Die Soziale Stadt - ein Programm für Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf

Das soziale Klima in unseren Städten ist rauer geworden. Anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und unsichere Beschäftigungsverhältnisse für einen Teil der Arbeitenden gehen einher mit sozialer Entmischung in benachteiligten Stadtvierteln sowie abnehmender Integrations- und Leistungsfähigkeit der öffentlichen Institutionen - von der Schule bis zum verwahrlosenden öffentlichen Raum.
Eine wesentliche Ursache ist die Segmentierung des Wohnungsmarktes: so hat sich seit Anfang der 80-er Jahre die Zahl der Sozialwohnungen, die den Kommunen besondere Möglichkeiten für die Versorgung einkommensschwächerer Haushalte mit preiswertem Wohnraum ermöglichen, halbiert. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Haushalte, die auf finanzielle Unterstützung vom Staat angewiesen sind, nahezu verdoppelt. Einkommensstärkere Haushalte ziehen aus benachteiligten Stadtquartieren fort, - eine Entwicklung, die sich durch die Entspannung der Wohnungsmärkte infolge von Wegzügen ins Umland und rückläufigen Einwohnerzahlen in vielen Städten beschleunigt. Einkommensschwächere und Haushalte mit Migrationshintergrund ziehen nach.
Initiative für benachteiligte Stadtteile
Mit dem Bund-Länder-Programm Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt reagiert die öffentliche Hand auf die Tendenzen der sozialen Polarisierung in benachteiligten Stadtquartieren, die den Zusammenhalt der Nachbarschaften und den sozialen Frieden gefährden. Erstmals steht damit in der Geschichte der bundesdeutschen Stadterneuerung nicht die Beseitigung städtebaulicher Missstände, sondern die Dämpfung sozialer Probleme im Mittelpunkt. Gefragt ist ganzheitliches, ressortübergreifendes Handeln, das gemeinsam mit den Bewohnern die Lebensverhältnisse stabilisiert und verbessert durch die Bündelung von
- Initiativen zur sozialen Betreuung, Bildung und Freizeitgestaltung
- lokaler Beschäftigungspolitik und
- verbesserter Gestaltung und Benutzbarkeit des Wohnumfelds.
Mittlerweile liegen Erfahrungen aus 300 "Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf" vor.
Die Anwohner gestalten mit
Insgesamt sollen mit dem Programm die physischen Wohn- und Lebensbedingungen, die individuellen Lebenschancen sowie Gebietsimage, Stadtteilöffentlichkeit und Identifikation verbessert werden.
Dabei tauchen einige Themen besonders häufig auf:
- Schulen erweisen sich immer mehr als Schlüsselinstitutionen, mit denen eine soziale Isolierung von Kindern und Jugendlichen in eher demotivierenden Armutsmilieus durchbrochen werden kann.
- Breite Erfahrungen gibt es mittlerweile in der Verbesserung des Wohnumfelds. In Zusammenarbeit mit den betroffenen Bewohnern entstehen benutzbare und selbst gestaltbare Wohnhöfe, Stadt- und Spielplätze oder Aufenthaltsbereiche für Jugendliche.
- Lokale Kunstinitiativen, Stadtteilfeste und andere besondere "Events" dienen häufig dazu, das Image eines Stadtteils zu verbessern und die Bewohner für weitergehende Initiativen zu erreichen.
- Unter der Orientierung "Wohnen Plus" verstehen sich immer mehr Wohnungsunternehmen nicht nur als Verwalter und Verteiler, sondern als Anbieter sozialer Dienstleistungen. Sie stellen Gemeinschaftsräume zur Verfügung, Hausmeister sind ständig ansprechbar. Hinzu kommt eine mit der Stadt und den vorhandenen Bewohnern abgestimmte Belegung freiwerdender Wohnungen durch neue Mieter sowie der gemeinschaftliche Betrieb von Gemeinbedarfseinrichtungen – z.B. eines Nachbarschaftstreffs, den die Wohnungsgesellschaft gemeinsam mit einem Mieterverein und einem Jugendclub bewirtschaftet.
Die Schule als Quartiersmittelpunkt – Varenheide Ost, Hannover: ein Beispiel
In einer in den 60er und 70er Jahren erbauten Großwohnanlage lernen an der Grundschule Fridtjof-Nansen Kinder aus 28 Nationen. Der Ausländeranteil unter den Schülern beträgt 66%. Unter dem Motto "Bewegte Schule – Schule als lernendes System im Stadtteil" stellt die Schule ihr Grundstück für die Nachbarschaft zur Verfügung. Ziel ist die Neugestaltung des Grundstücks und die Kooperation mit Bürgervereinen und –services. Dadurch nimmt die Schule die Tradition von Nachbarschaftsschule und "community education" auf neue Weise auf.Die Schulfreifläche ist nach der Umgestaltung auf Basis der Ideen der Schüler und ihrer Angehörigen für alle Bewohner des Wohngebietes geöffnet. Auf der Freifläche findet man jetzt ein Freilichtforum mit 400 Plätzen, eine Kletterskulptur, Anlagen für Rasenspiele und Beachvolleyball sowie eine Lernwerkstatt Natur und Umwelt. Durch neue Wegeverbindungen ist der Stadtteil direkter als bisher mit der Schule verbunden.
Thematisch öffnet sich die Schule dem Stadtteil, indem sich der Unterricht mit dem Alltag der Kinder und ihrer Familien, der häufig von Armut, Gewalt und Fremdheit geprägt ist, auseinandersetzt. Neben der Erfüllung klassischer schulischer Aufgaben wird den Kindern das positive Erleben eigener Fähigkeiten im geschützten Raum der Schule ermöglicht.
Die Schule beauftragt einen Bürgerservice mit verschiedensten Reinigungs-, Handwerks- und Dienstleistungsarbeiten. So bereiten langzeitarbeitslose Bewohner des Stadtteils jeden Morgen Rohkost als Frühstücksergänzung für die Schüler zu. Vorschulischen und schulbegleitenden Sprachunterricht bietet die Schule in Kooperation mit der Volkshochschule nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund, sondern auch für ihre Mütter an.
Mit ihrem Konzept des stadtteilbezogenen Lernens und Lebens ist die Schule ein lebendiger Treffpunkt für einen ganzen Stadtteil geworden und als kulturelles Zentrum in das Bewusstsein der Bewohner gerückt. Sie ist heute ein sozialer Mittelpunkt für die Kinder und deren Eltern.
Der Preis Soziale Stadt
Der Preis Soziale Stadt hebt besonders erfolgreiche Beispiele hervor. Er wird seit dem Jahr 2000 im zweijährigen Turnus mit großer Resonanz vom GdW Bundesverband deutscher Wohnungsunternehmen, dem Deutschen Städtetag, dem Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt, der Schader-Stiftung und dem vhw Bundesverband für Wohneigentum, Wohnungsbau und Stadtentwicklung ausgelobt.ist Städtebaureferent des GdW – Bundesverband deutscher Wohnungsunternemen e.V. und Inhaber des StadtBüro Hunger,
Stadtforschung und –planung Berlin
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Oktober 2004










