Es gibt keine Begegnung im Singular

der Patin des Webprojekts Migration – In der Fremde – daheim
Wir leben in einer Zeit, in der die Grenzen sich verschieben. In unseren Köpfen hat diese Verschiebung zuerst stattgefunden. Das ist immer der erste Schritt. Der erste Ort, an dem unsere Handlungen stattfinden, ist unser Kopf. Dort haben wir Gedanken, die wir aus unserer Sprache und aus unseren Erfahrungen heraus formulieren. So, wie es in Menschen Wunden gibt, so gibt es auch in der äußeren Welt Wunden. Wir sehen sie nur nicht mehr. An jeder Grenze haben Menschen geweint, irgendwo musste irgendein Mensch zum Schutze einer Grenze sein Leben lassen. Aus geopolitischen Gründen brauchen wir Grenzen, aber in unserer Betrachtung können wir schon etwas an ihnen ändern, denn wir wissen, dass sie artifiziell sind. Die Erde gehört uns allen, deswegen reisen Menschen auch gerne in andere Länder, in dem, was wir von unserer Erde noch nicht kennen, finden wir in uns selbst Entsprechungen, Echoräume, an denen wir uns freuen können. Viele Menschen kommen nur deshalb nach Frankreich, weil sie nur hier diese bestimmte Form von Leben und Kultur finden können. Und auch wenn man anderswo das französische savoir vivre nachzuahmen versucht, so etwas lässt sich nicht wirklich nachahmen. Doch diese Art von Grenze ist eine schöne Grenze, weil sie den kulturellen Raum eröffnet, in dem sich ein anderes Volk mit seinen kollektiven Erfahrungen, seinen Traditionen und nicht zuletzt mit seiner Sprache befindet.
Doch was ist auf der anderen Seite der Grenze? Das, was auf der anderen Seite der Grenze ist, muss uns vor diesem Hintergrund keine Angst machen. Dennoch ist es wichtig, dass die Verschiedenheit auf allen Ebenen gesehen wird und unsere Ängste und Schwierigkeiten im Umgang mit dem Anderen thematisiert, also zur Sprache gebracht werden. Alles, was unausgesprochen bleibt, steht als eine Wand zwischen den Menschen. Wenn wir reden, bauen wir Brücken. Wir müssen also auf gar keinen Fall alle gleich sein. Wir haben die Sprache, um über unsere Zwischenwelten zu kommunizieren. Es ist von großer Bedeutung und kann sehr bereichernd sein, dass wir verschieden sind. Wir kommen dennoch, in der eigenen wie in der fremden Kultur, nicht um eine Sache umhin: die menschliche Kommunikation ist etwas sehr Komplexes, auch das Reden bringt Missverständnisse mit sich. Das Menschsein verlangt uns viele Tugenden ab und Geduld ist sicher eine der wichtigsten.
Ich habe immer am meisten von jenen Menschen gelernt, die anders als ich waren. Das Fremde hat mein Leben geöffnet und größer gemacht. Das Unbekannte in uns selbst ist ein ganz großer Teil unseres Wesens, unseres Charakters. Die Erfindung der Psychoanalyse hat davon ein großes Zeugnis abgelegt und ist in jeder Hinsicht verändern für die gesamte Menschheit gewesen. Oft denken wir Menschen, dass wir wissen, wer wir sind, aber das können wir nie wissen, solange wie leben, bleiben wir ein geheimnisvolles, wenn auch nicht unbeschriebenes Land – Leben heißt, sich zu verändern und die Möglichkeit zu bekommen, ein anderer zu werden.
Menschen, die in andere Länder gezogen sind, die beispielsweise nicht einmal die andere Sprache sprechen konnten, sind eine Art Pioniere für mich. Ich habe großen Respekt vor jedem Suchenden. Suchende sind Menschen, die sich aussetzen, die sich dem Unbekannten öffnen. Suchende sind solche, denen noch Wunder geschehen können. Wir alle suchen nach einem guten oder besseren Leben, jeder Mensch, egal, wie jung oder wie alt er ist, egal aus welcher Kultur wir kommen, egal, wohin wir gehen, wir wollen alle ein gutes Leben und manche auch ein besseres als das, das sie schon haben. Wenn wir auf die anderen Menschen zugehen, kommen Bewegungen zustande. Dafür müssen wir uns selbst mitnehmen, es gibt keine Begegnung ohne uns selbst. Es gibt keine Begegnung im Singular, wir brauchen den anderen, wir sind abhängig von der Güte der anderen Menschen. Wer ein bisschen durch die Welt gereist ist, weiß, dass Charme und Freundlichkeit wichtiger sind als das Recht. Wir haben Rechte. Aber das ist manchmal nebensächlich, wir können nicht auf unser Recht beharren, wenn der Andere es uns nicht schenkt. Und auch wir können uns entscheiden, einem Menschen gütig zu begegnen. Wenn wir das können, dann öffnen wir Türen, sprichwörtliche, so, wie man in einem Haus die Türen öffnet, so gibt es im Leben von uns Menschen Häuser und Räume: und wir können sie verschiedenartig betreten. Wir haben die Wahl, auf welche Art und Weise wir das tun möchten. Die Räume, die wir dazwischen durchschreiten, müssen nicht immer nur mit Harmonie erfüllt sein. Es ist auch wichtig, dass wir uns streiten können. Es gibt keine dauerhafte Harmonie. Durch unsere Verschiedenheit, und jeder Mensch ist verschieden, entstehen oft Missverständnisse. Und wenn wir die Grundlagen in unserer Sprache schaffen, dann können wir freier auf den anderen zugehen, im Wissen, dass unsere Verschiedenheit uns vielleicht auch trennen kann. Das ist ein Schutz, eine Art stützender Pfeiler für die Begegnung. Auch Brücken stehen nicht einfach so in der Luft. Man muss sie gut und sicher bauen. Und man kann lernen, wie man sie gut und sicher baut, damit sie nicht im entscheidenden Moment einstürzen. Auch in unsere Sprache müssen wir echt sein, Unechtes, Attrappen können sehr wehtun. Wir möchten ja auch kein falsches Brot essen, das macht uns nicht satt. Die Sprache ist auch eine Speise. Wir müssen sie gut behandeln, damit wir an ihr satt werden.











