Der Kriminalroman, ein deutsches Phänomen ?
Sollte der Kriminalroman ein deutsches Phänomen geworden sein? Nachdem er in Europa lange als minderwertige Gattung angesehen worden ist, hat er sich in Frankreich seit Jahrzehnten seine Sporen mit der “Série Noire” verdient, die die bedeutendsten amerikanischen und französischen Autoren in den legendären ‘Krimistand’ erhoben hat. Bis vor wenigen Jahren war in dieser Sparte von Deutschland nur wenig die Rede. Selbst im Kino war die Tradition des “schwarzen” Films, die glänzend (oder vielmehr finster) mit den Filmen Langs oder Murnaus begonnen hatte, nach und nach erloschen, und die Bewegung des “Neuen deutschen Films” der 70er Jahre ließ dem Krimigenre nur wenig Raum.
Eine lang unterschätzte Gattung
Dennoch hatte die deutschsprachige Literatur in diesem Bereich Außergewöhnliches geleistet: mit berühmten Autoren wie Dürrenmatt oder ausgesprochen düsteren wie Walter Serner, Verfasser surrealistisch-dadaistischer Kriminalgeschichten, der während der 30er Jahre auf mysteriöse Weise unter der Druckwalze des Nationalsozialismus verschwunden ist - oder mit dem 1938 verstorbenen Friedrich Glauser, einer virtuosen und gleichfalls sehr finsteren Erscheinung, die dem prestigeträchtigsten der heutzutage in der Krimibranche vergebenen Preise seinen Namen gab. Doch der Kriminalroman war nicht gerade das Glanzstück der deutschen Literatur. Was das Fernsehen mit den eher traditionellen Serien wie Derrick oder Tatort angeht, so hat es sicherlich vielen Drehbuchautoren den Lebensunterhalt und vermutlich auch manchen richtigen Autoren, die uns hier wiederbegegnen, ein Zubrot gesichert, aber seine Produktionen zeichneten sich nicht gerade durch außergewöhnliche Originalität aus - auch hier haben sich die Dinge geändert, denkt man an die zahlreichen Verfilmungen, die das Fernsehen inzwischen von zeitgenössischen Kriminalromanen macht.
Die Erneuerung des Krimis gegen Ende der 80er Jahre
Die Lage hat sich wahrscheinlich gegen Ende der 80er Jahre zu wandeln begonnen. Manche Autoren - Jakob Arjouni, Jürgen Alberts, Pieke Bierman, Bernhard Schlink, um nur einige zu nennen - haben den Krimistil nicht mehr als Zweck an sich verstanden, sondern als Forschungsinstrument, anhand dessen die Welt in ihrer Bedeutung ergründet werden kann. Arjouni thematisierte Rassismus, Alberts u.a. Gewalt und politische Manipulation, Bierman die Aussenseitermilieus Berlins und Schlink ergründete die verworrenen Verzweigungen des historischen Gedächtnisses. Das deutsche Publikum hat damit eine neue Kriminalliteratur entdeckt, die manchmal die ‘große’ Literatur berührt, von Zeit zu Zeit experimentiert und am Rande der Gesellschaft ihre Entdeckungen in neuen Revieren sucht, wo literarischer Anspruch, geistige Neugier und Erzählfreude eine erstaunliche, manchmal sogar explosive Mischung bilden.
Tatorte und Figuren
Die “regionale” Kriminalliteratur ist eine der Besonderheiten des deutschen Krimis: Jacques Berndorf, zum Beispiel siedelt seine Erzählungen in der Eifel an, Monika Geier beschreibt die Pfalz, und sie sind nicht die einzigen, die uns zum Schaudern und Zittern in ihre ländlichen Schlupfwinkel locken. Aus verständlichen Gründen sind solche Regionalkrimis kaum in andere Sprachen übersetzt worden.
Doch mit der Rückeroberung einer wirklichen Hauptstadt hat der deutsche Kriminalroman auch seine Lieblingsstätte wiedergefunden: die große Metropole mit ihren zwielichtigen Lokalen und blinden Denunzianten. Hier wie anderswo in der deutschen Literatur ist auch die Vergangenheit präsent - bei Bernhard Schlink zum Beispiel, dessen Figur Selb, ein ehemaliger Richter unter dem Naziregime, Detektiv geworden ist, nachdem er seine Illusionen eingebüßt hat. Wenn man diesen Autoren einen gemeinsamen Zug zuschreiben möchte, muss man vermutlich ihre Energie anführen: ein außergewöhnlicher Wille, die Gattung zu bereichern und zu erneuern, neue Formen und neue Wege zu finden.
Die Liste ist lang und reicht von den Öko-Thrillern Matthias Eschbachs und Frank Schätzings zu Veit Heinichen, der sich die Stadt Triest und ihre habsburgische Vergangenheit zum Schauplatz seiner Romane erkor - genau wie Nicolas Remin in Venedig heimisch ist - und vom Bestsellerautor Martin Suter (Schweiz) zu den sehr literarischen und psychologischen Kriminalromanen von Jan Costin Wagner, um nur einige zu nennen. Vor fünfzehn Jahren hat sich der deutschsprachige Kriminalroman in die große Welt aufgemacht: er diversifiziert die Schauplätze und spinnt global seine Plots. Man mordet nach tamilischen Kochrezepten (Martin Suter), man tötet in den USA und an allen Ecken der Welt, weil das Erdöl knapp wird (Andreas Eschbach), man verhext in den Niederlanden (Kastner), man verlässt den Kaukasus, um in Deutschland geheimnisvoll zu komplottieren (Kettenbach). Der deutsche Krimi bekommt Farbe und Geruch, er steigt ein ins rasante Weltgeschehen. Derrick jettet um den Globus!
Eine bemerkenswerte Solidarität scheint außerdem alle diese Autoren zusammenzuschweißen, von denen viele Mitglieder des “Syndicat” (Verband der deutschsprachigen Kriminalschriftsteller) sind.
Eine Literatur der Avantgarde?
Die aktuelle deutsche Kriminalliteratur, die den Anfang des 21. Jahrhunderts markiert und in der ganzen Welt - besonders in Frankreich - übersetzt wird, gibt sich durchaus avantgardistisch. Eine neue Generation greift zur großen Freude der Leser wieder auf ihre literarischen Vorfahren zurück. Wir wollen Ihnen hier einige dieser Autoren vorstellen. Eine neue Generation greift zur großen Freude der Leser wieder auf ihre literarischen Vorfahren zurück - Derrick einmal außer Acht gelassen. Wir wollen Ihnen hier einige dieser Autoren vorstellen.







