Filmstadt Berlin
Überall in Berlin werden Kabel gezogen, Kameras getragen und Catering Wagen aufgestellt. Die facettenreichste Metropole Deutschlands ist in nationalen wie internationalen Produktionen zum Filmstar avanciert.
Aber nicht nur als Kulisse auch als Produktionsstandort mausert sich die Hauptstadt seit dem Mauerfall wieder zum Zentrum des Films in Deutschland.
"Und Action!" An einem kalten Novembermorgen reißen Stromaggregat und Scheinwerfer die Anwohner einer ruhigen Seitenstraße des Kurfürstendamms aus dem Schlaf. Ein paar Ecken weiter drängen sich Patienten durch ein Filmteam, das gerade seine Vorbereitungen in der schicken Altbauwohnung gegenüber der dort ansässigen Zahnarztpraxis trifft. Am Savignyplatz herrscht Verwirrung. Zwei Filmproduktionen haben sich gegenseitig von der Polizei die Autos abschleppen lassen. Sorry, ein Missverständnis. Man wusste nichts von dem zeitgleichen Dreh am fast gleichen Ort.
Vier Drehs in Berlin. Zu völlig unterschiedlichen Produktionen. An einem ganz gewöhnlichen Tag im gediegenen Bezirk Charlottenburg. Ein Tag, an dem die Anwohner von einem Set in das nächste stolpern. Sie nehmen es gelassen. Genauso wie die - nicht nur zur Berlinale - stets hohe Dichte an Schauspielerprominenz in den Lokalen im Kiez wie Florian, Adnan, der Paris Bar oder dem Italiener um die Ecke.
Film ist in Berlin allgegenwärtig
Der Film ist in Berlin derzeit allgegenwärtig. Und seine Präsenz in der traditionsreichsten deutschen Film-Metropole, die schon die meisten Studios zählte, als die Bilder gerade laufen lernten, nimmt ständig zu. Zurzeit lassen hier 300 Produktionen jährlich die Klappen fallen. Das Spektrum reicht vom Videoclip über TV-Serien bis hin zum internationalen Kinofilm.
Seit dem Mauerfall hat sich die Stadt national wie international zum Star hochgespielt. Ihre Beliebtheit hat sie vor allem ihrem facettenreichen Gesicht zu verdanken. Mit der Architektur aus verschiedensten Epochen, ihren Betonwüsten und ländlichen Idyllen, den schicken Lofts oder maroden Hinterhöfen ist sie ein Paradies für jeden Location-Scout.
Dazu hat sich eine breite Infrastruktur für die Branche entwickelt. Rund 800 Film- und TV-Produktionsfirmen, 50 Studios, Hallen und Ateliers sowie 15 Synchronisationsbetriebe bietet die Stadt. Völlig modernisiert zeigt sich die innerstädtische MediaCity Adlershof auf dem ehemaligen Gelände des DDR-Fernsehens und vor den Toren der Stadt im Land Brandenburg sind schnell die legendären Studios von Babelsberg zu erreichen. Zwei Filmhochschulen, die DFFB in Berlin und Konrad Wolf auf dem Babelsberger Studiogelände sowie rund 35 medien- und kommunikationsbezogene Studiengänge der Hochschulen und Universitäten versorgen die wachsende Branche mit Nachwuchs.
Von Good bye, Lenin! bis V – wie Vendetta
In der Hauptstadtregion, so Kirsten Niehuus, Chefin der Filmförderung Berlin Brandenburg "Medienboard", hat sich in den letzten Jahren "ein produktives, künstlerisches und kreatives Potential entwickelt, wie es in dieser Konzentration in Deutschland sonst kaum zu finden ist."
Das brachte schon etliche Kinoerfolge hervor. Darunter Lola rennt, Good bye, Lenin!, Was nützt die Liebe in Gedanken oder Alles auf Zucker, deren erfolgreiche Produzenten von X-Filme ihre Ideen immer noch ganz unspektakulär im Büro eines Schöneberger Hinterhauses ausbrüten. Am Kurfüstendamm bei Boje/Buck entstanden Wir können auch anders, Sonnenallee, Herr Lehmann oder NVA. Bei Regina Ziegler, der ersten und inzwischen lang gedienten Filmproduzentin der Stadt, wurde Margarethe von Trottas Rosenstraße realisiert. Nachwuchsregisseur Hans Weingartner drehte in Berlin Die fetten Jahre sind vorbei, den ersten deutschen Cannes-Beitrag nach Jahren.
Seit Jean-Jacques Annauds Enemy at the Gates kommen auch immer mehr amerikanische Produktionen nach Babelsberg und an die Spree. Für Roman Polanskis Der Pianist, Kevin Spaceys Beyond the Sea, Ripley's Game mit John Malkovich, In 80 Tagen um die Welt mit Jacky Chan oder The Bourne Supremacy mit Matt Damon und Franka Potente boten hiesige Studios und Straßenzüge die passende Kulisse. Jody Foster kam mit Flightplan, Oscar-Preisträger Paul Verhoeven mit Black Book und die Matrix – Macher Larry und Andy Wachowski meldeten sich mit V wie Vendetta an.
Mit einer Steigerung von 3,1 Prozent bei den Beschäftigten und 3,6 Prozent bei den Betrieben allein im letzten Jahr ist die Film- und Medienbranche eine der wichtigsten Wachstumsbranchen der Region, registriert Kirsten Niehuus. Und sie rechnet aus, dass für jeden investierten Euro an Filmförderung weitere 2,6 Euro – u.a. für hiesige Technik und Mitarbeiter – wieder in die Kassen fließen.
Mehr als 13.000 Beschäftigte der Branche sorgen in Berlin und Brandenburg für einen jährlichen Umsatz von ca. 800 Millionen Euro. Aber der internationale Markt ist hart. Bisher galt die Region gerade bei amerikanischen Produktionen als besonders preiswert. Aber sie zogen auch schon an Berlin vorbei in Richtung Osten. So entstand Cold Mountain in Rumänien, Roman Polanski entschied sich bei Oliver Twist für die Barrandov-Studios in Prag. In Berlin wird das nicht ohne Sorgenfalten betrachtet.
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Markus Münch: Drehort Berlin. Wo berühmte Filme entstanden; Be.bra Verlag, Berlin, 2007, ISBN 9783814801544.
Regina Aggio: Filmstadt Berlin 1895 - 2006; Verlag Jena 1800, 2007; ISBN 978-3931911348. |
ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt u.a. für Tageszeitungen und Stadtmagazine
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Dezember 2005












