Tanz

Tanzarchive und Digitale Kultur – der Stand in Deutschland

Videosichtplätze im Centre national de la danse, Paris; Foto: Franz Anton CramerTanz und Choreografie sind mittlerweile angesehene und populäre Kunstformen geworden, den anderen Gattungen mehr oder weniger ebenbürtig. Dennoch hat der Tanz Mühe, in seiner Geschichtlichkeit und seinem Herkommen verstanden zu werden. Weil seine Werke schwer zugänglich sind, bleibt er in einer atemlosen Gegenwart gefangen. Mit Internet und Digitaler Kultur eröffnen sich jedoch ganz neue Chancen und Herausforderungen zur Pflege des Kulturerbes Tanz.

Digitale Kultur – das bedeutet heutzutage freien Zugriff über das Internet auf alle möglichen Inhalte von jedem Ort der Welt aus. War die analoge Kultur gekennzeichnet durch ihre Bindung an Orte und an Zeiten – nur zu einem bestimmten Moment konnte man an einem bestimmten geographischen Punkt sein und lesen, sehen, reden –, so hat die Medienrevolution der letzten Jahrzehnte die Kultur gleichsam verflüssigt. Das wirkt sich in allen Bereichen aus.

Der Tanz hat jedoch innerhalb der Gedächtnisinstitutionen der Gesellschaft einen besonders prekären Rang. Weil es im Tanz keine materiellen Objekte gibt, sondern immer nur Ereignisse, ist auch die Weitergabe seiner Werke besonders schwierig. Ein Haus, ein Manuskript, ein Gemälde können sich über Jahrhunderte erhalten, ohne sich dabei substanziell zu verändern. Choreografien, Tanzabende, Performances lassen sich nur in andere Medien und Formen übertragen. Diese Übertragungsmedien können Körper sein, Notationen, Scores, Photos, Konzepte, Kostüme, Interviews. Seit 100 Jahren gibt es außerdem Film, seit etwa 30 Jahren auch Video.

Im Gegensatz also zur Architektur, Literatur, Musik oder Malerei gibt es im Tanz kein autorisiertes Objekt, das in sich selbst die Geschichte, die Materialität, den Sinn, die Form enthält, die es als Kunstwerk auszeichnen.

Gedächtnisorte des Tanzes

Medieneinheiten im Tanzarchiv Leipzig; Foto: Franz Anton 
Cramer

Deswegen bedarf es zur Pflege des Tanzerbes einer besonderen Anstrengung. Allerdings bedeutet das Fehlen von Objekten nicht, der Tanz hätte keine Geschichte, oder wir könnten nicht aus unserer Gegenwart heraus einen Eindruck davon erhalten, was Tanz früher war und wann, wie, wo und von wem getanzt wurde. Tatsächlich sind die Sekundärquellen des Tanzes zahlreich. Gerade in Deutschland kümmern sich mehrere Archive um die Bewahrung und Mehrung der Zeugnisse des Tanzes.

Das Tanzarchiv Leipzig, gegründet 1957, hatte bis 1989 den Rang eines nationalen Archivs der DDR. Die umfangreichen Sammlungen reichen zurück ins 18. und 19. Jahrhundert. Doch ist ein Schwerpunkt der Nachlass Rudolf von Labans (1886 bis 1957) sowie ein geschlossener Bestand zur Tanzkultur der DDR und zum sozialistischen Realismus. Ab 2011 soll es dem Archiv der Universität Leipzig angegliedert werden und seine Eigenständigkeit weitgehend aufgeben.

Das Deutsche Tanzarchiv Köln, 1948 als Privatsammlung gegründet, wird seit 1986 von der SK Stiftung Kultur und der Stadt Köln als Informations-, Dokumentations- und Forschungszentrum für Tanz einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es weist u.a. ein Tanzmuseum, über 300 Personennachlässe, ca. 200.000 Fotos und ca. 650.000 Zeitungsausschnitte auf sowie Bücher und Grafik seit dem 16. Jahrhundert. Ein bedeutender Schwerpunkt der Kölner Sammlung liegt auf dem Tanzerbe der 1920er-Jahre.

Das Deutsche Tanzfilminstitut Bremen besteht seit 1988. Es widmet sich der Sammlung, Aufbereitung und Produktion von audiovisuellen Tanzdokumenten. Aufzeichnungen von Tanzwerken, Dokumentationen für das Fernsehen und die konservatorische Behandlung von alten Bändern gehören zum Tätigkeitsprofil. Das westdeutsche Tanztheater der 1970er und 1980er Jahre steht im Mittelpunkt der historischen Sammlung des Tanzfilminstituts.

Zum Archiv der Akademie der Künste in Berlin gehören sieben Abteilungen, darunter auch „Darstellende Kunst“. Das Archiv sammelt, bewahrt, erschließt auch Bestände von Tänzern und Choreografen. So ist etwa der künstlerische Nachlass von Mary Wigman hier vorhanden.

Ebenfalls in Berlin arbeitet das Mime Centrum. Es ist eine Schnittstelle zwischen Kunstschaffen, Lehre, Dokumentation und Information. Es gibt eine umfangreiche Sammlung von in Berlin angefertigten Werkaufzeichnungen, an denen sich die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes seit etwa 1995 nachvollziehen lässt.

2008 haben sich, moderiert von Tanzplan Deutschland, die fünf genannten Einrichtungen zum Verbund Deutsche Tanzarchive zusammengeschlossen und gemeinsame Ziele und Forderungen definiert.

Werke des Tanzes im Netz?

Startseite des Medienkataloges am Centre national de la danse, Paris; Foto: Franz Anton CramerDie Herausforderung der Digitalen Kultur übersteigt aber die Leistungsfähigkeit einzelner Sammlungen. Vor allem wenn es darum gehen soll, Tanzwerke selbst, in bewegter Form, im Netz zugänglich zu machen. Zwar weisen offene Plattformen wie etwa Youtube eine ganze Reihe von Einträgen zu Tanzwerken nach, darunter auch von bedeutenden Künstlern. Die vorgeführten Ausschnitte sind aber meistens von miserabler Qualität, sie sparen jede brauchbare Quellenangabe aus und stehen fortwährend unter urheberrechtlichem Vorbehalt; zu Bildungs-, Studien und Analysezwecken taugen sie nicht.

Um in dieser Lage Qualitätsverantwortung zu übernehmen, haben sich in Frankreich die Nationalbibliothek, das Tanzhaus von Lyon und das Nationale Tanzzentrum in Paris zusammengeschlossen, um mit dem Internet-Projekt „Numéridanse“ der Öffentlichkeit Zugang zum choreografischen Vermächtnis der Moderne zu geben. In Deutschland steht einer solchen staatlichen Initiative der Föderalismus entgegen. Wer hier Tanzgeschichte anhand von Filmaufzeichnungen wichtiger Werke studieren will, muss in analoge Zeiten zurückkehren. Er muss bestimmte Orte aufsuchen und dort nach Film-Dokumenten suchen, die er dann unter bestimmten Bedingungen betrachten darf. Dabei hängt es oft vom Zufall ab, und bisweilen auch vom Wohlwollen der Archivare, ob er ein bestimmtes Werk überhaupt findet. Oft erschweren die Urheber beziehungsweise deren Erben und Vertreter den Zugang zu ihren Werken zusätzlich, zum Beispiel weil hohe Gebühren fällig werden oder nur bestimmte Nutzer zugelassen sind. Oder sie streben, wie etwa William Forsythe mit der „Motion Bank“, die digitale Darstellung ihres Schaffens in selbstbestimmter Form an.

Tanz als kulturelle Ressource

Lesesaal in der Bibliothek der Pariser Oper; Foto: Franz Anton CramerTeilhabe an Kultur, Geschichte und Wissen für alle, und zwar auch und besonders im weltweiten Netz und seinen sozial unterschiedslosen Nutzungsmöglichkeiten, das ist ein aktuelles Losungswort der Informationsgesellschaft. Dabei stehen kommerzielle Anbieter wie Google neben staatlich geförderten Initiativen wie etwa der digitalen Wissensplattform Europeana oder der Deutschen Digitalen Bibliothek. Welchen Platz hier aber der Tanz einnehmen soll, bleibt bislang völlig offen. Auch deswegen hat Tanzplan Deutschland im Rahmen seines Aufgabenportfolios die Pflege der kulturellen Überlieferung Tanz definiert.

Im Tanz verbinden sich ein spezifischer Werkbegriff, die digitale Verflüssigung des Stofflichen und der Auftrag zur Bewahrung unseres Kulturerbes in hochaktueller Form. Hier wird der Gegenstand selbst – der Tanz – nicht nur Objekt der archivischen Erschließung, er ist auch das Modell seiner intelligenten Weitergabe. Im Tanz wird das Immaterielle der Aufführung zum Objekt, das indessen erst durch seine digitale Darstellung Dauer erlangt – eine Dauer, die es vorher nicht haben konnte. Daher rührt wohl auch die Angst vieler Choreografen vor dem freien Zirkulieren ihrer Arbeiten auf elektronischen Datenträgern. Genau darauf aber hoffen vor allem junge Tanzkünstler, die viel weniger Auftritts- und Tourneemöglichkeiten haben, aber trotzdem ihre Werke öffentlich zeigen wollen.

Tanz ist eine wertvolle Ressource der Kultur. Die Digitale Welt bietet ihm besondere Chancen, sichtbar zu werden und in seiner Geschichtlichkeit erkannt zu werden. Doch obgleich es zahlreiche Einrichtungen gibt, die den Tanz in Deutschland dokumentieren und seine Spuren aufbewahren – einen politisch unterlegten, ernsthaften gesellschaftlichen Auftrag zu seiner Bewahrung gibt es bislang nicht.

Franz Anton Cramer
ist Tanzwissenschaftler und Publizist. Seit 2007 betreut er für Tanzplan Deutschland den Projektbereich „Kulturerbe Tanz“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010

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