Bildende Kunst

Exzessiv und bildstark. „Goldener Löwe“ für Christoph Schlingensief im Deutschen Pavillon auf der 54. Biennale Venedig 2011

„Er war ja immer einer, der das Publikum gespalten hat“, sagt Susanne Gaensheimer, die Kommissarin des Pavillons 2011, über den vor einem Jahr verstorbenen Künstler. Im Interview erklärt sie, weshalb es ihr Ziel war, sein Werk international im Kunstkontext zu verankern.

Herzlichen Glückwunsch zum „Goldenen Löwen“ für den Deutschen Pavillon. Was bedeutet Ihnen die Ehrung, Frau Gaensheimer?

Vor allem eine ungeheure Wertschätzung des Werkes von Christoph Schlingensief. Und zwar, was mir besonders wichtig ist, von einer internationalen Jury. Zu der eine Chinesin, ein Ägypter, eine Französin, eine Italienerin und ein Amerikaner gehörten.

Susanne Gaensheimer | © Städtische Galerie im Lenbachhaus München Warum haben Sie Christoph Schlingensief ausgewählt, der vor allem in Deutschland in der Film- und Theaterszene bekannt ist?

Weil ich ihn für einen der wichtigsten Künstler in Deutschland halte. Man kann seine Arbeit nicht formal einordnen, er hat immer schon verschiedene Medien für sich benutzt und stark kategorie-übergreifend gearbeitet. Außerdem hat mich interessiert, dass er sich über drei Jahrzehnte kritisch mit Themen beschäftigt hat, die Deutschland betreffen – mit politischen, gesellschaftlichen, sozialen. Seine Filme sind exzessiv und von einer ungeheuer bildstarken Kraft. Da ist er in Deutschland absolut einzigartig. Man kann ihn vergleichen mit Künstlern wie Paul McCarthy. Filme wie Menu Total oder 100 Jahre Adolf Hitler, später United Trash sind für ihn – man könnte fast sagen – therapeutische Filme. Ich finde sehr wichtig, dass die Filme im Kunstkontext rezipiert werden.

Christoph Schlingensief, Via Intolleranza II, Uraufführung Kunsten Festival des Arts Brüssel 15. Mai 2010 © Aino Laberenz

Eine Transformation des Ortes

Der Künstler war im August 2010 – mitten in der Vorbereitungsphase – unerwartet plötzlich seiner Krebskrankheit erlegen. Welchen Plan hatte er für den historisch und architektonisch als problematisch bekannten deutschen Pavillon?

Christoph Schlingensief wollte den Pavillon benützen und verwandeln. Er wollte dort ein – wie er das genannt hat – Afrikanisches Wellnesszentrum einbauen. Auch die Hülle, der Außenraum des Pavillons sollte stark bespielt werden. Das hätte eine Transformation des Ortes bedeutet. Diese Pläne waren aber ein Jahr vor der Eröffnung noch nicht so im Detail ausgearbeitet, dass man sie umsetzen konnte. Deswegen habe ich gemeinsam mit Aino Laberenz, seiner Frau, entschieden, eine Auswahl von bestehenden Werken zu präsentieren.

Bühne für ein ganzes Leben

In dem einen zum Kino umfunktionierten Seitenflügel laufen sechs Filme von Christoph Schlingensief. Im anderen wird sein afrikanisches Operndorfprojekt dokumentiert. Im Hauptraum ließen Sie das Bühnenbild des Fluxus-Oratoriums „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ installieren, das der Künstler erstmals zur Ruhrtriennale 2008 aufführte. Was macht das Bühnenbild zum eigenständigen Werk?

Christoph Schlingensief hat dieses Bühnenbild immer schon als eigenständige Rauminstallation betrachtet. Er organisierte darin sogar Besucher-Führungen. Ich habe mit einer Gruppe von langjährigen Weggefährten Schlingensiefs eng zusammengearbeitet, viele Gespräche geführt – allen voran mit Aino Laberenz, aber auch mit dem Dramaturgen Carl Hegemann, dem Bühnenbildner Thomas Goerge, dem Lichtdesigner Voxi Bärenklau, seinem Filmproduzenten Frieder Schlaich – und mit Leuten, die sein Werk sehr gut kennen, wie Alexander Kluge, Chris Dercon, Matthias Lilienthal.

Uns allen schien es sehr passend, eine solche komplexe Installation, gewissermaßen eine Art Gesamtkunstwerk, an diesem Ort zu re-inszenieren. Weil Christoph Schlingensief sich dabei stark mit seiner Krankheit und dem Sterben beschäftigt, aber auch mit anderen existenziellen Themen und mit seinem Glauben, aber auch mit der bildenden Kunst. Der Film-Loop über dem Altar – ein Triptychon – dauert etwa eine Stunde. Es gibt zahlreiche 16-mm-Projektionen. Das heißt, da ist unglaublich viel enthalten.

Warum hat Christoph Schlingensief immer wieder bildende Künstler parodiert?

Er hat sich mit allen möglichen „Übervätern“ intensiv beschäftigt und diese kritisch hinterfragt, demontiert – mit dem christlichen Gott, mit der Instanz des Staates und mit Joseph Beuys oder anderen Fluxus-Künstlern, die für ihn sehr wichtig waren. Das fand in einer doppelbödigen Form statt. Das gehört einfach bei Schlingensief dazu.

„Egomania“ statt Germania

Warum haben Sie Christoph Schlingensiefs Idee, den Schriftzug „Germania“ über dem Portal des Pavillons zu ändern, indem die ersten drei Buchstaben mit „Ego“ überschreiben werden, übernommen?

Schlingensief hat oft mit einer so einfachen und verspielten Art Dinge treffend auf den Punkt gebracht. Den Begriff „Egomania“ gab es schon früh bei Christoph Schlingensief und er spielte eine große Rolle in unseren Gesprächen über den Deutschen Pavillon. Egomania ist auch der Titel eines seiner frühen Filme. Bei Schlingensief gab es Themen, Begriffe und Ansätze, die in anderer Form immer wiederkehrten. Wir haben übrigens auch eine Filmprojektion übernommen, die er in Afrika bereits in Auftrag gegeben hatte und die er in den Pavillon integrieren wollte.

Es gibt ergriffene Zustimmung und harsche Ablehnung für Ihre Inszenierung. Wie ist Ihre Bilanz?

Ich bin sehr zufrieden. Das Publikum und die Presse reagieren sehr positiv auf den Pavillon. Und der „Goldene Löwe“ ist natürlich auch eine Anerkennung für alle, die an diesem Pavillon mitgearbeitet haben. Christoph Schlingensief war aber immer einer, der das Publikum gespalten hat, und deswegen muss auch Raum für Kritik sein. Ich finde, es ist uns gelungen, im Pavillon nicht ein kuratorisches Konzept, sondern die Werke von Christoph Schlingensief sprechen zu lassen.
Sigrun Hellmich
führte das Gespräch. Sie ist Kunstwissenschaftlerin, Journalistin, Autorin und lebt in Leipzig.

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September 2011

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