Bildende Kunst

Olafur Eliasson: Das Wunder geschieht im Auge

Your uncertain shadow (colour), 2010. Halogenlampen, Glas, Aluminium, Maße variable | Foto: Jens Ziehe. Courtesy the artist; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York © 2010 Olafur Eliasson

Er gehört zu den international berühmtesten Künstlern der Gegenwart. Nun setzt Olafur Eliasson im Berliner Martin-Gropius-Bau visuell ein Arsenal von Spiegelfechtereien, Nebelaktionen und Raummodulatoren in Bewegung. Und straft mit der komplexen Schau jene Kritiker Lügen, die ihn der Effekthascherei bezichtigen.

Olafur Eliasson | © 2010 Olafur EliassonDass Olafur Eliassons sensationelle Karriere eigentlich bei einem Vernissagenabend 1994 in einer schäbigen Kölner Hinterhofgarage startete, dürfte nur mehr Augenzeugen richtig bewusst sein. Schon damals inszenierte der 1967 in Kopenhagen geborene Künstler mit wenigen durchschaubaren Elementen ein optisches Spektakel. Das Instrumentarium bestand seinerzeit aus nichts als einem perforierten Gartenschlauch und einer Lampe. Mit diesen Minimalmitteln kreierte Eliasson einen naturgemäß effektreichen Regenbogen im Innenraum. Sein schlichter Kunstgriff: Er ließ Wasser von der Wand herunterrinnen und beleuchte den feuchten Vorhang von schräg oben. Beauty war damals fast ketzerisch das vorrangig retinale Experiment betitelt. Der ätherische Drahtseilakt schlug wie ein Blitz in der Kunstwelt ein.

Heute, über 15 Jahre später, ist Eliasson einer der populärsten Künstler weltweit und wird von allen Altersgruppen wegen seiner aus physikalischen Grundgesetzen gespeisten Überwältigungsgabe geschätzt: Gerade auch Kinder erliegen spielerisch den aus Nebel und Spiegeln, Scheinwerfern und Farblicht, Wasser und Kälte simulierten Phänomenen in künstlicher Analogie zur Natur. Schließlich ist ja auch die Idee von Landschaft ein gesellschaftliches Konstrukt.

Eliasson hinterlässt in Berlin Spuren – mit oder ohne institutioneller Hilfe

Non-stop park (Entwurf für einen Park), 2009. Kalk, Maße variabel | Courtesy the artist; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York © 2009 Olafur Eliasson Im Martin-Gropius-Bau hat der heute in Berlin lebende Künstler nun seine überfällige Einzelausstellung. Lange verweigerte ihm die Stadt im institutionellen Bereich die entsprechende Anerkennung. Eliasson erweist Berlin davon unberührt seine Referenz, hat die von Daniel Birnbaum kuratierte Ausstellung Innen Stadt Außen betitelt. Mit einer Spiegelkonstruktion holt er das gemeinhin wenig beachtete historistische Fassadenfries als Kippbild ins Museum herein. Umgekehrt verlängert ein Rasenstück die Architektur nach außen mit einem im ersten Stock nur visuell über die Fenster begehbaren Terrasse.

Bereits vor Monaten intervenierte Eliasson gewissermaßen heimlich im urbanen Raum der Hauptstadt. Dicke Kreidestreifen zogen sich etwas schlingernd bis ins Unterholz eines Parks oder markierten auf einem Platz rechtwinklige Terrains wie Sportfelder. Vormals an Islands Küste angetriebene Baumstämme ließ er wie beiläufig hier und da in der Stadt verteilen. Mit diesen teils homöopathischen Setzungen schließt Eliasson an die Situationisten der 1960er-Jahre auf, spürt in einer Art demokratischem Akt den auch unwirtlichen Ablagerungsspuren des öffentlichen Raums nach.

Spiegelwände und Nebelräume – harte Probe selbst für Schwindelfreie

Mikroskop, 2010. Gerüst, Spiegelfolie, Aluminium, 17,7 x 18,5 x 27,1 m | Foto: Jens Ziehe. Courtesy the artist; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York © 2010 Olafur Eliasson Effektiver Höhepunkt von Eliassons Museumsschau, für die Besucher seit Beginn Schlange stehen, ist sicher die verspiegelte Schleuse im Lichthof des Gropius-Baus. Die facettierte Glaskuppel wird durch hohe Spiegelwände derart ins Visier genommen, reflektiert und verdichtet, dass sie wie bis ins All aufgesplittert wirkt. Es ist, als sei man leibhaftig in ein silbriges Kaleidoskop ohne Anfang und Ende geschleudert worden. Kontrastierend zu diesem Orientierungsverlust im Kristallinen gelangen die Besucher schließlich in farbige Nebelräume von atemberaubender Intensität. Selbst schwindelfreie Menschen werden hier hart auf die Probe gestellt.

Die dramaturgisch in verschiedene Wahrnehmungssequenzen unterteilte Schau ist zugleich eine stille Hommage an all jene Künstler, die konzeptuell Eliassons Weg mit geprägt haben. Reminiszenzen an die Lichträume von James Turrell, an die utopistischen Architekturkuppeln von Buckminster Fuller, überhaupt an die Überväter des Minimalismus blitzen auf, ohne dass Eliasson seine Souveränität aufgeben würde. Erfreulicherweise bildete Olafur Eliasson schon immer einen abgeklärten, nostalgiefernen Gegenpol zu den figürlichen Manierismen der Neuen Leipziger Malerschule.

Keines von Eliassons Täuschungsmanövern bleibt ohne Auflösung

The blind pavilion, 2003. Stahl, schwarzes Glas, Glas, 250 x 750 x 750 cm. Installationsansicht, Pfaueninsel Berlin, 2010 | Courtesy the artist; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York © 2003 Olafur Eliasson Der interdisziplinäre Blick über den Tellerrand der bildenden Kunst macht die Stärke von Eliassons Kunst aus. Mit zeitweise 40 Mitarbeitern – Künstlern, Architekten, Naturwissenschaftlern, Technikern – betreibt er das Studio Eliasson am Prenzlauer Berg. Dort werden nicht nur die hübsch marktgängigen Spiegellampen produziert, sondern auch im „Institut für Raumexperimente“ zukünftige, kollektive Stadtmodelle erforscht. Romantische Mystizismen sind Eliasson suspekt, eher hat er etwas von der aufklärerischen Haltung eines Spätromantikers an sich. So wie sich etwa E.T.A. Hoffmanns verliebter Student Nathanael im Sandmann eingestehen muss, dass er den Verführungskünsten einer mechanischen Puppe aufgesessen ist, macht Eliasson seine Täuschungsmanöver in ihrer jeweiligen Konstruktion irgendwann evident.

Das Wunder entsteht bei Eliasson allein im Auge des Betrachters. Und meist wird dieser auch zum halb ferngesteuerten, halb eigenverantwortlichen, selbstreflektiven Akteur der Spiegelfechtereien. Im kollektiven Erlebnis mit anderen Besuchern arbeitet man sich auch in Berlin mit Leib und Seele an den Vexierbildern ab. Aus technisch raffiniert eingesetzten Minimalismen erwirkt Eliasson ein nur scheinbar transzendentes, letztlich geheimnisloses Ereignis. „Wir glauben immer, unsere Wahrnehmung sei objektiv“, sagte er in einem Interview. „Das ist sie aber überhaupt nicht, sie ist manipulierbar. Wahrnehmung ist ein Kulturprodukt. Je besser man das erkennt, desto mehr kritisches Potenzial entwickelt man gegenüber seiner Umgebung. Der ‚objektive‘ Mensch wird schnell zum passiven Konsumenten.“

Ausstellung: Olafur Eliasson: „Innen Stadt Außen“. Berlin, Martin-Gropius-Bau, bis 9. August 2010. Der Katalog kostet 48 Euro.
Birgit Sonna
arbeitet als Korrespondentin für das Kunstmagazin art sowie als Lektorin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010

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