Glauser, Friedrich

Friedrich GlauserFriedrich Glauser ist wahrscheinlich der deutschsprachige Kriminalautor, von dem in Deutschland jedes Jahr am häufigsten die Rede ist. Allerdings gehört er nicht zu den aktuellsten: 1896 in Wien geboren, ist er am 8. Dezember 1938 unter traurigen Umständen in Italien gestorben. Doch fünfzig Jahre später wird in Deutschland jährlich der renommierteste Preis für Kriminalromane verliehen, und dieser trägt den Namen Friedrich Glausers. Ein Paradox? Nicht wirklich, denn tatsächlich wird Glauser in Deutschland weiterhin gelesen und publiziert, aber auch im Ausland übersetzt - insbesondere in Frankreich, wo seine von Kommissar Studer geleiteten Untersuchungen immer noch veröffentlicht werden.

Hier erscheint die zweite "Absonderlichkeit" Glausers. Seine Figur hat dem Autor den Titel eines "Schweizer Simenon" eingetragen, was mit Sicherheit ein Kompliment ist. Aber ist das wiederum nicht zu brav? Stellt man so nicht den gesellschaftlichen Aspekt in den Vordergrund und vernachlässigt dabei die häufig düstere, immer höchst beunruhigende Atmosphäre (Glauser stand dem Dadaismus sehr nahe), die es Glauser in zwei oder drei Sätzen in seinen Romanen zu entfalten gelingt - wie zum Beispiel: "Der Mond war untergegangen. Der Himmel sah aus wie eine schlecht geputzte Wandtafel und die Sterne wie Kreidepunkte. Im Osten lagerte eine Wolke und erinnerte an einen Feglumpen, mit dem man verschütteten Rotwein aufgenommen hat." Hinter einem schmalen, aber gehaltvollen Werk - sechs Kriminalromane, einige Gedichte und ein Roman - zeichnet sich die Persönlichkeit Glausers wie die eines seiner Romanhelden ab: unter Opium und anderen mehr oder weniger erlaubten Drogen stehend, einen Großteil seines Lebens von einem Land zum anderen ziehend, vom Obdachlosenheim zur Entziehungsanstalt, soll er schließlich an einer Überdosis sterben, oder aber an Tuberkulose, oder an den Folgen eines Schädelbruchs, wenn nicht gar nach seiner Entlassung aus dem Entzug: der Autor bleibt mysteriös bis in den Tod hinein. Aber Glauser hat ein rätselhaftes und anspruchvolles Werk hinterlassen, und den Beweis dafür, dass ein guter Kriminalroman zuerst und vor allem der Feder eines Künstlers fließt.

Olivier Mannoni