Der erste in Frankreich erschienene Roman von Thomas Glavinic (
Partie remise, Maren Sell, 2001; deutsch. Carl Haffners Liebe zum Unentschieden, 1998) lässt sich kaum der Gattung Kriminalroman zurechnen. Aber diese Geschichte eines unentschlossenen Schachspielers, der keine Partie für sich zu entscheiden vermag, zeigt Thomas Glavinic (Jahrgang 1972) bereits als Meister der Spannung. In
L’homme à la caméra (
Der Kameramörder, 2001) erweist er sich als brillanter Thrillerautor: Vier Personen, die sich in einem kleinen Haus im Wald treffen, erfahren, dass ganz in ihrer Nähe ein von der Polizei gesuchter Sadist mit drei Kindern sein Unwesen trieb. „Der Kameramörder“ hat seine grässlichen Verbrechen, bei denen er die Kinder in heillose Angst und Schrecken versetzt, gefilmt, und zu dem ersten Spannungsmotiv dieses außergewöhnlichen Thrillers - wird die Polizei dieses Monstrum fassen? - kommt ein zweites hinzu: wird das Fernsehen diese abscheulichen Bilder ausstrahlen?
Unter den Bewohnern des kleinen Hauses wächst die Panik weiter, als sie durch die Medien erfahren, dass der Kindermörder ganz in ihrer Nähe ausgemacht wurde. Hin- und hergerissen zwischen dem Voyeurismus des durchschnittlichen Fernsehzuschauers und gewöhnlicher Angst lassen die beiden befreundeten Paare sich vom geringsten Geräusch, vom flüchtigsten Schatten in Panik versetzen. Sollten sie am Ende vor sich selbst Angst haben müssen?
Natürlich wird der Schluss dieses durchaus verstörenden Romans nicht verraten. Nur soviel sei gesagt: Eiskalt zeigt Glavinic hier seine ganze Kunst der Spannung und seine meisterhafte, literarische Nüchternheit. Bei ihm wird die Kriminalintrige zum Anlass für eine unbarmherzige Analyse unserer Epoche, in der die Verbrecher nicht unbedingt diejenigen sind, die man dafür hält...