Bildende Kunst

Der Boom der deutschen Fotografie

Bild KulturDie Fotoszene in Deutschland ist seit einiger Zeit eine der vielfältigsten und lebendigsten in Europa. Das schlägt sich sowohl darin nieder, daß deutsche Fotografen in prominenten Ausstellungsinstitutionen weltweit gezeigt werden, als auch in ihrem Marktwert im internationalen Kunsthandel.

Ein Großteil der Protagonisten des derzeitigen Booms kommt aus der sogenannten Becher-Schule an der Düsseldorfer Kunstakademie. Das Fotografen-Ehepaar Bernd (*1931) und Hilla Becher (*1934) begann Ende der 1950er Jahre mit der konzeptuellen Dokumentation von Fachwerkhäusern und Industriebauten, die sie als "anonyme Skulpturen" bezeichneten. Ebenso anonym war und ist bis heute ihre immer gleich bleibende Aufnahmetechnik, was verwendetes Material, Standpunkt und Bildausschnitt betrifft. Methodisch greifen sie auf Vorkriegstraditionen zurück, etwa auf die Fotografen August Sander und Albert Renger-Patzsch. Ihre Vorgehensweise ist konzeptuell-künstlerisch, gleichzeitig beharren sie auf den spezifischen Eigenschaften des Mediums Fotografie. "Auch heute noch", so Hilla Becher 1989, "scheint mir die spezifische Stärke der Fotografie in der ganz und gar realistischen Wiedergabe von Welt zu liegen."

Die bekanntesten ihrer Schüler, namentlich Andreas Gursky, Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff und Thomas Struth, bewegen sich zwar in dieser Tradition, verändern sie aber der Zeit und den neuen technischen Möglichkeiten gemäß. Gursky (*1955) etwa erkundet die Plätze und Räume des zeitgenössischen Menschen, vom Supermarkt bis hin zum Inneren der Börse. Die naturgegebenen Anordnungen, die er dort vorfindet, manipuliert er neuerdingsmittels digitaler Bildbearbeitung.

Thomas Ruff (*1958) ist vor allem durch seine Porträts und Architekturaufnahmen bekannt geworden, er widmet sich aber auch anderen Themengebieten, beispielsweise in seinen Nacht- oder Sternenaufnahmen. Was die neue Generation von der ihrer Lehrer unterscheidet, hat er präzise auf einen Nenner gebracht: "Fotografien sind natürlich immer noch Abbilder, nur das Vorbild für die Fotografie ist in meiner Generation wahrscheinlich nicht mehr die Wirklichkeit, sondern Bilder, die wir von dieser Wirklichkeit kennen."

Neben der sogenannten Düsseldorfer Schule um das Ehepaar Becher gibt es in Deutschland noch einige wenige andere Ausbildungsinstitutionen von Bedeutung, beispielsweise die Folkwangschule in Essen, in Leipzig die Hochschule für Grafik und Buchkunst, wie die dortige Kunsthochschule heißt, oder, ebenfalls mit langer Tradition, die Staatliche Fachakademie für Fotodesign in München. Von dort kommt Michael Wesely (*1963), der anschließend die Münchner Kunstakademie besuchte. Wesely verwendet eine Lochkamera und führt durch extreme Langzeitbelichtungen - bei seinen Aufnahmen von der größten Baustelle Europas, dem Potsdamer Platz in Berlin, über zwei Jahre! - den Faktor Zeit in seine Arbeiten mit ein.

Mit der Kombination und dem sich verändernden Kontext fotografischer Bilder - von privaten ’Schnappschüssen’ bis hin zu auftragsgebundenen Modefotografien - befaßt sich der in London lebende Wolfgang Tillmans (*1968), der 2000 in London den renommierten Turner-Preis erhielt.
All den genannten jüngeren Positionen ist die Skepsis gegenüber einem herkömmlichen Wirklichkeits- und Bildbegriff gemeinsam. Auf eine sehr witzige Weise reflektiert dies Matthias Wähner (*1953) in seiner Arbeit Der Mann ohne Eigenschaften. In 40 bekannte Pressefotos hat sich der Künstler mittels digitaler Bildbearbeitung selbst hineinmontiert und sich so zu einem fiktiven Zeitzeugen gemacht. Nicht nur der scheinbar objektive, durch Bilder vermittelte Tatbestand wird hier aufs Korn genommen, sondern auch der subjektive Standpunkt des Künstlers.

Ivo Kranzfelder
ist Kunsthistoriker, Verfasser von Büchern u. a. über George Grosz und Edward Hopper, seit 1993 Lehrbeauftragter für Geschichte und Theorie der Fotografie am Kunsthistorischen Institut der Universität München.

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Februar 2003

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