Wissenschaft und Bildung

Schulstress hoch 8: Das Turbo-Abitur

Achtung Abitur; Copyright: picture-alliance/ dpa/dpawebAchtung Abitur; Copyright: picture-alliance/ dpa/dpawebQuer durch Deutschland klagen Schüler, Eltern und Lehrer über die Folgewirkungen von "G8". Der verkürzte Weg zum Abitur bedeute zu viel Stoff in zu kurzer Zeit – statt Schullust nur noch Schulfrust?

Der Weg bis zum Abitur – in 14 von 16 Bundesländern dauert er nur noch 8 statt 9 Jahre. Vor wenigen Jahren begonnen, setzen mit Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz ab 2008 alle Länder auf die Verkürzung der gymnasialen Schulausbildung. Doch der schulpolitische Großversuch stößt auf immer mehr Widerstand – Eltern und Schüler klagen über unzumutbare Bedingungen und Stress.

Hohe Belastung durch Turbo-Abi

13 Jahre Schule bis zum Abitur – im Blick auf die internationale Anschlussfähigkeit waren Politiker sich einig: Diesen Luxus kann Deutschland sich nicht mehr leisten. Jünger sollen sie sein, die deutschen Abiturienten, um schneller an die Uni und den Arbeitsmarkt zu kommen. Doch die Reform ist in Deutschland zum Kraftakt für die Betroffenen geworden: Eine Umfrage der Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern (LEV) zeigt, dass die Belastung in den Familien mit Beginn der 5. Klasse extrem gestiegen ist. 74 Prozent der 56000 befragten Eltern geben an, das hohe Lernpensum belaste ihren Familienalltag. 80 Prozent der Eltern attestieren ihrem Kind schulbedingte Stresssituationen, wovon für jedes zehnte betroffene Kind bereits fachliche Hilfe durch einen Schulpsychologen oder Kinderarzt nötigt ist. Gut 50 Prozent der befragten Eltern von Schülern der 5. - 8. Klasse beklagen, dass ihr Kind zu wenig Freizeit hat.

Gleicher Lernstoff, weniger Zeit

Schüler während der Abiturprüfung; Copyright: ColourboxBis zu 36 Stunden büffeln Schüler bundesweit an ihren Pulten. Hinzu kommen noch Hausaufgaben und Klausurvorbereitungen. Das Wochenpensum wächst so schnell auf 45-50 Stunden zusammen. Bei der Vorstellung zuckt so mancher Arbeitnehmer, mit tariflich garantierter Arbeitszeit von 37,5 Stunden zusammen. Kein Wunder, dass es damit auch vielen Kindern nicht gut geht. "Nachts wach ich oft auf. Ich denke dann immer, dass ich noch was lernen muss oder Hausaufgaben vergessen habe," so eins der Schülerzitate, die von der Offenburger Elterninitiative "G8 mit Lebensfreude" gesammelt wurden. Ein anderes Kind beklagt: "Ich würde gerne mal wieder am Wochenende zu Oma und Opa fahren. Aber ich habe keine Zeit. Ich muss ja für die Schule noch so viel machen."

Es fehlen gute Konzepte

"So geht es nicht weiter mit G8", sind sich Schüler, Eltern und Lehrer von Hamburg bis München einig. Weniger Lerndruck und bessere Schulkonzepte werden gefordert. Dringenden Handlungsbedarf sehen auch die Kultusministerien der Länder: In Niedersachsen, Hamburg, dem Saarland und Hessen wird die Forderung nach einer Senkung der 265 Jahreswochenstunden, die bis zum Abitur Pflicht sind, laut. Doch mit einer Kürzung der Stundenzahl allein ist es nicht getan. Was passiert mit dem Lernstoff?

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbands in Berlin Heinz-Peter Meininger ist alarmiert: "Von Ausnahmen abgesehen, gibt es in den Lehrplänen kaum mehr Streichungsmöglichkeiten. Der Umfang des verlangten Grundwortschatzes in den Fremdsprachen ist so gering wie noch nie in der Nachkriegsgeschichte, in manchen Bundesländern sogar geringer als an Realschulen." Auch in Geschichte und Mathematik falle vieles bereits weg, was zur elementaren Bildung gehöre. "Wir dürfen nicht vergessen, dass mit rund 9500 Vollzeitstunden in fast keinem OECD-Land so wenig Unterrichtsstunden bis zum Abitur erteilt werden wie in Deutschland."

Abi light verfehlt das Ziel

Während Politiker noch über neue Bildungskonzepte grübeln, ziehen viele Eltern bereits Konsequenzen. "Es ist kein Zufall, dass der Trend zur Wahl der Gesamtschule als Alternative sich auch in diesem Jahr wieder verstärkt hat. Dort haben Kinder nicht nur ein Jahr mehr Lernzeit bis zum Abitur, die Bildungsabschlüsse werden auch länger offen gehalten", sagt Udo Beckmann, stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) in Berlin. Auch freie Schulen, von Montessori bis Waldorf, können längst nicht mehr so viele Schüler aufnehmen, wie angemeldet werden. Die Wartelisten sind lang.

"Jede Landesregierung, die meint, die bestehenden G8-Probleme mit Stoffkürzungen, Stundenstreichungen oder kosmetischen Korrekturen lösen zu können, befindet sich in einem großen Irrtum", so Meininger. Denn: "Qualitätsabstriche beim Abitur würden letztendlich die Schüler selbst ausbaden müssen, wenn sie mit ihrem Abi light an den Universitäten chancenlos dastehen."

Damit wäre das G8-Ziel für bessere internationale Anschlussfähigkeit gründlich verfehlt. Die bildungskluge Alternative indessen kostet Geld. Viel Geld. Im Wunsch, den Schülern bessere Betreuung und Hilfestellung zu geben, stoßen Gymnasien aller Orten schnell an ihre Grenzen. Denn was sie dafür dringend brauchen, sind mehr Lehrer und Betreuungspersonal für Nachmittagsunterricht, Förderkurse, Hausaufgabenbetreuungen und Mensen, die für warme Mittagsmahlzeiten sorgen. Doch was in Skandinavien, Frankreich und England schon lange selbstverständlich ist, liegt in Deutschland noch wie ein großer Schatten auf der Finanzkasse: Ernst Rösner, Bildungsforscher am Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund, schätzt die Kosten für einen bundesweiten Ausbau der Ganztagsbetreuung an Gymnasien auf 6-8 Milliarden Euro.

Bettina Levecke,
freie Journalistin

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März 2008

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