Film

Lebendiges Erbe - 60 Jahre DEFA

Hildegard Knef und Ernst Wilhelm Borchert in Die Mörder sind unter uns. Copyright DEFA-StiftungAm 17. Mai 2006 jährte sich der Gründungstag der Deutschen Film AG, kurz: DEFA, zum sechzigsten Mal. Ihre Produktionen, darunter Klassiker der deutschen Filmgeschichte, gehören heute zum nationalen Kulturerbe. Sie geben weltweit Einblick in diverse Phasen künstlerischen Filmschaffens und die politische Entwicklung in der DDR.

Im April 1945 rollen sowjetische Panzer auf das durch Bomben versehrte 430 000 Quadratmeter umfassende Areal der legendären Filmstadt in Potsdam Babelsberg vor den Toren Berlins. Am 17. Mai 1946 beginnt für die Studios, in denen die Filmproduktion 1912 begann, eine neue Ära. 10 Jahre hatte die Bioscop das cineastische Geschehen auf dem Gelände geprägt, 23 Jahre die Ufa. Die DEFA bleibt 46 Jahre.

Mit der DEFA wird Babelsberg zum Zentrum des Filmgeschehens in der DDR. Das Spektrum der Produktion ist breit. Es umfasst Kinderfilme, Literaturverfilmungen, antifaschistische Stoffe, Gegenwartsfilme, politische Auftragsproduktionen, eine Reihe hoch gelobter Indianerabenteuer und auch musikalische leichte Kost. Als der Betrieb 1992 privatisiert wird, zeigt die Bilanz 950 Spiel- und Kurzfilme, 5200 Dokumentarfilme und Wochenschauen, 820 Animationsfilme und 4000 deutschsprachige Synchronisationen ausländischer Filme mit Schwerpunkt Osteuropa. Heute befinden sich die Rechte an diesem Filmstock, zu dem 14 der wichtigsten 100 deutschen Filmproduktionen zählen, im Besitz der 1999 gegründeten DEFA-Stiftung. Die weltweite Vermarktung liegt in den Händen des Progress Filmverleihs.

Verbote und Genrefilme

Angelika Waller und Alfred Müller in Das Kaninchen bin ich. Foto Erkens und Wenzel. Copyright DEFA-Stiftung

Das DEFA-Erbe ist sehr lebendig. Aber ebenso lebendig ist auch die Erinnerung der Protagonisten an die politische Entwicklung in der DEFA. Dazu gehören Jahre nahezu idealer, weil unreglementierter Arbeitsbedingungen in den neu gegründeten Künstlerischen Arbeitsgruppen. Aber dazu gehört auch der kulturpolitische „GAU“ durch das 11. Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) 1965. 12 Filme werden verboten, weil sie sich zwar konstruktiv, aber vom Regime unerwünscht kritisch mit Gesellschaftsthemen auseinandergesetzt haben, darunter Jahrgang 45 von Jürgen Böttcher, Wenn du groß bist, lieber Adam von Egon Günther und Karla von Herrmann Zschoche.

Der Film, der die Debatte auslöst, ist Kurt Maetzigs Das Kaninchen bin ich, eine sezierende Auseinandersetzung mit dem Thema Karrierismus. „Eigentlich war es ein harmloser Film“, sagt Günter Karl heute - damals als Leiter der Künstlerischen Arbeitsgruppe „Roter Kreis“ für die Produktion des Films verantwortlich. Auch für den promovierten Historiker und Germanisten, der zuvor im Ministerium für Kultur an der Umstrukturierung der DEFA zu einem eigenständigen Wirtschaftsbetrieb mitarbeitete, hat das Plenum Konsequenzen. Er wird als Leiter der Gruppe, die er nach Kurt Maetzig übernahm, abgelöst und als Dramaturg eingesetzt. Später schreibt er Drehbücher für das Genre „Historischer Abenteuerfilm“. Die 12teilige Reihe der an Authentizität orientierten Indianerfilme, die z.B. Gojko Mitic zum legendären Leinwandhelden macht, zieht das Publikum in Massen in die Kinos der DDR und des Ostblocks. „Aus dem Westen kam Anfangs Kritik“, erinnert sich Günter Karl. Heute ernten sie Anerkennung.

Internationales Interesse am DEFA-Film

Rebels with a cause - The Cinema of East Germany Die DEFA existiert zwar nicht mehr. Aber das nationale wie internationale Interesse an ihren Produktionen ist ungebrochen. Kaum ein deutscher TV-Sender, der vom Kinderprogramm bis zur Hauptsendezeit nicht DEFA-Filme im Programm hätte. Filmfestivals widmen sich einzelnen Aspekten der DEFA-Produktion. Das Museum of Modern Art in New York zeigte zusammen mit dem Goethe-Institut New York unter dem Titel Rebels with a Cause: The Cinema of East Germany im letzten Herbst mit 21 Filmen die bisher umfassendste DEFA-Retrospektive. Das Jubiläum des Gründungsjahres wird die DEFA-Stiftung mit ihren Partnern wie Filmfestivals, Kinos und Filmmuseen das ganze Jahr über mit zahlreichen Veranstaltungen begehen. Und nicht nur die Stiftung pflegt das filmhistorische Erbe. Seit 1998 unterstützt der Progress Filmverleih die Universität in Amherst, Massachusetts, beim Aufbau einer DEFA-Library, die im universitären Bereich und in Kulturinstituten einen Teil deutscher Filmgeschichte in den USA und in Kanada repräsentiert.

Angelica Domröse und Winfried Glatzeder in Die Legende von Paul und Paula. Foto Manfred Damm und Herbert Kroiss. Copyright: DEFA - Stiftung Die zeithistorischen Dokumente aus der DEFA-Ära werden auf DVD von der Berliner Firma Icestorm inzwischen von den USA bis nach China vertrieben. Was mit Märchenfilmen, wie u.a. den viel geliebten Klassikern Das kalte Herz, Der kleine Muck oder Das Feuerzeug begann, hat das Interesse an weiteren Spielfilmen und Dokumentationen geweckt. Auf der Bestsellerliste stehen die Beziehungsgeschichte aus den 70er Jahren Die Legende von Paul und Paula, der antifaschistische Film Die Abenteuer des Werner Holt, das Musical Heißer Sommer oder der gesellschaftskritische und deshalb verbotene Film Spur der Steine. Zum sechzigsten Jubiläum erschien eine spezielle DEFA-Edition.

Ingrid Poss/Peter Warnecke (Hrsg.): Spur der Filme. Zeitzeugen über die Defa. Ch. Links Verlag, Berlin, 2006, ISBN 3-86153-401-0

Wolfgang Gersch: Szenen eines Landes - Die DDR und ihre Filme. Aufbau Verlag, Berlin, 2006, ISBN 3-351-02627-7.

Sabine Pahlke-Grygier
ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt u.a. für Tageszeitungen und Stadtmagazine

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Mai 2006

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