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Film in Deutschland

Bild MedienBild MedienDas Klima hat sich verändert. In den letzten zwanzig Jahren war die Berlinale ein internationales Festival, das zufällig auf deutschem Boden stattfand. Seit Dieter Kosslick das Festival leitet (2002), ist die Berlinale auch ein Festival des deutschen Films.

Mancher Besucher aus dem Ausland mag sich verwundert die Augen gerieben haben, wie viele deutsche Filme in den verschiedenen Programmen der Berlinale von 2003 zu sehen waren: 59 insgesamt, so viele wie noch nie. Was natürlich nicht an Dieter Kosslick liegt, der ja nur das Schaufenster bietet, sondern daran, dass zur Zeit rege produziert wird. Auch wenn die Nachrichten aus der Branche ansonsten keineswegs freundlich sind. Immer mehr Firmen geraten in finanzielle Schwierigkeiten oder gehen pleite. Die Zusammenbrüche des Kirch-Imperiums, der Firma Kinowelt (die für den Augenblick gerettet scheint), der UFA-Kinokette sind noch keineswegs ausgestanden, die weitreichenden Folgen zeigen sich erst jetzt.

Während die Geschäfte also schlecht gehen, wird andererseits fleißig produziert: mit Hilfe einer verzweigten, weitgehend intakten (wenn auch sehr bürokratischen) Förderung, die der Bund und die Länder bieten, mit Hilfe auch des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das sich an der Produktion von Kino-Filmen beteiligt (und dafür die Filme nach ihrer Kino-Auswertung zeigen kann). Es mag absurd klingen, aber es ist zur Zeit 'einfacher', Geld für eine Film-Produktion zu finden als die Kinos, die den Film anschließend spielen. Die Produktions-Landschaft ist vielfältig, selbst kleinere, regionale Film-Projekte (Dokumentarfilme, Kurzfilme) sind möglich. Doch die Kino-Landschaft ist einseitig auf hollywoodsche Bestseller ausgerichtet (bis hin zum deutlichen Overkill, siehe Berlin, dort nehmen sich zu viele Multiplexe gegenseitig Besucher weg).

Für deutsche Filme (Marktanteil 2002: 11,9%) bleibt wenig Raum. Anspruchsvolle Filme aus dem Ausland - Pedro Almodóvar, Aki Kaurismäki, Ken Loach sind die jüngsten Beispiele - erreichen die Kinos lange Monate nach ihren internationalen Premieren. Viele international anerkannte und bei Festivals ausgezeichnete Filme erreichen die deutschen Kinos überhaupt nicht mehr und sind allenfalls bei einem der zahlreichen deutschen Festivals zu sehen. Rund 80 regelmäßige kleinere und größere Festivals und Filmwochen zählt die Statistik. Sie bilden inzwischen fast eine Art alternativen Verleihs.

Aufschwung des deutschen Spielfilms

Erstaunlich ist bei all den schlechten Nachrichten der Aufschwung des deutschen Spielfilms. Das renommierte Festival von Venedig lud im Herbst 2002 zwei deutsche Filme in den Wettbewerb ein, "Führer Ex" von Winfried Bonengel und Doris Dörries "Nackt". In Locarno hatte im Sommer 2002 "Das Verlangen" von Iain Dilthey den Goldenen Leoparden gewonnen. Wolfgang Beckers melancholische DDR-Komödie "Good Bye, Lenin!" lief im Berliner Wettbewerb, läuft inzwischen erfolgreich in den Kinos und wurde in zahlreiche Länder verkauft (was für deutsche Filme noch immer keineswegs an der Tagesordnung ist). Hans-Christian Schmid entdeckte für seinen Film "Lichter" eine Landschaft, die bisher (mit einer Ausnahme: Andreas Dresens "Halbe Treppe") sträflich vernachlässigt wurde: Frankfurt an der Oder, die deutsch-polnische Grenze, der deprimierende Alltag diesseits und jenseits der Grenze. Christian Petzold drehte die anrührende Geschichte einer Schuld ("Wolfsburg"). Tom Tykwer, Sandra Nettelbeck (deren "Bella Martha" mit einem Europäischen Filmpreis für den Schauspieler Sergio Castellitto ausgezeichnet wurde) bereiten neue Projekte vor. Es wird rege gearbeitet im deutschen Film.

Wachablösung bei den Regisseuren

Der Erfolg dieser jüngeren und mittleren Generation von Filmemachern hat nun sichtlich eine Wachablösung eingeleitet. Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Edgar Reitz, Margarethe von Trotta, die lange das Bild des deutschen Films im Ausland prägten, arbeiten zwar weiter. Daneben aber hat sich nun unübersehbar eine neue, jüngere Generation zu Wort gemeldet und profiliert. Was ihre Filme untereinander gemeinsam haben, und was sie mit den Filmen der älteren Generation verbindet, ist das ausgeprägte Interesse an deutschen Geschichten und Landschaften (und damit eine Absage an gesichtslose europäische oder internationale Coproduktionen, die für Jahre als brauchbares Konzept galten). Eben dieses Interesse an deutscher Geschichte und Gegenwart und Realität bringt den Filmen eine neue internationale Aufmerksamkeit. Wir können uns nicht beklagen: deutsche Filme sind bei wichtigen Festivals weltweit vertreten, die kleinen "Festivals des deutschen Films", die die Export-Union (die Außenvertretung des deutschen Films) in zahlreichen Metropolen ausrichtet, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.

Gründung einer Akademie des Deutschen Films geplant

Produzenten, Verleiher und Regisseure planen die Gründung einer Akademie des Deutschen Films (analog der amerikanischen und französischen Vorbilder). Erste Aufgabe dieser Akademie soll die Verleihung des Deutschen Filmpreises sein. Diese höchste Auszeichnung für deutsche Filme, die mit viel Geld zur Realisierung neuer Projekte verbunden ist, und die seit den 50er Jahren vergeben wird, wird damit aus der Verantwortung der Bundesregierung entlassen (die aber weiter die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen soll). Kultur-Staatsministerin Christina Weiss hat ihre Zustimmung zu diesem Projekt signalisiert, das in der Film-Branche selbst kontrovers diskutiert wird.

Aufarbeitung der 50er Jahre

Das Deutsche Filmmuseum präsentierte zur Berlinale 2003 eine Retrospektive Friedrich Wilhelm Murnau und begleitete sie mit dem großformatigen Band "Friedrich Wilhelm Murnau - Ein Melancholiker des Films". Auch die Aufarbeitung der 50er Jahre geht weiter: Die Reihe von 31 Filmen "After the War, Before the Wall - German Cinema 1945-60" tourte nach der Premiere im New Yorker Lincoln Center durch die USA und soll ab Herbst 2003 in verschiedenen europäischen Ländern zu sehen sein. Über die Goethe-Institute steht zudem eine kleine Reihe von Heimat-Filmen zur Verfügung.

Klaus Eder
Filmkritiker ("Handelsblatt", "Bayerischer Rundfunk"), Programm-Auswahl für das FilmFest München, General-Sekretär des internationalen Verbands der Filmkritik (FIPRESCI), Herausgeber des WegWeisers zum deutschen Film.

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März 2003

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