn Europa werden zurzeit etwa 20 Offshore-Windparks mit einer Gesamtleistung von rund 900 MW betrieben – zum Vergleich, das ist so viel wie im Jahr 1991 in Deutschland auf dem Festland betrieben wurde. Die Offshore Windenergie ist also eine junge Branche, die mit Großprojekten in der Größenordnung von einigen 100 Millionen Euro verantwortungsbewusst und vorsichtig umgehen wird. Sie muss Erfahrungen sammeln und auswerten können. Das braucht seine Zeit. Es ist daher schwer zu sagen, wie schnell sich die junge Offshore-Windbranche entwickelt, das wird die Zukunft zeigen. Wir stellen jedoch fest, dass das Interesse internationaler Investoren für die deutschen Offshore-Windenergieprojekte überraschend groß ist, aber die Herausforderungen für die Infrastruktur sind dies eben auch. Zum Beispiel sind die Anlagenteile so groß, dass zum Teil neue Werke in Hafennähe und neue Hafenanlagen zur Verschiffung gebaut werden müssen. Das erfordert natürlich weitere Anstrengungen der Windbranche, die diese auch leistet. Bekannte Windenergieanlagenhersteller sind schon dabei, neue Werke in unseren Seehäfen ausschließlich für den Offshore-Markt zu planen und zu bauen. Ich teile daher den Pessimismus einiger Branchenvertreter nicht in diesem Maß und halte im Moment die Ziele noch für erreichbar, denn die Fakten und die Rahmenbedingungen in Deutschland sprechen für die Offshore-Windenergie.

Obwohl zwei Drittel aller Deutschen den Ausbau von Windenergie als positiv bezeichnen, bilden sich schnell Bürgerinitiativen gegen Anlagen im eigenen Wohnort. Jörg Feddern, Energieexperte von Greenpeace, macht den Widerstand von Teilen der Bevölkerung gegen Offshore-Parks dafür verantwortlich, dass bislang kein einziges deutsches Projekt auf See verwirklicht wurde. Was sagen Sie den Leuten, die sich gegen Windräder im Garten oder im Blickfeld der Strandhäuser wehren?

Windparks auf See wurden in Deutschland bisher nicht gebaut, weil die Technik im tiefen Wasser und in großer Küstenentfernung nicht von der Stange gekauft werden kann. Wie gesagt, das braucht seine Zeit. Zu Ihrer Frage „Windräder im Garten“ bin ich der Meinung, dass die großen leistungsfähigen Windräder in Eignungsgebieten, die speziell dafür ausgewiesen werden, errichtet werden müssen. In die Wahl dieser Eignungsgebiete gehen viele Kriterien und Ansprüche konkurrierender Nutzungen ein. Zur Strandhausfrage: Die genehmigten Offshore-Windparks in Deutschland sind bis auf vier Ausnahmen recht weit von der Küste entfernt. Daher werden Sie die deutschen Offshore-Windparks nur an Tagen mit guter Sicht knapp über dem Horizont sehen. Dann sind sie ein Bild für sauberen Strom und für die Vorreiterrolle, die Deutschland und Europa im Schutz des Weltklimas spielen. Vielleicht fragen Sie das örtliche Touristikbüro, ob es in Zukunft Ausflugsfahrten und eine Besichtigung der Windparks gibt – der Tagesausflug lohnt sich.

Daten – aus dem Wind gegriffen?

Ende des Jahres 2006 standen in Deutschland 18.685 Windräder mit einer Leistung von rund 20.600 Megawatt zur Stromerzeugung. Das entspricht einem Anteil von 5,7 Prozent am Stromverbrauch in Deutschland. Damit leistete die Windenergie auch im Jahr 2006 den größten Beitrag zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Da der Platz für den Ausbau der Windenergie an Land knapp wird, die Windverhältnisse auf See viel besser als an Land sind, und neue Technologien entwickelt werden können, plant die Bundesregierung, die Potenziale auf See zu erschließen. Allein die Windräder auf See könnten – so die Prognosen – bald 15 Prozent des heutigen deutschen Strombedarfs decken. Auch der Weltklimarat (IPCC) bezeichnet die Windenergie als eine der Schlüsseltechnologien gegen den Klimawandel. Wie die wachsende Menge an Windenergie in das Stromnetz integriert werden kann, hat die dena in der Studie „Energiewirtschaftliche Planung für die Netzintegration von Windenergie in Deutschland an Land und Offshore bis zum Jahr 2020 (dena-Netzstudie I)“ untersucht. Details der Ergebnisse können unter www.dena.de heruntergeladen werden.

Christine Sommer-Guist,
ist Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Umwelt und Soziales.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2007

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