Europa

Ruhr 2010: Alle Farben der Welt – das Projekt „Seven European Gardens“

© atavus e.V.© atavus e. V.Färbergärten – allein der Klang dieses Wortes lässt vergangene Welten lebendig werden. Das Projekt Seven European Gardens verbindet sieben Färbergärten, die als „Soziale Skulpturen“ in der Kulturhauptstadt „Ruhr 2010“ installiert wurden, mit Partnergärten in der ganzen Welt.

Färbergärten – allein der Klang dieses Wortes lässt vergangene Welten lebendig werden. Prächtige mittelalterliche Gärten, Alchemisten, die sich in geheimen Laboren der Suche nach dem perfekten Rot, Gelb oder Blau widmeten. Auch die Maler selbst übten sich in der Kunst der Farbherstellung. Das Ergebnis dieser Arbeit bezaubert uns noch heute, wenn wir uns in den leuchtenden Farben eines Tizian oder Rembrandt verlieren. Und doch ist diese Kunst in Vergessenheit geraten, seit es möglich ist, Farben synthetisch herzustellen.

Die Farben

© atavus e. V.Der Künstler Peter Reichenbach hatte irgendwann die Nase voll von den chemischen Farben: „Als Künstler habe ich viele Acrylfarben benutzt. Im Rahmen der allgemeinen Überlegungen zu Biolebensmitteln, zu neuen Lebensformen, habe ich in meinen Malkasten hinein geguckt und mir überlegt, was ich da eigentlich mache. Und dann habe ich begonnen, mich an mittelalterlichen und sogar antiken Techniken zu orientieren. So bin ich dann auf die Färberpflanzen gestoßen, wo man wirklich mit Biofarben arbeiten und auch neue Rezepte kreieren kann.“

Da das Wissen um die Herstellung von Farben aus Pflanzen jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten war, musste Reichenbach erst einmal tief graben, um sich die entsprechenden Kenntnisse zu erschließen. Bei der Recherche hat ihm vor allem das Ruhr Museum in seiner Heimatstadt Essen geholfen. Von Spezialisten bekam der Künstler hier wertvolle Tipps. Neben der umfangreichen Sammlung des Museums wurde er auch in den Archiven der Universität von Massachusetts fündig: „Die Universität hat viele alte Dokumente eingescannt, wo ganz klare Rezepte und Anweisungen stehen. Und dann knabbert man sich durch so ein Mittelhochdeutsch durch und kocht nach und findet so vieles nach und nach wieder heraus.“ Um dieses Wissen optimal nutzen zu können, begann Peter Reichenbach selbst Färbergärten anzulegen, in denen er alte Färberpflanzen neu kultiviert.

Die Gärten

© atavus e. V.Aus den eigenen positiven Erfahrungen mit den Färbergärten entwickelte Peter Reichenbach das Projekt Seven Gardens, eine Sozialskulptur im Sinne von Joseph Beuys: „Die Idee ist es, ein soziales Netzwerk zu bilden, in dem über die Kunst politische Themen wie Biodiversität, Generosion und vieles mehr, was für die moderne Gesellschaft wichtig ist, transportiert wird,“ erklärt der Künstler. Um diese Idee umzusetzen, gründete er zusammen mit anderen Künstlerinnen und Künstlern den Verein atavus e. V. Die ersten sieben Gärten entstanden in Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Wuppertal und Mpumalanga, der südafrikanischen Partnerregion Nordrhein-Westfalens.

Nachhaltige Bildung spielt eine zentrale Rolle im Konzept der „Seven Gardens“. Dabei geht es nicht nur um die Unterweisung in handwerklichen Prozessen, sondern auch um die grundlegende Sensibilisierung für Themen wie den Erhalt beziehungsweise die Förderung der Artenvielfalt. Auch ermöglicht eine pädagogische Begleitung die anschauliche Vermittlung von biologischen Prozessen, ökologischen Zusammenhängen und chemischen Reaktionen.

Robins Orange

© atavus e. V.Bei den verschiedenen Workshops, Aktionen und Ausstellungen kommen Kinder und Jugendliche, Künstlerinnen und Künstler, Handwerkerinnen und Handwerker aus den verschiedensten Ländern miteinander in Kontakt und bereichern das Projekt mit ihrem Wissen. Bei der kreativen Zusammenarbeit gibt es, wie Peter Reichenbach erzählt, immer wieder Überraschungen:

„Eine Lieblingsgeschichte von mir ist die Geschichte von Robin. Er war der einzige Junge in einem Workshop und hat die ganzen Abfälle bekommen. Er hatte nur einen hässlichen alten Messingmörser, während die Mädchen mit den schönen weißen Porzellanmörsern arbeiteten. Von den Färberdisteln hat er nur den ausgepressten Trester bekommen, bei dem das Gelb schon ausgewaschen war. Er saß dann still an seinem Platz, werkelte vor sich hin und kam auf einmal mit einem fantastischen Rot-Orange um die Ecke. Ich wusste überhaupt nicht, wie er das gemischt hatte. Er hat mir das dann erklärt: Alte Zitronenschalen, also der Zitronensaft hieraus und das Öl in den Schalen, in Reaktion mit dem Messing des Mörsers und den ausgewaschenen Färberdisteln. Und das ergab dann eben dieses fantastische Orange, das es so noch nicht gab. Wir haben das ‚Robins Orange‘ genannt und die Farbe ist somit in die Annalen der Seven Gardens eingegangen.“

Seven European Gardens

© atavus e. V.Um das Netzwerk innerhalb Europas auszuweiten, entwickelte der Verein atavus e. V. im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 das Projekt Seven European Gardens. Neben den beiden anderen Kulturhauptstädten 2010 – Istanbul und Pécs – sind auch Litauen, Finnland, Frankreich, England, die Slowakei und Israel mit dabei. Peter Reichenbach und seine Künstlerkollegen reisen in die jeweiligen Partnerstädte, halten dort Impulsreferate, vermitteln die Technik der Farbherstellung in Workshops, organisieren Ausstellungen, zeigen Dokumentationen und Produkte der Ruhr-Gärten. So können die Künstlerinnen und Künstler vermitteln, wie man einen Färbergarten anlegt und welche Möglichkeiten so ein Garten bietet. Seven European Gardens wurde von der UNESCO als offizielles Projekt der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet. Das ist nur eine von zahlreichen Ehrungen, die dem Projekt im Laufe der Jahre zuteil geworden sind.

© atavus e. V.Auch auf der Landesgartenschau im nordrhein-westfälischen Hemer ist das Projekt verteten. Der Färbergarten in Hemer wurde von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ zu einem der „365 Orte im Land der Ideen“ erkoren. Jeder der ausgewählten Orte kann an einem Tag des Jahres auf einer eigenen Veranstaltung seine Idee der Öffentlichkeit vorstellen und damit das wirtschaftliche und kulturelle Potenzial Deutschlands erlebbar machen. Seven European Gardens wird sich am 4. Oktober 2010 in Hemer präsentieren.

Die jüngste Auszeichnung erhielt der Färbergarten an der Grundschule Königshöher Weg in Wuppertal für das Projekt „Drucktinte aus der eigenen Färberwerkstatt“. Es ist bereits die fünfte Auszeichnung des Projektes durch die UNESCO. Auf der Preisverleihung überreichten die Kinder ein Fläschchen ihrer aus Rotkohl hergestellten Tinte an Heidi Consentius von der UNESCO-Zentrale. „In Berlin haben sie die Tinte dann ausprobiert und die hat hervorragend funktioniert,“ berichtet Reichenbach. „Jetzt kam die Anfrage nach einigen Litern, damit die Tinte von der UNESCO genutzt und verteilt werden kann.“

Vision und Wirklichkeit

Innerhalb von zehn Jahren hat sich rund um die Färbergärten ein internationales kreatives Netzwerk gebildet. Viele neue Ideen sind dabei entstanden: zu der Herstellung von Farben kamen Kosmetika, Theaterschminke, bunte Heiltees, Tinte, ein Konzept für nachhaltigen Tourismus und vieles mehr. „Und so entwickeln sich dann kleine Kreisläufe, die jetzt sogar schon in Richtung Wirtschaftskreisläufe gehen. Das hatte ich mir als Vision erhofft, habe aber eigentlich nicht wirklich daran geglaubt,“ freut sich der Projektinitiator. Und so wurde aus einer fast vergessenen Kulturtechnik ein hochaktuelles Projekt.

Anja Bardey
arbeitet als Redakteurin und freie Journalistin in Düsseldorf und Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010

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