Überschneidungen: Design und Fotografie
Fotografie ist heute zwar ein integraler Bestandteil der bildenden Kunst in Deutschland, den weitaus größeren Teil der Berufstätigen hier sowie die größere wirtschaftliche Bedeutung hat jedoch das Design. Auch hier haben sich die Schwergewichte verschoben: Eine eigenständige Fotografie gibt es in der deutschen Designszene nicht, aber jeder arbeitet mit dem Medium. Jenseits von Berufsverbänden und theoretischen Überlegungen hat sich eine Melange des „Anything Goes“ in der Designfotografie etabliert, die sich weder um das fotografische Original noch um die Integrität des fotografischen Bildes sonderlich viele Gedanken macht. Erlaubt ist, was nicht nur gefällt, sondern auch Marken etabliert, Identität schafft und vor allem Aufmerksamkeit erregt.
Drei Strömungen seien hier stellvertretend für einen weit ausdifferenzierten Prozess von Überschneidungen zwischen Design und Fotografie vorgestellt: die Integration unterschiedlicher Bildformen in das Fotodesign, die Fortentwicklung des Editorial Designs, und exemplarisch für mögliche Anwendungsbereiche die Architekturfotografie.
Integration unterschiedlicher Bildformen
Die zunehmende Verwischung von Grenzen zwischen der Fotografie und anderen Bildbereichen, die die Arbeit an Bildbearbeitungsprogrammen mit sich bringt, führt selbstverständlich auch dazu, dass ältere Bildformen sich mit der Fotografie verbinden, die dies bislang nicht getan hatten. Thomas Mayfried hat beispielsweise in einer größeren Arbeit ein Alphabet aus Fotogrammen geschaffen, das nicht nur witzig ist, sondern sich auch tatsächlicher zur Bildung von Wörtern eignet. Sandra Dörfler hingegen setzt sich intensiv mit Farben und ihrer Wirkung auseinander, was sich neben vielem anderen auch in monochrom eingefärbten Plakaten mit Fotomotiven niederschlägt. Marion Blomeyer-Bartenstein schließlich integriert Darstellungsformen der Botanik und Zoologie, die aus Kupferstich und Holzdruck stammen, in ihre breit gefächerte Bildwelt zur Demonstration wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Das Editorial Design
Es mag als gewagte These erscheinen, wenn man das Ende des Bildjournalismus verkündet und seine Auflösung in das Editorial Design hinein beschreibt. Angesichts einer Bilderflut gerade zu katastrophalen Ereignissen auf der ganzen Welt kann sicher nicht konstatiert werden, dass in diesem Kontext hervorragende Aufnahmen entstehen, doch die aufklärerische Wirkung jener Bilder, die als erste Fotografie von einem Ereignis künden und dies in eine metaphorisch knappe Form gießen, ist unwiderruflich vorbei und vergangen. Stattdessen dienen Ereignisse – wie etwa an den Terroranschlägen in New York und Madrid ebenso exemplifiziert werden kann wie an den Folgen des Tsunami von Weihnachten 2004 – nur noch als Folie für eine exzellent gestaltete, jedoch immer auch ein wenig selbstverliebte Bildnerei. Das Magazinformat einer Serie aus drei, vier oder maximal acht Bildern wird durch die Online-Präsentation gleich einiger Dutzend Aufnahmen ersetzt. Das Einzelbild in der Tageszeitung steht dagegen nur noch für den Ausschnitt einer Videosequenz, die ebenfalls online abzurufen ist oder im Fernsehen gezeigt wurde, bevor die Zeitung erscheint. Umgekehrt kann sicher festgestellt werden, dass sich die Qualität der Bilder in diesem Zusammenhang sehr verbessert hat – sie eben in jeder Form, vom Machen über die Verarbeitung bis zur Präsentation, zum Design geworden sind.
Wie positiv eine solche Entwicklung zu sehen ist, zeigt das Werk des Fotografen Wolfgang Tillmans: Seine Arbeitsweise entspricht bis in Details hinein der eines Pressefotografen, seine Bilder präsentiert er in Tableaus und Projektionen wie ein Videojockey oder in der Art eines Amateurs, aber im Ganzen ist seine Arbeit selbstverständlich hochprofessionelles Design, das Mode und Lebensstil, Aufmerksamkeitsökonomie und gestalterischen Anspruch miteinander verbindet. Kunst ist in diesem Kontext vor allem eins: Zitat.
Architekturfotografie
An der Architekturfotografie ließen sich immer schon Elemente einer Design-Fotografie besonders gut konstatieren, denn das Abgebildete selbst ist schon eine gestalterische und als Anlass zu einem Foto meist auch eine sehenswerte, also gute Leistung. In der Architekturfotografie mag sich vielleicht am radikalsten der Wandel von der klassischen zur digitalen Fotografie widerspiegeln, denn dort klaffen Anspruch und Wirklichkeit im Bild oft am weitesten auseinander. Automobile stehen oder fahren vor Häusern, der Sonnenstand ist nicht immer optimal, und die Zutaten der Hausbenutzer sind meist auch keine ästhetische Verbesserung. Also wird in diesem Bereich schon am längsten mit allen Tricks der Bildvorbereitung und -bearbeitung gearbeitet. Allerdings ist mit diesen Veränderungen auch der Begriff von Schönheit ein anderer geworden; dies soll an drei Beispielen etwa gleichalter, dennoch unterschiedlich arbeitender Architekturfotografen und -fotografinnen demonstriert werden.
Klemens Ortmeyer verfolgt noch am ehesten den Anspruch einer klassischen Bildnerei mit analogen Mitteln, entzieht sich dabei aber nicht der digitalen Aufbereitung des Fotografierten. Seine großangelegten Stadtporträts zeigen sowohl deutsche Orte wie Herford in Westfalen als auch internationale Städte wie Shanghai oder Bangkok. Fast immer stellt er dabei Diptychen her, deren scheinbare Beiläufigkeit im Gegensatz zur differenzierten Lichtführung und Komposition stehen. Lukas Roth steht bei aller Ähnlichkeit in der Präzision des modernen Anspruchs für die nächst jüngere Generation: Er erlaubt es sich ganz einfach, die Bilder mittels elektronischer Verfahren zu verändern, verbessern, bereinigen und ganz humorvoll mit neuen Assistenzfiguren, ja ganzen Szenen zu beleben.
Bei der als Architektin ausgebildeten Anja Schlamann wird der sozialer Bezug solcher Figuren zum entscheidenden Bildmerkmal; seit 2008 schlägt sie einen eleganten Bogen zur Modefotografie, indem sie sich selbst – passend gekleidet – in große Räume stellt und damit zum Maßstab der Raumwahrnehmung macht.Prof. Dr. Rolf Sachsse
lehrt Designgeschichte und Designtheorie an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken.
lehrt Designgeschichte und Designtheorie an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken.
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April 2009
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