Schlink, Bernhard

Bernhard SchlinkSchlink ist eine der interessantesten Erscheinungen der deutschen Kriminalliteratur. Aber das ist nicht alles: mit dem Vorleser, einem Roman, der kaum etwas von einem Krimi hat, erzielte Schlink einen der größten nationalen und internationalen Erfolge der deutschsprachigen Literatur der letzten zehn Jahre. Man könnte glauben, zwischen diesem kurzen, sorgfältig konstruierten Roman, dieser schmerzhaften, von der historischen Vergangenheit belasteten Liebesgeschichte einerseits und den Schlinkschen Krimis andererseits bestehe kein Zusammenhang. Doch damit hätte man weit gefehlt: für Selb, die Hauptfigur seiner Krimis, einen ehemaligen Staatsanwalt, der dem Naziregime gedient und seitdem allem abgeschworen hat, ist die Erinnerung an seine Geschichte ebenso schmerzlich wie für den Vorleser die Entdeckung, die er über die Vergangenheit derjenigen Frau macht, die er zu verstehen versucht.

Schlinks Kriminalromane sind jedoch nicht in der Vergangenheit erstarrt, denn indem er permanent mit falschem Schein und täuschenden Tatsachen spielt, gelingt es dem Romancier meisterhaft, das Fantomschiff zu steuern, das Selb in der zeitgenössischen Gesellschaft verkörpert: getarnte Chemieunfälle, vertuschte Militärgeheimnisse, falsche Krankenhauspatienten, falsche Bankiers, falsche Geldtransporteure, falsche Mordopfer bevölkern diese Romane, die in kleinen, von merkwürdigen Zwischentiteln überschriebenen Kapiteln konstruiert sind, in denen sich der Leser zu seinem großen Vergnügen von einem Rätsel zum anderen führen lässt- gleichzeitig mit dem Helden, Detektiv Selb, der in den meisten Fällen von falschen Auftraggebern angestellt wird.

In jedem dieser Romane lässt sich derselbe illusionslose Zynismus finden, den man wie einen lange gelagerten Alkohol genießt, ohne zu wissen, ob man die Augen wegen der Herbheit des Tropfens schließt oder wegen seiner subtilen Blume. Hängt das mit dem Beruf des 1944 geborenen Schlink zusammen, der Rechtswissenschaften gelehrt hat, bevor er Richter am Verfassungsgerichtshof Nordrhein-Westfalens wurde? Schlink ist ein großer Autor, der mit Bravour beweist, dass der Kriminalroman auch große Kunst sein kann.

Olivier Mannoni
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