Bühnen

Perspektiven auf den Tanz – das deutsch-französische Festival Transfabrik

TRANSFABRIK; Foto: Franz Anton CramerVon September 2012 bis Juli 2013 fand das „Deutsch-Französische Jahr“ statt, im Gedenken an die Unterzeichnung des Freundschaftsvertrages zwischen beiden Ländern vor 50 Jahren. Einer der Punkte auf dem Kalender war das Festival Transfabrik, das eine Bestandsaufnahme aktueller darstellender Kunst versuchte und unterschiedliche Perspektiven sichtbar machte.

Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in Paris ein umfangreiches Freundschaftsabkommen, den sogenannten Elysée-Vertrag. Damit wollten die beiden Staatschefs eine 100-jährige Feindschaft beenden, die drei furchtbare Kriege, Gebietsannexionen, Rückeroberungen und tiefen Hass gebracht hatte. Mit sonorer Stimme hatte zuvor General de Gaulle auf dem Bonner Marktplatz zum „großen deutschen Volk“ von einer neuen, rosigen Zukunft gesprochen, welche durch die Jugend beider Länder geschaffen werden möge.

Zum 50. Jahrestag dieser feierlichen Versöhnung, die auch für die Bildung der Europäischen Union den Grundstein legte, ist eine ganze Reihe von Gedenkveranstaltungen ausgerichtet worden, von politischen Spitzentreffen bis zu Jugendaustausch und allerlei kulturellen Aktivitäten. Eines dieser Projekte war das binationale Festival Transfabrik. Initiiert von der Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin, dem Bureau du théâtre et de la danse, und großzügig gefördert von den zuständigen Ministerien und Förderinstitutionen beidseits des Rheins, erstreckte es sich einschließlich der Vorbereitungsphase über mehr als zwei Jahre. Öffentlich sichtbar wurde es zwischen März und Juni 2013 in sechs Städten. Gewidmet war es der zeitgenössischen Bühnenkunst.

Unterschiede auf hohem Niveau

TRANSFABRIK; Foto: Franz Anton CramerDeutschland und Frankreich zählen zweifellos zu den Ländern in Europa, die am meisten in die Förderung der Darstellenden Kunst investieren, auch und besonders in den zeitgenössischen Tanz. Ehrfurchtsvoll blickte man früher aus Frankreich auf die große Zahl fester Theater mit ihren Tanzsparten in Deutschland, allen voran Wuppertal, Frankfurt und Bremen. Und in Deutschland gilt noch immer die Bewunderung den Nationalen Choreografischen Zentren, festen Heimstätten für Kreative, und der einst großzügigen Arbeitslosenversicherung für Bühnenkünstler. Doch, so fragte das Projekt Transfabrik, wie steht es eigentlich heute um diesen Willen zur Kultur in beiden Ländern? Auf welcher Grundlage bauen die Förderstrukturen auf? Was und wie wird über den zeitgenössischen Tanz gedacht, geschrieben und gesagt? Wie kommt es, dass manche Künstler nur in Deutschland, andere nur in Frankreich Erfolg haben? Wie entstehen überhaupt Gastspieleinladungen, Jahresspielpläne und Festivalprogramme? Wie sieht die kuratorische Praxis aus?

Sechs Städte, elf Theater, 75 Vorstellungen

Probenphoto zu „M!M“ von Laurent Chétouane; © Oliver FantitschBegleitend zu dem imposanten Festivalprogramm, zu dem die künstlerischen Leiter von insgesamt elf Spielstätten sich in gemeinsamen Arbeitstreffen ausgetauscht und gegenseitig über aktuelle Künstler und ihre spartenübergreifenden Bühnenwerke informiert hatten, wurde eine „Arbeitslinie Reflexion“ entwickelt. Sechzehn Studierende künstlerischer und wissenschaftlicher Hochschulen begleiteten das Festival und widmeten sich in Workshops, Schreibwerkstätten und Künstlergesprächen länder- und spartenübergreifenden Fragen: Wer sieht welches Stück wie? Was kann ein Blick von einer anderen Disziplin aus entdecken? Wo wirken die intellektuellen Leitkulturen auf das künstlerische Schaffen ein?

TRANSFABRIK; Foto: Franz Anton CramerEin überraschender Befund trat dabei schon vor Beginn des Denkprozesses zutage: von den sechzehn Studierenden waren die Mehrzahl weder Deutsche noch Franzosen. Brasilien, Griechenland, Portugal, Tunesien – von hier kamen viele der in Deutschland und Frankreich lernenden Teilnehmer. Damit spiegelte die Gruppe auch die Realität des künstlerischen Genres wieder. Denn es macht offenbar nur noch wenig Sinn, Ästhetiken und Arbeitsformen national zu definieren. Auch wenn Ausbildungssysteme, Kulturförderung, Medienlandschaft und ähnliche Faktoren national gebunden sind: Die Kunst selbst ist längst globalisiert, und in Deutschland wie in Frankreich hat man es mit einer jungen, experimentellen choreografischen Arbeitsform zu tun, international im Zuschnitt, überaus mobil und an der Schnittstelle vieler Disziplinen. Transfabrik interessierte sich vor allem für diesen Bereich und die kritische Debatte, die sich darum entwickelt hat. Braucht man überhaupt noch die Begriffe „Tanz“ und „Performance“?

Blicke von anderswo

TRANSFABRIK; Foto: Sarah BlumenfeldDiese Fragen diskutieren Tanzstudierende anders als Journalisten und Bildende Künstler nicht mit denselben Begriffen wie Theaterwissenschaftler. Auf dem Transfabrik-Blog sind diese Divergenzen nachzuvollziehen. In der Vielfalt der intellektuellen Hintergründe der Teilnehmer spiegelt sich somit auch jene Individualisierung wider, welche der kulturpolitischen Globalisierung insgeheim immer trotzt. Ob Deutschland und Frankreich als Kulturförderer vorbildlich sind, mag dahingestellt bleiben. Die Künstler jedenfalls ziehen aus den Unterschieden beider Länder mindestens so viel Gewinn wie aus den Gemeinsamkeiten. Und der hehre Handlungsauftrag von 1963 hat sich, jedenfalls in diesem sechs-monatigen Austauschprojekt, zweifellos erfüllt, auch wenn De Gaulle und Adenauer noch national gedacht haben mögen und sich nicht hätten träumen lassen, dass das Deutsch-Französische Jugendwerk einmal Brasilianer als deutsche und Griechinnen als französische Kontingentjugendliche ins Nachbarland entsenden würde. In 50 Jahren deutsch-französischer Freundschaft hat sich eben viel bewegt.

Franz Anton Cramer
Tanzwissenschaftler, leitete gemeinsam mit der Kuratorin und Kunsthistorikerin Yvane Chapuis das Workshop-Programm von Transfabrik.

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Juli 2013

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