
Stellen Sie sich einmal die Postfächer eines gewöhnlichen Professorenzimmers vor. Schön aufgeräumt, schön sauber. Die hier beschriebenen 54 Fächer unterscheiden sich kaum von gewöhnlichen Fächern, mit einer kleinen Ausnahme: in ihnen befinden sich die blutüberströmten Überreste eines unbeliebten Philosophieprofessors und Nietzsche-Spezialisten. Die des Mordes verdächtigte Institutsleiterin Rebekka Lux wendet sich hilfesuchend an eine ihrer ehemaligen Schülerinnen, Inhaberin einer "Philosophiepraxis für existenzielle Probleme" - nebenbei Lesbierin und Besitzerin eines röhrenden Machowagens namens Hektor. Dazu denke man sich einen ehemaligen Volkspolizisten aus der DDR, ein Abtauchen ins Untergrundmilieu, eine schäbige inneruniversitäre Racheintrige und man erhält das Wesentliche von Thea Dorns Geschichte Berliner Aufklärung (Marlowe-Preis 1995). Thea Dorns Stil ist extrem lebendig, streng strukturiert und zeichnet sich durch grenzenloser Fantasie aus. Mit Ringkampf bringt sie die Leser im Jahre 1996 erneut zum Schaudern. Es geht um eine finstere Brandstiftergeschichte rund um eine Inszenierung von Wagners Ring (zu erwähnen ist ihr zweites Studienfach, die Theaterwissenschaften). Thea Dorn kennt das universitäre Milieu gut: sie hat selbst Philosophie studiert, und ihr Pseudonym (ihr richtiger Namen ist Christiane Scherer, gar nicht so weit entfernt vom Professor Schreiner, den sie in ihrem Roman in Stücke schneidet) ist eine Hommage an Theodor Adorno. Sie wurde 1970 in Offenbach geboren und lebt heute in Berlin.Olivier Mannoni







