Film

Im Reich der Schatten: Christian Petzolds Filme

„Jerichow“; Cop: Schramm Film Koerner & WeberChristian Petzold, aufgewachsen in der deutschen Provinz, interessiert sich für das „Zwischendeutschland“ dieser Provinz. Seine Filme zeigen ein sehr genaues Bild von Deutschland, so auch „Jerichow“, der Anfang 2009 in die deutschen Kinos kam.

Wenn man sagen müsste, wodurch sich Christian Petzolds Filme auszeichnen, dann wäre es vielleicht der Umstand, dass er ein genaueres Bild von Deutschland zeichnet als irgendein anderer. Dass man geradezu den Eindruck hat, wenn einer in hundert Jahren wissen wollte, wie es hier am Anfang des neuen Jahrtausends ausgesehen hat, dann müsse er nur Die innere Sicherheit oder Gespenster, Yella oder Jerichow ansehen. Und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum er als einziger deutscher Regisseur mit allen seinen Kinofilmen auf großen Festivals vertreten war, mal auf der Berlinale, mal in Venedig. Weil es dort mehr als anderswo darum geht, dass Filme Auskunft über das Land geben, aus dem sie kommen.

Nach seinem eigenen Blick auf die Welt suchen

Plakat „Jerichow“; Cop: Schramm Film Koerner & WeberVielleicht ist es deshalb von Bedeutung, woher Petzold selbst kommt: 1960 im nordrhein-westfälischen Hilden geboren und im Nachbarort Haan aufgewachsen, zwei Kleinstädten zwischen Düsseldorf und Solingen, in seinen eigenen Worten in „einem kleinbürgerlichen, in Reihenhäuser und Siedlungen zerlegten Zwischendeutschland mit Schlafstadt, Stromkästen und Teich an der Stadtbücherei, wo man sich abends mit ein paar Bier auf der Bank Geschichten erzählt“. Was es bedeutet, dort seine Jugend zu verbringen und nach seinem eigenen Blick auf die Welt und das Leben zu suchen, sagt er, habe ihn immer interessiert.

Dreharbeiten „Yella“; Cop: Schramm Film Koerner & WeberZumindest war das für ihn ein guter Grund, mit zwanzig nach Berlin zu ziehen, wo er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie, der dffb studierte, die er 1994 mit dem Fernsehfilm Pilotinnen abschloss. Wenn der Film damals nicht nur im Fernsehen gelaufen wäre, hätte man damals schon sehen können, welches Ausnahmetalent da am Werk ist: Zwei Parfum-Vertreterinnen verschiedenen Alters, die versuchen zwischen Billighotels, Autobahnraststätten und Kleinstadt-Drogerien ihre Träume zu retten. Dass dabei nicht das Elend ihres Arbeitsalltags im Vordergrund stand, sondern eine Neugier auf Verhältnisse, die das deutsche Kino sonst gerne im Ungefähren lässt, war neu. Und neu war auch, dass Petzold nach zwei weiteren Fernsehfilmen – Cuba Libre und Die Beischlafdiebin – tatsächlich noch den Sprung zum Kino schaffte und mit Die innere Sicherheit nach Venedig eingeladen wurde.

Das Gespenst des Terrorismus

„Gespenster“; Cop: Schramm Film Koerner & WeberDas war im Jahr 2000, und der Film hat auf geniale Weise eine Brücke geschlagen zwischen dem Neuen Deutschen Film, der in den siebziger Jahren aus seinen Sympathien für die RAF keinen Hehl machte, und einer Gegenwart, in der es möglich ist, den Terrorismus historisch zu sehen. Die innere Sicherheit erzählte von einem Terroristen-Paar, das damals in Portugal untergetaucht war, aus der Sicht ihrer Tochter, die sich nichts sehnlicher als ein normales Teenager-Leben wünscht. Petzold war der erste, der das Gespenst des Terrorismus, vor dem sich eine ganze Folgegeneration von deutschen Filmemachern verdrückt hatte, beim Namen nannte und in eine Erzählung bannte, in der seine Helden zwischen deutschem Erbe und deutscher Wirklichkeit im neuen Millennium eine Heimat suchten.

Im folgenden Fernsehfilm Toter Mann stellte Petzold eine Verbindung her zu Helmut Käutners vergessenen Meisterwerk Unter den Brücken, der im vorletzten Kriegsjahr eine Art Flucht aus der Nazi-Wirklichkeit in den poetischen Realismus versuchte. Und es war sein erster Film mit Nina Hoss, die als Hauptdarstellerin eine Art Muse werden sollte.

„Wolfsburg“; Cop: Peripherfilm/Foto: Hans FrommIn Wolfsburg stellt sie den Mann, der ihren Sohn überfahren hat, aber bei Petzold ist das Drama nicht wichtiger als der Schauplatz – und deshalb hat er es abgelehnt wegen der Filmförderung die Geschichte nach Ingolstadt zu verlegen, weil ihn die spezielle Atmosphäre der Retortenstadt Wolfsburg interessierte, die Reißbrettarchitektur, die versucht, für den Alltag eine Form zu finden, der sich dieser aber immer wieder entzieht – und sei es durch einen tragischen Unfall.

Heimatlose Geister

Das von Petzold beschworene Zwischendeutschland ist keineswegs eine mutwillige Erfindung, sondern die Realität, die das Bild des Landes prägt, wenn er sich nicht nur an Sehenswürdigkeiten festsaugt. Aber weil es dort vermeintlich nichts zu sehen gibt, wird dieses Land vom Kino in der Regel gemieden – nur Petzold ist in diesem Zwischenreich zuhause, weil es für seine heimatlosen Geister den idealen Hintergrund abgibt.

Plakat „Yella“; Cop: Schramm Film Koerner & WeberSo wie in Gespenster, wo die unwirkliche Architektur des Potsdamer Platz seinen Heldinnen eine unwahrscheinliche Heimat bietet. Oder wie in Yella, wo der entvölkerte Osten und die anonymen Hotel- und Bürobauten einer Frau als Heimat dienen, die schon nicht mehr von dieser Welt ist. Oder eben in Jerichow, in dem die Geschichte von Viscontis Ossessione zwischen Imbissbuden und Ostseestrand in der menschenleeren Prignitz nachgespielt wird. Wieder ist Nina Hoss die Frau, die vor einer finsteren Vergangenheit in die Ehe mit einem älteren türkischen Kleinunternehmer geflüchtet ist, aber einem jüngeren Mann verfällt, den sie zum Mord verführt. Ein Drama der Leidenschaften auf den ersten Blick – aber beim näheren Hinsehen stellt man fest, dass die Landschaft die wahre Geschichte erzählt, eben die windzerzauste Prignitz zwischen Berlin und Ostsee.

Und so zieht Christian Petzold einsam seine Kreise durch dieses Land, das er mit einer Zärtlichkeit betrachtet wie kaum ein anderer – auch wenn es stets um Leben und Tod geht.

Michael Althen
ist Filmredakteur der FAZ und Regisseur des Films „Auge in Auge - Eine deutsche Filmgeschichte“ (mit Hans Helmut Prinzler).

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Januar 2009

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