Musik

Musik für die Zukunft – 40 Jahre Kraftwerk

Kraftwerk; Foto: Peter BottcherVier Jahrzehnte sind eine lange Zeit. Erst recht im schnelllebigen Geschäft mit der populären Musik. Dass eine Popband 40 Jahre alt wird, das ist ein Ereignis. Erst recht, wenn diese Band Kraftwerk heißt und die international einflussreichste Musikformation ist, die Deutschland jemals hervorgebracht hat.

Kraftwerk wären allerdings nicht Kraftwerk, würden sie das eigene Jubiläum nicht weitgehend ignorieren. Es sind keine ausufernden Tourneereisen angekündigt und auch keine luxuriösen Wiederauflagen der eigenen Hits. Melancholische Retrospektive ist der Band schon aus konzeptionellen Gründen fremd. Kraftwerk, das steht für Moderne, für Fortschritt. Das Erstaunliche bleibt, dass die Band auch nach vier Jahrzehnten noch diese Prinzipien vertreten kann.

Kraftwerk; Foto: Peter BottcherEinen exakten Gründungstag gibt es nicht, aber soviel ist bekannt: Kraftwerk entstand im Jahr 1970 aus der eher erfolglosen Popgruppe Organisation. Die beiden Gründungsmitglieder Ralf Hütter und Florian Schneider bauten sich ihr mittlerweile legendäres Kling-Klang-Studio auf und nahmen ihr erstes Album auf. Die Revolution sollte noch ein paar Jahre auf sich warten lassen, aber der Grundstein war gelegt.

Nach ersten Experimenten mit Krautrock entdeckten Hütter und Schneider schnell die Möglichkeiten, die die neuen elektronischen Klangerzeuger boten. Ein erster Versuch mit relativ eingängiger Popmusik scheiterte, aber dann begann eine Zeit, in der der Band zwar kaum Hits gelangen, aber unzählige Pioniertaten. Heute geben ganze Legionen von Musikern sie als Vorbilder und Inspiration an, zwei bis drei musikalische Genres feiern sie als Gründerväter und David Bowie ist ihr größter Fan. In der eigenen Heimat mögen sie immer noch umstritten sein, im Ausland aber gelten sie als der zweifellos gewichtigste deutsche Beitrag zur Geschichte der Popmusik.

Musik von allem Ballast befreien

Kraftwerk; Foto: Peter BottcherWie prägend dieser Beitrag ist, das kann man heute noch hören. Die mittlerweile klassischen Tracks von Kraftwerk, seien sie 28 Jahre alt wie Das Model oder sogar noch sieben Jahre älter wie Autobahn, klingen auch heute nicht nur zeitgemäß, sondern sogar wie aus einer fernen Zukunft in die Gegenwart strafversetzt.

Mit ihren damals noch nicht im Computer erzeugten, sondern auf dem Schlagzeug eingespielten, aber dennoch maschinenhaften Rhythmen nahmen Kraftwerk in den Siebzigerjahren eine Musikrichtung vorweg, die erst in den Neunzigern erfunden wurde: den Techno. Eine erstaunliche Leistung, vor allem wenn man bedenkt, dass die damalige Rockmusik dominiert war von Langhaarigen, die sich in endlosen Solo-Improvisationen verloren, und ihren Antipoden, den Punks, die jedes allzu ausgefeilte Handwerk kategorisch ablehnten.

Kraftwerk; Foto: Peter BottcherKraftwerk waren weder hier noch dort zuhause: Ihr Ansatz, die Musik von allem unnötigen Ballast zu befreien, das Strukturelle herauszuarbeiten und den Musiker als bloßen Fortsatz der Maschine zu begreifen, war nicht nur revolutionär, er war einzigartig. Ihre Musik klang wie Science-Fiction, in ihr übernahmen die Maschinen die Macht, das Serielle der industriellen Produktion wurde endlich in die Popkultur übersetzt. In ihrer ästhetischen Strenge sprengte die Kraftwerk-Musik jede damals herrschende musikalische Konvention.

Kraftwerk; Foto: Peter BottcherAuch die Idee, dieses radikale Gesamtkonzept mit einem konsequenten visuellen Erscheinungsbild zu ergänzen, war damals eine Neuerung. Bis heute treten Kraftwerk in einer uniformierten Bühnenkleidung auf, verziehen vor Publikum keine Miene, zeigen – Automaten gleich – keinerlei Emotionen. Zu Pressekonferenzen schickten sie Pappfiguren oder selbstgebastelte Roboterattrappen, ins Fernsehen dann später ihre digitalen Avatare. Für Kraftwerk gab es den Künstler nicht mehr, sie bezeichneten sich nicht einmal als Musiker, sondern als „Musikarbeiter“. Oder sie nannten sich gleich „Menschmaschine“.

Dieses Konzept beeinflusste Generationen von Musikern. Der Synthie-Pop der Achtzigerjahre, Bands wie Depeche Mode oder Heaven 17, wären nicht denkbar ohne Kraftwerk. Auch die frühen Produzenten des Hip-Hop wie Afrika Bambaata liebten Kraftwerk und sampelten ihre futuristischen Sounds ausgiebig.

In der Heimat umstritten

Kraftwerk; Foto: Peter BottcherTrotz dieser unglaublichen Reputation ist die Band um das einzige verbliebene Gründungsmitglied, den mittlerweile 63-jährigen Ralf Hütter, zuhause bis heute vergleichsweise unbekannt, ja sogar umstritten. Noch im Jahr 2000, als Kraftwerk von den Organisatoren der Weltausstellung engagiert wurden, den Expo-Jingle zu liefern, setzte es harsche Kritik. Nicht nur hatte die breite Öffentlichkeit Schwierigkeiten, die Computerstimme, die in verschiedenen Sprachen Expo 2000 aufsagt, als große Kunst zu identifizieren. Vor allem das Honorar von 400.000 Mark erregte die Gemüter. Sogar der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder fühlte sich bemüßigt, ein Urteil abzugeben: „Ich hätte dafür nicht so viel Geld ausgegeben.“

Zehn Jahre später heißt die Bundeskanzlerin Angela Merkel, Kraftwerk werden 40 Jahre alt und der Prophet erfährt im eigenen Land immer noch nicht die Wertschätzung, die er schon längst verdient hätte. Das ist dann wohl tatsächlich kein Grund zum Feiern.

Thomas Winkler
schreibt über Pop und seine Phänomene für die taz, Die Zeit, Frankfurter Rundschau und andere Tageszeitungen.

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Juni 2010

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