Europa

Mehr als Kaffee und Kuchen – Berliner Kult-Cafés

Cupcakes; © NelsonCupcakes; © NelsonBerliner lieben es, sich im Café zu treffen. Wobei der Begriff Café nicht auf Kaffee und Kuchen beschränkt ist. Es geht um kulinarische Köstlichkeiten, aber auch um kleine und große Kunst.


Ganz zart packen tätowierte Hände die Cupcakes auf die Teller: Lemon Drop, den Vanille-Kuchen mit Zitronen-Buttercreme. Sugar’n’Spice, Karotten-Kuchen mit Frischkäse-Buttercreme. Und The King, Schokoladen-Kuchen mit Erdnuss-Buttercreme und Bananen-Splitter. Cupcakes sind kleine leichte Kuchen, bedeckt von einer großen Buttercremehaube, die so bunt und süß ist, dass man beim ersten Bissen denkt, der Mund klebt zu, und sie danach nie mehr missen möchte. Und sie sind in Berlin momentan extrem angesagt. Was man schon daran merkt, dass sie bei Cupcake Berlin von einem Mann serviert werden, den man mit seinen großflächigen Tattoos eher im Musiker-Milieu als hinter einem Kuchentresen verortet hätte.

Cupkake; © Nelson„Wir haben ein Jahr lang recherchiert und probiert, bevor wir aufgemacht haben“, sagt Dawn Nelson. Die Gründerin von Cupcake Berlin hat die amerikanische Spezialität im April 2007 in die deutsche Hauptstadt gebracht. „Damals wussten die Berliner gar nicht, was ein Cupcake ist“, erinnert sich die 34-jährige Amerikanerin, die vorher als Visagistin arbeitete. Heute stehen die Leute in ihrem Laden am Tresen Schlange oder warten auf Sitzplätze. „Die Menschen sind meist richtig aufgeregt, wenn sie die verschiedenen Typen und Farben der Cupcakes das erste Mal sehen“, erzählt Dawn Nelson. „Es ist wirklich toll zu beobachten, wie glücklich sie das macht.“

Cupcakes sind die jüngste Entwicklung in der langen Berliner Café- und Kaffeehaus-Geschichte. Sie begann, als der Wiener Zuckerbäcker Johann Georg Kranzler, später preußischer Hofkonditor, 1835 Unter den Linden das Café Kranzler aufmachte. Mit „Musikbande, aus dem schönen Italien importiret“, wurde es bald ein beliebter Treffpunkt. Heute befindet es sich im ersten Stock eines Bekleidungsgeschäftes am Kurfürstendamm, doch die glanzvollen Zeiten sind vorbei.

„Bassins“ für Schwimmer und Nichtschwimmer

Das Kranzler; Foto: Lorenz ViereckeAn gleicher Stelle, wo jetzt das Kranzler ist, hatte 1898 das Café des Westens eröffnet. Der bürgerliche Salon war passé, das Kaffeehaus übernahm die Rolle, und das Café des Westens entwickelte sich schnell zum wichtigsten Künstler-Treff Berlins. Hier ersonn Ernst von Wolzogen 1901 das erste deutsche Kabarett, das Überbrettl. Der Maler Max Liebermann hielt am Stammtisch Hof. Am Komponistentisch saßen Paul Lincke und Walter Kollo, Richard Strauss, Friedrich Hollaender. Café Größenwahn wurde das Café des Westens im Volksmund genannt. Herwarth Walden, Franz Pfemfert, Else Lasker-Schüler, Max Reinhardt und Frank Wedekind gehörten zu den Stammgästen.

Als das Café des Westens 1921 schloss, waren die Künstler bereits ins 1916 eröffnete, ebenfalls am Kurfürstendamm gelegene Romanische Café abgewandert. Dort gab es zwei Bereiche. Die Erfolgreichen wie Gottfried Benn, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Otto Dix, George Grosz, Erich Maria Remarque, Billy Wilder und Stefan Zweig saßen im sogenannten „Bassin für Schwimmer“, einem Gewölbe mit zwanzig Tischen. Alle anderen im etwa dreimal so großen „Bassin für Nichtschwimmer“. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten bedeutete das Ende, und die meisten Stammgäste wurden in die Emigration getrieben.

Frühstück am Abend und Dinner am Morgen

Das Schwarze Café; Foto: Lorenz ViereckeDie Berliner Kult-Cafés sind Künstlerlokale, und diese Tradition lebte Ende der 1970er-Jahre wieder auf. 18 Studenten eröffneten 1978 das Schwarze Café, benannt nach der Farbe der Anarchie. Eine Kommune. Seitdem hat es täglich 24 Stunden lang geöffnet – außer dienstags zwischen drei und elf Uhr. Anfangs gab es auch eine Bühne. „Wir haben von den Nachtgästen und dem Frühwahnsinn, der da abging, gelebt“, sagt Mitbetreiber Wieland Haas, und verschränkt seine tätowierten Arme über der Brust. Vier Inhaber sind sie heute, er kam 1986 dazu. Den Frühwahnsinn gibt es heute nur noch am Wochenende, wenn die Clubgänger einfallen. „Zwischen halb fünf und halb acht ist es hier knallvoll. Es gibt aber auch keine anderen Bekloppten, die hier so was machen, wie wir.“

„Bekloppt“ deshalb, weil man hier rund um die Uhr auch Frühstück und warme Hauptgerichte bekommt. „Drogen sind nicht unser Stil“, sagt Haas, und da er für jemand, der mit über 40 in der Gastronomie arbeitet, extrem gesund aussieht, glaubt man ihm das gerne. Viele Künstler, Schauspieler und Tänzer kommen abends, zum Mittagstisch kommen die Gäste aus den umliegenden Büros und Geschäften. Das Schwarze Café hat sich gewandelt und ist sich mit seinen rot-schwarz bemalten Wänden und dem Neonpapagei im Schaufenster dennoch treu geblieben. Das macht es zum Kult-Café.

Torten im „Bierhimmel“

Screenshot barcomis.de; © Barcomi’sNatürlich gibt es in Berlin auch viele Cafés, die vor allem wegen ihrer kulinarischen Köstlichkeiten beliebt sind. So ist der Bierhimmel, obwohl der Name nach Absturz klingt, für seine hausgemachten Torten bekannt. Und in Albrechts Pâtisserie backt Konditormeisterin Stephanie Albrecht sensationelle, französisch inspirierte Tartes und Törtchen. Die angloamerikanischen Backtraditionen, zu der auch die Cupcakes gehören, hat die Amerikanerin Cynthia Barcomi nach Berlin gebracht, die 1994 Barcomi’s Kaffeerösterei eröffnete. Im Schaufenster röstet eine riesige Maschine frischen Kaffee, dazu gibt es New-York-Cheesecake, Muffins, Brownies und Scones.

Einspänner und Melange für das politische Berlin

Einstein Unter den Linden; Foto: Lorenz ViereckeDoch die Cafés, die Kult werden, sind vor allem die mit einem künstlerischen Touch. Wie auch das Einstein. Das Stammhaus wurde 1978 in einer grandiosen, einst vom Stummfilmstar Henny Porten bewohnten Villa eröffnet. Ein Wiener Kaffeehaus. Die inzwischen verstorbene Gründerin Uschi Bachhauer gab Theateraufführungen, Lesungen und Liederabenden Raum. Das brachte den Regisseur, Schauspieler und Maler Gerald Uhlig-Romero ins Haus. Er und Uschi Bachhauer verstanden sich gut. „Und dann ergab sich das Angebot, hier Unter den Linden auch ein Einstein zu machen“, erzählt Uhlig-Romero.

So eröffneten sie 1996 das Einstein am Ostberliner Prachtboulevard, mit Einspänner, Melange und Apfelstrudel. Hier trifft sich das politische Berlin: Bundesminister, Abgeordnete, Journalisten. Auch Angela Merkel oder Guido Westerwelle kann man hier schon mal frühstücken sehen. Uhlig-Romero hat eine Galerie ans Kaffeehaus angeschlossen, in der er hochkarätige Fotoausstellungen zeigt: Bilder von Helmut Newton, Wim Wenders, Edward Hopper. „Ich wollte ein Kunstwerk schaffen, das wie ein Bienenkorb ist, in dem alle Gesellschaftsgruppen aufeinanderstoßen“, sagt Uhlig-Romero. „Das Einstein ist für mich im Sinne von Beuys eine soziale Plastik.“ Es steckt viel Kunst in der Berliner Café-Tradition.
Stefanie Dörre
ist Stellvertretende Chefredakteurin des Berliner Stadtmagazins „tip“

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2011

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