„Philosophen müssen sich einmischen“ – Richard David Precht im Gespräch

Seit seinem Weltbestseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ ist Richard David Precht der populärste Populärphilosoph Deutschlands. Mit Goethe.de sprach er über die Rolle der Philosophie im Alltagsleben, den Zusammenhang von Glück und Denken – und den Luxus der Liebe.
Herr Precht, im Fernsehen haben Sie einmal gesagt, dass Philosophie „ein Abfallprodukt der Langeweile“ sei. Ist Philosophie nur wichtig, wenn man kein spannendes und glückliches Leben führt?
Wann jemand Philosophie braucht, ist jedem selbst überlassen. Meinen Alltag jedenfalls bereichert sie ungemein. Aber ich würde auch nicht jedem Menschen empfehlen, sich mit Philosophie zu beschäftigen.
Wer sollte es denn tun?
Jeder, der ein Interesse daran hat, sich auf intelligente Weise mit sich selbst und dem Leben auseinander zu setzen. Ich persönlich glaube, dass der, der über sich selbst zu reflektieren versteht und Distanz zu seinen Gefühlen gewinnt, auch größere Chancen hat, glücklich zu werden.
Krisen als Denkmotor
Wann brauchen die Menschen Philosophie besonders?
Philosophie ist eigentlich nur in Krisenzeiten richtig gefragt. Das war schon in der Antike so. Der Gedanke, dass Philosophie ein Teil des Alltags und der Politik sein sollte, stammt ja von den alten Griechen, die in der Krise die Demokratie erfunden haben. In Deutschland hat Philosophie deshalb nur einen geringen Stellenwert. Uns geht es, glücklicherweise, einfach zu gut dazu. Wir haben keine Veranlassung, uns auf breiter Bühne intensiv mit philosophischen Fragen auseinander zu setzen.
Aber wir leben doch in einer Art Krisenzeit! Haben Philosophen zum Börsencrash, zum Terrorismus und zu den fragwürdigen Seiten von Gentechnik und Internet nichts zu sagen?
Klar, natürlich. Was machen die Medien mit uns? Was wird aus dem Datenschutz? Was verändert sich mit der Gentechnik, durch den Terrorismus? Das sind alles philosophische Fragen. Auch in der Hirnforschung ist man schnell in ethischen Regionen. Hier sind die Philosophen gefragt, das ist keine Aufgabe der Neurobiologen mehr. Hier hat die Philosophie die Pflicht, sich praxisorientiert einzubringen. Da müssen Philosophen sich einmischen.
Peter Sloterdijk statt Kant
Warum tun Sie es dann – im Gegensatz etwa zu Frankreich – in Deutschland nicht?
Meines Erachtens ist das ein akademisches Problem. Wir haben an den Universitäten ja eine Elfenbeinturm-Kultur. In unseren Universitäten werden die Studenten der Geisteswissenschaft kaum auf Alltagsprobleme vorbereitet; die Gegenwart spielt im Philosophiestudium zumeist keine Rolle. Es gibt hierzu vielleicht vier Lehrstühle, aber 40 professorale Kant-Experten. Ich fände das umgekehrte Verhältnis besser.
Im Übrigen gibt es ja auch Ausnahmen, wie Peter Sloterdijk, der mit seinem Philosophischen Quartett ja sogar eine Fernsehsendung hat. Aber Sloterdijk ist auch kein reines Hochschulgewächs.
Philosophisch reisen
Inwiefern will Ihr Buch ”Wer bin ich – und wenn ja: wie viele?” auch eine Ausnahme sein?
Mein Buch ist eine Art populärer Orientierungshilfe im Dickicht der Wissenschaften. Ich wollte jenes Buch schreiben, das ich mir als Philosophiestudent immer gewünscht habe. Eine Philosophiegeschichte, die die Philosophie nicht zu einer historischen, sondern einer lebendigen Angelegenheit machen soll. Und eine philosophische Reise, die über den Tellerrand der Disziplin hinausblicken will, zum Beispiel zu den Erkenntnissen der Hirnforschung.
Gesetzt den Fall, die rund 800.000 Käufer Ihres Buches haben es auch gelesen: Ist die deutsche Gesellschaft dadurch klüger geworden?
Ich würde es anders herum formulieren: Wenn auch nur jeder zweite Käufer mein Buch gelesen hat und in der Lage war, es auch zu verstehen, kann es um die Bildungslage der Nation nicht allzu schlecht bestellt sein. Dann muss einem bei weitem nicht so angst und bange sein, wie die Propaganda in den Medien uns das weismachen will. Denn ganz einfach zu lesen ist mein Buch ja nicht.
Liebe ist überflüssig
In ihrem neuen Bestseller stellen sie die Liebe als biologisch sinnlosen, entwicklungsgeschichtlichen Luxus dar. Ist es aus philosophischer Perspektive nicht besser, sich sinnlos zu verlieben, als ein Buch darüber zu lesen?
Warum sollte man nicht beides tun? Über die Liebe zu lesen und darüber nachzudenken, das kann doch nicht schaden! Mit meinem Buch jedenfalls versuche ich darzulegen, dass die Liebe als Sinnangebot wie die Religion durchaus auch philosophische Seiten hat. Und ich versuche, den Leser zu ermuntern, intelligenter mit der Liebe umzugehen. Wenn das gelingt, wäre schon viel gewonnen.
2009 kam Prechts Buch Liebe. Ein unordentliches Gefühl heraus, das davon ausgeht, das Verliebte jene Lücke zu schließen suchen, die die Abnabelung von den Eltern während der Pubertät gerissen hat. Precht ist mit der luxemburgischen TV-Moderatorin Caroline Mart verheiratet. Er hat einen Sohn, drei Stiefkinder und pendelt zwischen Köln und Luxemburg hin und her.
stellte die Fragen. Er ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke. Zudem arbeitet er als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) und Lexikonberater in Köln.
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Juni 2009
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