Marseille 2013

La Criée: Das Marseiller Nationaltheater unter der neuen Leitung von Macha Makeïeff

Seit Herbst 2012 leitet Macha Makeïeff das Marseiller Nationaltheater / © Cordula Treml

Das Kulturhauptstadtjahr 2013 sieht Macha Makeïeff als einen Katalysator für spannende Projekte mit Künstlern und Institutionen. Wie steht es um das deutsche Theater in Marseille?


Ich betrete das Foyer der Criée, des Marseiller Nationaltheaters an der Hafenpromenade, und werde dort sofort von einem gigantischen Elefantenskelett empfangen! Ich frage mich, was das wohl mit dem Theater zu tun haben könnte, muss mich aber noch etwas gedulden, bevor ich die Antwort darauf erhalte. Toby, das Elefantenskelett, ist eine Leihgabe auf dem Zoo des Palais Longchamp / © Cordula Treml
Ich erinnere mich, dass dieser Ort bis in die 1970er-Jahre dem Fischverkauf diente. Da die Fischer ihre Ware stets lautstark anzupreisen pflegten, ihren Fisch also „schreiend“, „à la criée“ verkauften, erhielt das Gebäude damals den Namen „Criée“, der ihm bis heute geblieben ist.


Im 4. Stock befindet sich die Fabrique, das Atelier von Macha Makeïeff, die die Criée seit Herbst 2012 leitet. In diesem großen, lichtdurchfluteten Raum sehe ich, wie sich das gesamte Team eifrig an Kostümen, Schuhen, Hüten, Schmuck, Requisiten und Bühnenbildmodellen zu schaffen macht – eine Überfülle an Farben, Stoffen und originellen Accessoires im orientalischen Stil – und die Intendantin inmitten dieses kreativen Getümmels: Sie prüft, kommentiert, überlegt, diskutiert mit ihren Assistenten, greift zu ihrem Telefon.
Macha Makeïeff ist mit den Vorbereitungen für Ali Baba, ihre erste Inszenierung dieser Spielzeit beschäftigt. Seit ihrer Bewerbung für die Leitung der Criée war für sie klar, dass sie das Märchen aus Tausendundeiner Nacht adaptieren und als Antrittsinszenierung präsentieren würde: „Ich dachte sofort an Ali Baba, denn das spricht jeden von uns an, dieser Stoff ist universell. In Marseille sind wir alle Ali Baba, möchten wir alle ein Schicksal haben.“

Seit Herbst 2012 leitet Macha Makeïeff das Marseiller Nationaltheater / © Cordula TremlZurück zu den Wurzeln

Macha Makeïeff ist mit dieser Stadt bestens vertraut, da sie hier geboren wurde, einen Teil ihrer Jugend hier verbrachte und die Schauspielschule besuchte. Anschließend ging sie nach Paris, wo sie Jérôme Deschamps kennenlernte. Zusammen gründen sie die Theatergruppe Deschiens et Compagnie, mit der sie mehr als 20 Stücke produzieren und durch ganz Frankreich touren. Sie ist Koautorin und Regisseurin, übernimmt jedoch bald auch das Entwerfen von Bühnenbild und Kostümen. Die Rückkehr nach Marseille sieht Macha Makeïeff als Chance: „Es ist eine grundlegende Erfahrung, an diesem Punkt meines Lebens hierher zurückzukommen, nach zahlreichen Inszenierungen und Gastspielen an anderen Orten. Für mich war es auch wichtig, einem gewissen Pariser Komfort zu entkommen, den ich in den letzten Jahren genoss. Denn für Künstler ist es ganz wesentlich, auch gewisse Schwierigkeiten auf sich zu nehmen.“ Sie ist bereit, diese Herausforderung anzunehmen und setzt sich künftig dafür ein, den Spielplan dieses Centre dramatique national (CDN) für andere Disziplinen, eine andere Ästhetik zu öffnen.

Natürlich will sie dort nach wie vor Theater zeigen, klassisches wie zeitgenössisches, allerdings liegt ihr eine Öffnung im weitesten Sinne am Herzen: „Mein Ziel ist es, Kontakte zu den anderen Theatern zu knüpfen, aber auch zu anderen Kunsteinrichtungen, wie den Museen, zum Beispiel zum neuen MUCEM oder dem Museum für zeitgenössische Kunst, und so einen Austausch anzuregen. Gleichzeitig ist es wichtig, ein Vertrauensverhältnis zum Publikum aufzubauen, damit es hierher kommt, um Dinge zu sehen, die es bisher noch nicht kennt. Man muss die Zuschauer ebenso mischen wie die Disziplinen!“ Neben Theater, Tanz und Aufführungen für junges Publikum wird man künftig daher auch in den Genuss von Ausstellungen, Filmen und Lesungen kommen und an Konferenzen, Begegnungen oder Themenabenden teilnehmen können. Die europäische Kulturhauptstadt fungiert für sie als eine Art „Katalysator“, die das Knüpfen solcher privilegierter Bande mit den neuen und bereits existierenden Institutionen erleichtert. Selbstverständlich möchte sie diese Verbindungen auch nach dem Kulturjahr aufrechterhalten, ja noch weiterentwickeln und ausbauen.


Deutsches Theater in Marseille

Macha Makeïeffs Inszenierung von Ali Baba/ © Cordula Treml Macha Makeïeff erwähnt den internationalen Auftrag der Criée, den Engländer Declan Donnellan, dessen neue Produktion Ubu Roi sie eingeladen hat, den jungen russischen Regisseur Galin Stoev, der in dieser Spielzeit zwei Inszenierungen zeigen wird, die Zusammenarbeit mit Schauspielern aus Sankt Petersburg sowie den 2015 geplanten China-Schwerpunkt. Ich befrage Macha Makeïeff zum deutschen Theater. Hat sie auch vor, deutsche Theaterensembles einzuladen? „Ja, natürlich!“ Ihr Traum wäre es, eine der deutschen Superproduktionen in Marseille zu zeigen, wie etwa die von Thomas Ostermeier (Schaubühne Berlin), dessen Arbeit sie sehr schätzt.

Andere in Frankreich weniger bekannte, wie Andreas Kriegenburg, Nicolas Stemann oder auch Michael Thalheimer wären ebenfalls zu empfehlen. Ich schlage Macha Makeïeff vor, bei Gelegenheit einmal nach Berlin zu fahren und sich dort ein paar Inszenierungen anzusehen. Der Gedanke scheint ihr zu gefallen, zumal sie auch auf der Suche nach kleineren, freien Gruppen ist: „Ich finde, dass die Marseiller ein Recht darauf haben, die großen Institutionen des deutschen Theaters kennenzulernen. Dennoch würde ich gerne auch eine andere Ästhetik finden, als die, die jeder kennt, zum Beispiel bei kleineren Gruppen, die ein bisschen frecher sind.“


Ich gehe mit Macha Makeïeff wieder ins Foyer hinunter, wo sie ihr Team zum Mittagessen im Theaterrestaurant trifft, und stelle ihr endlich die Frage nach dem Elefantenskelett! „Ach ja, das ist Toby, ein Elefant, den die Marseiller sehr gut kennen, da er im Zoo des Palais Longchamp war. Das Naturkundemuseum hat ihn uns im Rahmen unserer Zusammenarbeit geliehen. Eine kleine Anspielung speziell für die Marseiller!“

Tournee Ali Baba 2013
3. Mai – Théâtre en Dracénie, Draguignan
23. Mai – Théâtre Anne de Bretagne, Vannes
19. bis 29. Dezember – Théâtre National de Chaillot, Paris

Tournee Les Apaches
(Inszenierung von Macha Makeïeff, Premiere 2012)
12. bis 21. April – MC 93, Bobigny
Cordula Treml ist freie Journalistin, Übersetzerin und Fotografin
und lebt in Marseille.

Copyright: Goethe-Institut Paris
März 2013

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