„Welt der Gründe“ – ein Philosophiekongress als gesellschaftliches Ereignis

Alle drei Jahre veranstaltet die Deutsche Gesellschaft für Philosophie einen Kongress, der über das gesamte Spektrum des Fachs den Stand der philosophischen Forschung spiegelt. Im September 2011 traf man sich in München – und nutzte die Gelegenheit, um mit zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen die Philosophie in die Öffentlichkeit zu tragen.Wenn sich alle drei Jahre auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Philosophie die Zunft der Philosophen trifft, um sich auf den neuesten Stand darüber zu bringen, worüber die Kollegen denn derzeit so forschen, dann sind die Vorträge in den einzelnen Sektionen sicherlich nicht unbedingt dazu angetan, Außenstehenden Appetit auf die akademische Philosophie zu machen. Zu speziell sind nicht nur die Themen, speziell sind auch die Vorkenntnisse, die man als Zuhörer mitbringen sollte, wenn man selbst auf die eine oder andere Erkenntnis hofft. Und deshalb bleiben die vielen Spezialisten in diesen Veranstaltungen auch meist unter sich. Das ist bei Fachkongressen nun einmal so. Auch und gerade bei den Philosophen. In München war es nicht anders – zumindest in den Kolloquien und Vorträgen der „Sektionen“.
Epistemischer Relativismus, Knoll-Schütrumpf-Kontroverse
Auch hier wurden, wie es sich für eine solche Veranstaltung gehört, sehr spezielle Fragen behandelt, wie etwa die, wie es denn der Inferentialist mit den singulären Termen halte, oder wie es um die Struktur des fundamentalen Arguments für den epistemischen Relativismus bestellt sei. Das dürfte die breite Öffentlichkeit wohl tatsächlich nicht sonderlich interessieren, für Fachkollegen aber sind solche Fragen von höchstem Interesse.
Auch Fragen, von denen man meinte, sie seien längst entschieden, durften wieder aufgegriffen werden. Etwa jene, ob die Politik des Aristoteles tatsächlich, wovon die seit langem herrschende „genetisch-analytische“ Meinung überzeugt ist, eine von späteren Redakteuren zusammengestellte Textsammlung darstellt, oder ob wir es hier doch, wie die Verteter der „unitarischen“ Gegenthese behaupten, mit einem einheitlichen Werk zu tun haben. Eine Kontroverse, die zwischen dem prominentesten Vertreter der genetisch-analytischen Lesart, Eckart Schütrumpf, und dem in Istanbul lehrenden Politikphilosophen Manuel Knoll derzeit in der Zeitschrift für Politik ausgetragen wird.
So weit, so gut. Und dennoch: In München war bei diesem Kongress dann doch einiges anders als gewohnt. Die Veranstalter nämlich ließen diesmal eine ganze Armada namhafter Vertreter ihres Fachs von der Leine und schickten sie hinaus in die Stadt.
Philosophinnen und Philosophen in der Stadt
Außer zu den Plenar- und Abendvorträgen in der Großen Aula der Universität, bei denen unter anderen Susan Neiman über „Politische Ziele, moralische Gründe“ und Jürgen Habermas „Über die Verkörperung von Gründen“ referierten, war die Öffentlichkeit in diesem Jahr zu einer Fülle von Kooperationsveranstaltungen eingeladen, die an den unterschiedlichsten Orten die gesellschaftliche Relevanz und „Anschlussfähigkeit“ der Philosophie vor Augen führten.
Im Münchner Filmmuseum etwa demonstrierte Eva Schürmann an Ingmar Bergmans Persona, „was es heißt, eine Person zu sein“ und referierte Noël Carroll mit besonderem Fokus auf den anschließend gezeigten Klassiker Vertigo über „Alfred Hitchcock und die Philosophie der Liebe“. Im „Haus der Eigenarbeit“ (Hei) bot Andreas Woyke von der Technischen Universität Darmstadt einen Workshop zum Thema „Sinn- und Glückssuche in modernen Zeiten“ an, im Caritas Zentrum ging man im Rahmen einer Podiumsdiskussion Fragen rund um die „Ethik des Sterbenlassens“ ethischen Problemen der „neuen Macht über den Tod“ nach, das Jüdische Museum lud unter der Überschrift „Konstruierte Wahrnehmungen“ zu einer Diskussion über „das Jüdische“ als Stereotyp und Sinnstifter – kurzum: Das Rahmenprogramm des diesjährigen Kongresses allein wäre ein hinreichender Grund für eine Reise nach München gewesen!
Förderpreis des Goethe-Instituts – „O’zapft is“
Zum ersten Mal vergeben wurde im Rahmen des Kongresses der vom Goethe-Institut initiierte Förderpreis für den philosophischen Nachwuchs. Als erster Preisträger wurde der 1974 in Tunesien geborene Sarhan Dhouib ausgezeichnet. Er überzeugte die Jury mit seiner Arbeit über die universelle Begründbarkeit der Menschenrechte und konnte sich gegen zahlreiche Bewerbungen aus 14 Ländern durchsetzen, die mit ihren Aufsätzen auf die Wettbewerbsfrage „Universalität versus Relativität der Selbst- und Weltauslegungen – Gegensatz, Differenz oder Einheit?“ geantwortet hatten. Der Preis soll zu wechselnden Themenschwerpunkten in Zukunft jährlich ausgeschrieben werden.
Die Preisverleihung fand im Rahmen eines „Kulturempfangs“ statt, zu dem auch der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude seinen Beitrag leistete – doch dies nicht etwa in einer jener Reden, die Bürgermeister anlässlich eines wichtigen Kongresses in ihrer Stadt üblicherweise halten, sondern mit einem kabarettistischen Vortrag über sein Amt. Und weil zu den wichtigsten, weil weltweit beachteten Amtspflichten eines Münchner Oberbürgermeisters nun einmal in jedem Jahr die Eröffnung des größten Volksfestes der Welt, des Oktoberfestes, gehört, berichtete Ude davon, wie er als frisch gewählter Oberbürgermeister in die Kunst des Anzapfens eingewiesen wurde und welche Albträume er in der Nacht vor dem Tag hatte, an dem er nach vollbrachter Arbeit endlich zum ersten Mal ausrufen durfte „O’zapft is“. Ein für unvorbereitete Gäste vermutlich überraschender, in jedem Fall aber vergnüglicher Beitrag.
Große Fußstapfen für den neuen Präsidenten
Julian Nida Rümelin, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, scheidet zum Jahresende 2011 aus diesem Amt aus. Er und seine Mitarbeiter haben sich zum Ende seiner Amtszeit mit diesem gelungenen Kongress ein schönes Abschiedsgeschenk gemacht. Der zu seinem Nachfolger gewählte Michael Quante hat nun drei Jahre Zeit, die großen Fußstapfen zu füllen, die ihm da hinterlassen wurden.
Dr. phil., ist Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke in München und Chefredakteur der Zeitschrift für Politik.
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Oktober 2011
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