Modernes Leben

„Das ist ein Ort, wo ich leben kann“ – Alba D’Urbano über Leipzig

Die italienische Künstlerin Alba D’Urbano wohnt und arbeitet seit 15 Jahren in Leipzig. Im Interview spricht sie über die Offenheit und das große Kulturpotenzial einer Stadt, die sich stark verändert hat. In der aber die Spuren und Brüche der Vergangenheit lesbar bleiben.

„Mein Leipzig lob’ ich mir! Es ist ein klein Paris, und bildet seine Leute.“ Das lässt Goethe einen Studenten in seiner „Faust“-Dichtung sagen. Können Sie diese Begeisterung teilen?

Alba D’Urbano: Ja, doch. Ich denke aber, das Bild, das Goethe von Leipzig wiedergibt, ist ein ganz anderes als wir es heute wahrnehmen. Was Leipzig gegenwärtig interessant macht, ist die Gebrochenheit. Man kann die Spuren der Geschichte noch lesen – in der Architektur, in den Straßen. Und es gibt eine besondere Leere – Freiräume für eigenes Tun.

Bis in die Zwanzigerjahre war Leipzig eine bürgerliche, stark vom Handel geprägte Stadt. Ein großer Teil der Bewohner – auch Kulturinteressierte und Künstler – waren jüdischer Herkunft. Während der Nazidiktatur wurden viele vertrieben oder ermordet. Durch den Krieg und den ökonomischen Ost-West-Konflikt in der DDR-Zeit verließen viele Menschen die Stadt. Leider hielt dieser Prozess auch nach 1989 an. Aber man spürt einen großen Willen, auf der Basis der regionalen alten Kultur etwas Neues zu implantieren. Gerade im Kulturbereich gibt es ein großes Potenzial. Das macht Leipzig besonders, auch wenn es ökonomisch noch von Subventionen leben muss.

Von Tivoli nach Leipzig

Sie sind in Tivoli bei Rom geboren. Ist Leipzig Ihre Wahlheimat?

Die Etappen meines Lebens sind immer von meiner Arbeit bestimmt worden. Ich habe in Rom Malerei und Philosophie studiert. Darüber hinaus und parallel dazu war ich sehr stark in die politisch-künstlerische, besonders auch die feministische Bewegung der Siebzigerjahre involviert. Wir haben mit Performances und Medien experimentiert. Ich habe mich entschieden, aus Italien wegzugehen, weil ich mich besser im Medienkunstbereich ausbilden wollte. Deshalb absolvierte ich in Berlin, an der Hochschule der Künste, ein Meisterstudium. Meine Professur an der Hochschule für Grafik und Buchkunst hat mich Jahre später von Frankfurt nach Leipzig gebracht.

Außen- und Innensichten

Die Tourismusmanager sind stolz, dass die „New York Times“ 2010, der britische „Guardian“ 2011 Leipzig als Reiseziel empfahlen. Vor allem wegen Bach, Schumann und Mendelssohn – berühmten Musikern, die in der Stadt wirkten. Aber auch wegen der Leipziger Baumwollspinnerei, einem angesagten Szeneort zeitgenössischer Kunst. Ist das eine zu enge Sicht?

Das ist immer eine doppelschneidige Strategie. Einerseits ist es problematisch, wenn der Akzent nur auf eine Besonderheit der Stadt gelegt wird. Andererseits ist es sicher für die Stadt und ihre Bewohner vorteilhaft, Medienaufmerksamkeit zu erhalten. Wenn Touristen nach Leipzig kommen, werden sie sicher auch anderes entdecken ...

Was würden Sie empfehlen?

Das Völkerschlachtdenkmal. Weil es so erschreckend ist. Es hat eine archaische Schönheit, es drückt ein nationalistisches Bewusstsein aus, das das ganze 20. Jahrhundert verblutet hat. Das ist wirklich ein Denkmal – im positiven wie im negativen Sinn. Es ist etwas Besonderes, das die deutsche Kultur in einer gewissen Zeit hervorgebracht hat. Ja, das ist wie ein Tempel, aber ein Tempel des Schreckens.

Was hat sich geändert, seit Sie in Leipzig leben?

Als ich 1993 meine Probevorlesung hatte und hierher kam, war alles noch grau. Wir hatten Mühe, ein Café zu finden. Die Ost-Vergangenheit war noch stark zu spüren. Trotzdem hatte ich sofort den Eindruck: Das ist ein Ort, wo ich leben kann. Die ungebrochene urbane Struktur und das homogene Zentrum wirkten damals südländisch auf mich. Ich bin peu à peu in Leipzig hineingewachsen, und die Stadt ist auch ein bisschen mit mir herangewachsen: wir haben uns sozusagen immer mehr angenähert. Viele Cafés und kleine Geschäfte wurden eröffnet, ein Markt findet wöchentlich im Zentrum statt – wo ich mein frisches Gemüse kaufen kann, Fluss-Kanäle wurden freigelegt. Am Anfang gab es nur ein paar enge „Konsum“ – so hießen die Supermärkte in der DDR. Das Lebensgefühl ist einfach anders geworden. Die Stadt wird wieder mehr zu diesem „kleinen Paris“, wie sie Goethe im „Faust“ beschreibt.

Hat sich Ihr Blick auf die Stadt auch verändert?

Nicht wirklich. Ich finde, dass Leipzig und der ganze Osten noch sehr benachteiligte, verkannte Regionen sind. Es ist zu wenig gemacht worden für diese Städte nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Die Fassaden sind renoviert, aber der ökonomische Saft fehlt, damit hier wieder etwas in Gang kommt von dem alten Handel und der Industrie.

Große Fragen lokalisieren

Sie haben Ihre Studenten zu Ausstellungen an verschiedensten Orten der Stadt angeregt – wie zum Beispiel „Das Böse ist ein Eichhörnchen“ im Landgericht. Welche Erfahrungen hat das gebracht?

Ich denke, dass die Hochschule kein Elfenbeinturm sein soll. Deshalb arbeite ich auf zwei Ebenen: Einige Projekte konzentrieren sich auf kunstimmanente Fragen; andere stellen politische und soziale Themen in den Fokus. Da Orte nicht nur geografische Orte sind, sondern ein Geflecht von Beziehungen abbilden, habe ich im Laufe der Zeit mit meinen Studierenden versucht, aktuelle globale Fragen wieder auf der kleinen Karte von Leipzig zu lokalisieren. Wir realisierten Projekte in Institutionen, mit denen es funktionelle oder architektonische Korrespondenzen gibt. Vom Naturkundemuseum bis zur Oper, vom Messehaus bis zum Land- und Bundesverwaltungsgericht.

Einige junge Maler, Absolventen der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, haben vor wenigen Jahren als „Neue Leipziger Schule“ international Furore gemacht. Wie sehen Sie diesen Hype?

Ich lasse mich nicht von Hypes beeinflussen. Das sind Wellenbewegungen, die keine Substanz haben. Innerhalb der Neuen Leipziger Schule gibt es einige Künstlerkollegen, die ich sehr schätze. Ich habe selbst Malerei studiert und liebe die Malerei, auch wenn ich für eine Vielfalt der Medien stehe und eine Klasse für Intermedia leite. Mir geht es um die Kunst, nicht nur um das Medium. In Leipzig gibt es wunderbare Künstler, auch bei den Medienkünstlern, in der Fotografie oder im installativen Bereich.

Alba D’Urbano ist in Tivoli bei Rom geboren. Von 1974 bis 1978 studierte sie Philosophie an der Universität „La Sapienza“ in Rom, dann Malerei an der „Accademia di Belle Arti“. Ab 1984 absolvierte sie ein Meisterschüler-Diplom an der Hochschule der Künste Berlin im Fachbereich Visuelle Kommunikation. Ihre künstlerische Arbeit umfasst Videos, Computer- und Video-Installationen, Fotos, Objekte, Skulpturen und Malerei. Seit 1995 ist sie Professorin im Bereich Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, seit 1998 leitet sie die Klasse für Intermedia. Sie lebt und arbeitet in Leipzig.
Das Gespräch führte Sigrun Hellmich.
Sie ist Kunstwissenschaftlerin, Journalistin, Autorin und lebt in Leipzig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2011

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