Migranten- bzw. Chamisso-Literatur
Die wachsende Bedeutung der aus der Migrantenliteratur hervorgegangenen sog. Chamisso-Literatur , die mittlerweile in allen großen deutschen Verlagshäusern ihre Ansprechpartner hat, zeigt sich wieder in den wichtigen Neuerscheinungen der letzten Zeit, und dabei muss man gar nicht primär an Bestseller wie Rafik Schamis Die dunkle Seite der Liebe aus dem Jahre 2004 denken.
Herausragend ist Ilija Trojanows im doppelten Sinne des Wortes opulenter Roman Der Weltensammler, der den Leser auf den Spuren des britischen Forschungsreisenden Richard F. Burton (1821-1890) auf Abenteuerreise durch Afrika, den Nahen und Mittleren Osten gehen lässt, ihm eine Begegnung mit diesen fremden Welten ermöglicht, ohne sie zu entblößen, sondern indem er das Märchenhafte zwar nicht verklärt, aber bewahrt und zugleich verwandelt. Für diesen Roman erhielt der Autor völlig zu Recht den diesjährigen Leipziger Buchpreis in der Sparte "Belletristik".
Der Poet unter den deutschen Romanautoren, der Sprachen-Erfinder Feridun Zaimoglu liefert uns mit Leyla ein neues Beispiel seiner meisterlichen Prosa, der man nicht gerecht wird, wenn man sie nur vordergründig und eindimensional wie einen Beitrag zur Beleuchtung der Lebensverhältnisse türkischer Frauen (und Männer) im Widerstreit zwischen traditionalen Lebensmustern und den Verheißungen bzw. Perspektiven einer freien, modernen und selbst bestimmten Existenz lesen würde.
Bemerkenswert sind auch die Autorinnen, die den diesjährigen Adelbert-von-Chamisso-Preis erhalten haben: Zsuzsanna Gahse, Sudabeh Mohafez und Eleonora Hummel. Diese Literatur, für die der Kultur- und Sprachenwechsel von konstitutiver Bedeutung ist, hat in den letzten Jahren wesentliche Beiträge zur Literatur in Deutschland, zur deutschen Literatur geleistet. Zsuzsanna Gahse, Übersetzerin und Autorin, stellt in ihrem Buch Instabile Texte die Frage des
Über-Setzens über translatologische Aspekte hinaus in einen Zusammenhang von Worten, Bildern, Landschaften und Räumen, die erkundet und im Feingewebe einer bisweilen poetischen Prosa reflektiert werden. Wie kann das in der Sprache aufscheinen, wofür es vielleicht kein passendes Wort gibt? Mit Subadeh Mohafez meldet sich eine deutsch-iranische Autorin zu Wort,
die in ihrem Erzähldebüt Wüstenhimmel Sternenland Texte von bedrückender aber auch überzeugender Eindringlichkeit vorgelegt hat, die in unterschiedlicher Weise um das Problem der Gewalt, insbesondere gegenüber Kindern kreisen, und Eleonora Hummel erzählt uns – souverän zwischen den Erzählebenen changierend und drei Generationen in den Blick nehmend – in Die Fische von Berlin die Geschichte einer russlanddeutschen Familie.
Wenn das viel zitierte Hybride in einem literarischen Genre einen geradezu "klassischen" Ausdruck gefunden hat, dann in der Chamisso-Literatur – hier jetzt einmal abgesehen von neueren Entwicklungen in der sog. Club-Szene, in der sich bestimmte literarische Stile und Richtungen wie der Slam durch die Vermischung mit musikalischen Elementen (z.B. elektronische Musik) das Hybride zum Programm erhoben zu haben scheinen. Aber auch hierin ist ein Reflex auf die Aufsplitterung und Diversifizierung kultureller Milieus, insbesondere in den Großstädten zu sehen, die heute durch unterschiedlichste Traditionen und Einflüsse geprägt und durchdrungen werden.
Die Feststellung, die deutsche Gegenwartsliteratur verdanke einige ihrer wichtigsten und gültigsten Leistungen den Migranten, ist ohne Frage zutreffend.
ist Leiter des Bereichs Literatur und Übersetzungsförderung beim Goethe-Institut
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Juli 2006










