Gebaute Askese – das „Haus der Stille“ des Benediktinerklosters Königsmünster
Der Bau des Kölner Architekten Peter Kulka bietet Gästen des Klosters im sauerländischen Meschede die Möglichkeit einer spirituellen Auszeit.Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen
Konzept/Schnitt: Andreas Christoph Schmidt, Kamera: Holger Schüppel, Schmidt & Paetzel Fernsehfilme GmbH im Auftrag des Goethe-Instituts, 2010
Wie eine Trutzburg thront die Benediktinerabtei Königsmünster über der Stadt. 1928 ist das Kloster gegründet worden. Die Kirche, ein wehrhaft verschlossenes Backsteinmonument, hat der Kölner Architekt Hans Schilling 1960 erbaut. Peter Kulka hatte 1979 dessen Büro übernommen und fügte dem Ensemble in den Achtzigerjahren ein Wohnhaus für die Novizen, das Refektorium und eine Kapelle hinzu. Im Geist der damals aktuellen Postmoderne entstand eine Anlage mit einzelnen festen Häusern und verbindenden gläsernen Gängen, eine Abfolge von bergenden, kontemplativen Räumen und offenen, lichten Wegen als Sinnbild des Tagesablaufs im mönchischen Leben.
Öffnung zur Außenwelt
Längst haben die Ordensbrüder Benedikts Regelwerk aus dem sechsten Jahrhundert, das ihren streng geordneten Tagesablauf in Zeiten der Arbeit und der Lesung einteilt, um weitere Aufgaben ergänzt. Sie öffneten sich der Außenwelt, wenden sich der Jugendarbeit zu, betreiben ein Gymnasium und die Jugendbildungsstätte „Oase“. Und sie haben zunehmend Gäste, die eine spirituelle Auszeit von der Hektik des Alltags nehmen wollen. Die Stille und Einkehr suchen und zu sich selbst und zu Gott finden wollen. Da die Aufnahme in die Klausur der 60 Benediktiner als Mönche auf Zeit nur in wenigen Fällen möglich ist, beschlossen die Mönche, ein eigenes Haus für diese Zwecke zu bauen, das sie „Haus der Stille“ nannten, und das Männern und Frauen gleichermaßen offen steht. Aufs Neue baten sie das Architekturbüro Peter Kulka, ihrer Klosteranlage eine weitere Ergänzung beizufügen.
Ambiente der Besinnung
Der Architekt hatte zwischenzeitlich in seiner Arbeit eine Entwicklung vollzogen, die ihn zurück zu den Ursprüngen der klassischen Moderne und zur Abstraktion geführt hatte. Das 2001 entstandene „Haus der Stille“ ist ein Höhepunkt in dieser Entwicklung. Das Ziel, Räume mit nichts als schlichten Kuben und Licht zu gestalten, entsprach auf ideale Weise der Aufgabe, ein Ambiente der Askese und der Besinnung, der Stille und der Konzentration zu schaffen.
Schon in der Annäherung den Klosterberg hinauf signalisiert das Haus Abgeschlossenheit. Es besteht aus zwei in den Hang geschobenen, kargen und scharf geschnittenen Betonkuben, der eine schmaler, der andere breiter, die zwischen sich einen Spalt frei lassen. Der Spalt macht neugierig, er öffnet sich ein wenig: der Eingang des Hauses. Man wird gewahr, dass der gläserne Spalt die beiden Hausteile vollständig trennt, dass er den Durchblick hinab ins Tal eröffnet, dass er in drei Geschossen von gläsernen Brücken durchstoßen wird. Die Stege verbinden die Räumlichkeiten im breiteren Kubus mit den Treppenläufen im schmalen Kubus, der die Erschließung des Hauses übernimmt.
Kloster im Kleinen
Auf der Eingangsebene und im ersten Obergeschoss liegen zwanzig Zellen, schlicht und asketisch mit dem Notwendigen in hellem Birkenholz eingerichtet: Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und Kruzifix. Im Hanggeschoss darunter das Refektorium, das Büro und zwei Sprechzimmer. Wie ein kleiner Kreuzgang erschließt der umlaufende Flur die Räume. Der zweigeschossige Versammlungsraum im Untergeschoss bietet Platz für Kurse und Meditation. Kulka hat ein Kloster im Kleinen geschaffen, das den „Mönchen auf Zeit“ den kontemplativ gestimmten Ort mit ganz eigenen sinnlichen Empfindungen bietet. Dazu gehört auch die kleine Kapelle am Kopf des „Wegehauses“, schmal, sehr hoch, bis auf die regelmäßig verteilten Schalungslöcher des Betonbauers und das wandgroße Kreuz schmucklos. Mit seinem von oben flutenden indirekten Licht ist es der eindrücklichste Raum des Hauses, von großem Ernst und unentrinnbarer Stille.
Bewusste Inszenierungen der Bewegung
Die täglich mehrfach gegangenen Wege von der Zelle zur Kapelle, zum Versammlungsraum, zum Refektorium sind bewusste Inszenierungen der Bewegung durch Licht und Schatten von einem Ort der Ruhe zum anderen.
Kulkas asketische Architektur aus Beton und Licht erinnert in ihrer Stringenz und Abstraktion an die Werke des japanischen Architekten Tadao Ando, der seine mönchisch meditative Baukunst freilich ohne Unterschied auch Einfamilienhausbewohnern, Museumsbesuchern und Tagungsteilnehmern verordnet. In Kulkas Klosterbau finden die der Außenwelt entrückte Einfachheit und die meditative Stimmung der Räume ihre wahre Zweckbestimmung. Seit der Frühromanik sind nur wenige Ambiente von dieser spirituellen Eindringlichkeit und überwältigenden Ruhe gebaut worden. Nach 14 Tagen der Kontemplation fällt es jedem Klosterbruder und jeder Klosterschwester auf Zeit schwer, wieder in den hektischen, von Handy, Computer und TV mit Reizen überfluteten Alltag zurückzukehren.
Zu den aktuellen Projekten gehören der Wiederaufbau des Ostflügels und die Überdachung des Kleinen Schlosshofes des Dresdner Schlosses, der Landtag Brandenburg in Potsdam sowie die Neugestaltung und Erweiterung des Hygienemuseums in Dresden.
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.
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Mai 2010
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