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Lucas Prisor: ein Schauspieler zwischen zwei Welten

Lucas Prisor / © Arthur Gordon
Lucas Prisor / © Arthur Gordon

Gerade ist er in François Ozons Drama „Jung und schön“ zu sehen: Schauspieler Lucas Prisor lebt zwischen Berlin und Paris, zwischen Theater und Film, zwischen Kindheitserinnerungen und Zukunftsträumen.


Paris im Spätsommer. Von den Markisen der Cafés tropft Regen. Fußgänger umrunden sorgsam graue Pfützen zwischen Pflastersteinen. Touristen fotografieren eilig die knallbunten Brunnenfiguren der Künstlerin Niki de Saint-Phalle neben dem Centre Pompidou. Paris ist die Wahlheimat von Lucas Prisor. Vor zwei Jahren hat der Schauspieler seine Anstellung am Berliner Ensemble aufgegeben, weil es ihn an die Ufer der Seine zog. Ein lang gehegter Wunsch des 29-Jährigen, der ursprünglich aus Hannover stammt, schon seit seiner Kindheit Theater spielt und für sein Studium an der Leipziger Schauspielschule wie er lachend auf sächsisch kommentiert „rüberjemacht hatte“.

Lucas hat schon mit den ganz Großen gearbeitet. Am Theater, mit Martin Wuttke, der ihn nach der Ausbildung von der Leipziger Hochschule für Musik und Theater nach Berlin holte. Er spielte unter Claus Peymann, Thomas Langhoff, Peter Stein und Robert Wilson. Eine wichtige aber harte Zeit für den damals Anfang 20-Jährigen. „Mitglied eines Ensembles zu sein, bedeutet auch manchmal Dinge zu machen, die einem nicht gefallen. Am Theater kann es sehr hierarchisch zugehen.“ Seine erste Fernsehrolle erfolgte wieder mit Martin Wuttke: Für den Leipziger Tatort stand Lucas gleich zwei Mal vor der Kamera.

Vom Berliner Bühnenleben in die Pariser Filmbranche

Die Zeit am Berliner Ensemble: Sabin Tambrea und Lucas Prisor in „Trilogie der schönen Ferienzeit“, inszeniert von Claus Peymann; Foto: Barbara BraunWährend des Erzählens wuschelt er seine rotblonden Haare in alle Richtungen. Als die leere Perrier-Flasche abgeräumt wird, zündet er sich noch eine Zigarette an. Seine letzte Theaterpremiere liegt über ein Jahr zurück. In einer Koproduktion der Volksbühne und des Théâtre National de l'Odéon trat er das erste Mal vor französischem Publikum auf: als Josef in der von französischen Kritikern viel gelobten Inszenierung des Stücks Die Sonne in deutscher Sprache von Autor und Regisseur Olivier Py. Lucas entschied sich, das Mekka des zeitgenössischen Theaters, das rumorende experimentelle Berliner Bühnenleben gegen ein zehn Quadratmeter großes Dienstbotenzimmer im 10. Arrondissement einzutauschen.

Frankreich: der Geruch von Sommer an der Atlantikküste im Ferienhaus der Familie, Erinnerungen an seinen Austauschschüler aus Rouen und nicht zuletzt die neue Heimat der großen Schwester, die einen Franzosen geheiratet hat und in Bordeaux lebt. „Der Bezug zu Frankreich war immer sehr stark. Ich liebe das Land und seine Kultur.“ Schmunzelnd fügt er hinzu: „Ich liebe natürlich auch die Französinnen und das Essen. Das alles wollte ich wirklich für mich erfahren.“ Im Gepäck hat er die Leidenschaft für das Cinéma français, eine Handvoll über die Jahre gewonnener Freunde leben in Paris. Er trifft sich mit Kollegen, Castern und Agenten. Er spaziert durch die Stadt und träumt von neuen Herausforderungen, jenseits des Nazi-Darstellers, für den man ihn mehrmals engagiert.

 „Die Rollenauswahl ist natürlich beschränkter, selbst wenn du sehr gut französisch sprichst. Andererseits bist du ein Exot und mitunter genau der Richtige für eine Rolle.“ Mit François Ozon kommt wieder ein „Großer“ der Branche auf Lucas zu. Kennengelernt hatte er ihn noch zu Berlinzeiten durch einen gemeinsamen Freund, den Autor und Regisseur Christoph Pellet. Ozon hat ein Faible für die deutsche Kultur. In seiner filmischen Adaption von Fassbinders Theaterstück Tropfen auf heiße Steine säuselt Françoise Hardy sogar auf Deutsch die Liebesballade Träume.

Die Arbeit mit François Ozon und Volker Schlöndorff

Jung und Schön - Plakat © Filmaden Filmverleih Für Lucas schrieb Ozon die Rolle in seinem aktuellen Film Jeune et Jolie (Jung und schön) um, weil sie zunächst für einen jungen Engländer gedacht war. „Ozon sucht seine Schauspieler sehr gewissenhaft aus. Er weiß genau, was jeder für seine Rolle mitbringt. Trotzdem ließ er Platz für meine Vorschläge.“ In seiner beige-karierten Blouson-Jacke und den Wildlederstiefeln fällt es schwer, in Lucas den braven jugendlichen Ferienflirt zu sehen, den Marine Vacth in der Rolle der 17-jährigen Isabelle auserkoren hat, um sie zu entjungfern. „Es war für uns beide die erste Sexszene, gleich zu Beginn der Dreharbeiten.“ Ein Teil des Teams wohnte gemeinsam am Filmset, in der Ferien-Villa, wo Isabelles Geschichte beginnt.

Manchmal frustriert ihn die Vorstellung, dass sich die Arbeit beim Film nur auf wenige Tage konzentriert, an denen die schauspielerische Leistung abgerufen wird. Statt täglicher Proben und abendlicher Vorstellungen am Theater verbringt er nun viel Zeit damit, sich für neue Rollen zu bewerben. Seine Pariser Wohnung hat er aufgegeben, auch wenn er fast einmal im Monat zurückkehrt. Gerade stand er für Volker Schlöndorff vor der Kamera. In dessen neuen Film Diplomatie spielt er einen Abgesandten Himmlers, der vor der Zerstörung der Stadt Paris noch Kunstwerke aus dem Louvre in Sicherheit bringen soll. Die Dreharbeiten begannen morgens um 4 Uhr auf der abgesperrten Rue de Rivoli. Lucas in der Uniform eines Soldaten des Geheimdienstes der Waffen-SS. „Es war natürlich wahnsinnig spannend einen Regisseur zu treffen, der Weltgeschichte geschrieben hat, der gerade im deutsch-französischen Kontext Import-Export betreibt.“ Bevor die Klappe fällt, versucht Lucas immer auch zu verstehen, warum die verkörperten Charaktere so oder so denken, handeln und fühlen ... selbst bei den „Nazi-Rollen“, von denen er hofft, im Laufe der Zeit weg zu kommen.

Wenn alles gut läuft, ergibt sich vielleicht bald die Gelegenheit, mehr von seiner komödiantischen Seite zu zeigen. In ein paar Tagen geht es für Lucas zurück nach Berlin. Wenn er Zeit findet, würde er gerne wieder für seine Freunde kochen und sein Crème-brulée-Rezept perfektionieren, für das er schon eine beachtliche Zahl an Keramikformen von Frankreichreisen mitgebracht hat. In den nächsten Monaten will er weiter zwischen den Welten reisen und spielen. „Momentan kann ich mich mit meinem Beruf sehr glücklich schätzen. Die große Herausforderung besteht aber darin, auch durch Tiefphasen zu gehen und weiter an sich zu arbeiten.“

Der Nieselregen hat ein wenig nachgelassen, Lucas stellt den Kragen seiner Jacke auf und verabschiedet sich natürlich typisch französisch mit bise. Dann verliert sich das Rotblond irgendwo zwischen den Fußgängern.

 Lucas Prisor sehen:
  • Jeune et jolie startet am 14. November in den deutschen Kinos.
  • Un village français-Serie ab Ende September auf France 3
  • Seul le feu von Christoph Pellet, Filmvorführung am Mittwoch, 25. September 2013 um 20.00 Uhr La FEMIS
Romy Straßenburg
ist Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien in Paris.

Copyright: Goethe-Institut Paris September 2013

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