Weg vom Autorendesign – hin zu nachhaltigen Entwürfen

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Ob das Neu-Zusammensetzen alter Formen und Techniken oder der Einsatz fortschrittlicher Produktionsverfahren und intelligenter Materialien – im deutschen Produktdesign gibt es viel Neues zu entdecken. Man muss nur genau hinschauen, denn dieser Prozess vollzieht sich leise und nachhaltig. Eine Zwischenbilanz für das Jahr 2011.
Am Beispiel des Gestalters Werner Aisslinger wird die aktuelle Tendenz im Design besonders deutlich. Der Berliner hat in Zusammenarbeit mit dem deutschen Chemieriesen BASF einen ökologischen Stuhl aus Naturfasern namens Hemp Chair entwickelt, welcher auf der Idee des Plastikmöbels Monoblock gründet: Dessen günstiger Preis, das geringe Gewicht und seine Stapelbarkeit haben ihn zum meist verkauften Stuhl der Welt und damit zu einer Ikone der Massenproduktion werden lassen. Seit seiner Erfindung 1967 wurde dieses billige Produkt von vielen bekannten Gestaltern interpretiert und modifiziert, doch dieses Mal vollzieht sich die Nachahmung subtiler. Die neueste Interpretation von Aisslinger basiert auf einem Produktionsverfahren für Leichtbauteile aus der Automobilindustrie. Diese Herstellungsart ist in der Möbelbranche neu und revolutionär – und verhalf dem Hemp Chair während der diesjährigen Mailänder Möbelmesse im April und nun auf dem DMY International Design Festival in Berlin zu einem großen Erfolg. Damit folgt Werner Aisslinger einem Ansatz, in dem der Designer nicht nur die Rolle des Formgestalters annimmt, sondern auch zu einem Prozessentwickler und Materialforscher wird. Er arbeitete Hand in Hand mit der Industrie und suchte in der Technologie neuer Produktionsverfahren und intelligenter Materialien innovative Lösungen. Diese Art der Zusammenarbeit gab es lange Zeit nicht. Bekannte internationale Designer oder Architekten wie Maarten Baas, Zaha Hadid oder J. Mayer H. standen im Vordergrund. Ihr Name und damit ihre Autorenschaft war wichtiger als das Produkt – schließlich garantierte das eine große Aufmerksamkeit und positionierte das Design noch näher an die Kunst. Dabei gibt es eine Rückkehr zu Parametern, die schon immer die Grundlage im Design darstellten: Entweder steht der anspruchsvolle Einsatz neuer Werkstoffe und Technologien in neuen Kontexten im Vordergrund oder die naturgegebene Form eines klassischen Materials und die darin verankerten Konstruktionsprinzipien. KooperationenNun aber stecken Designer und führende Industrieunternehmer die Köpfe wieder zusammen, und es entstehen neuartige, aber eher auf dem zweiten Blick auffällige Objekte. Zum Beispiel die Wanduhr Cioccolato, die ebenfalls in Mailand und Berlin erstmals präsentiert wurde. Sie wurde in Zusammenarbeit zwischen der Krefelder Schmolz + Bickenbach Guss Gruppe, dem europäischen Marktführer für Edelstahlgussprodukte, und dem Berliner Designbüro Formfjord entwickelt und besitzt als zentrales Gestaltungselement die charakteristische Ausschräge von Gussteilen, die dem gewölbten Ziffernblatt in Form komplexer Fugen seine Teilung verleiht.Filigran, echt und unverfälschtSo zelebriert das Design nicht mehr das Ego des Designers, sondern den Gegenstand an sich. Das Resultat sind unglamouröse Alltagsgegenstände, ja „Werkzeuge fürs Leben“. Damit wird es dem Wunsch vieler Konsumenten gerecht, die auf der Suche nicht nur nach nachhaltigen Produkten, vorzugsweise „Made in Germany“, sondern im Allgemeinen nach dem Echten, Unverfälschten sind. Das zeigt sich unter anderem in der Wahl der Materialien. Holz ist aktuell wieder gefragt. Der Stuhl Leo von dem Frankfurter Hersteller e15, von dem Münchner Designer Stefan Diez entworfen, ist eine Weiterentwicklung von Houdini, der aus Sperrholzstreifen besteht und natürlich, elegant und leicht wirkt.DigitalisierungNeu ist auch, dass die Digitalisierung, die es schon länger im Kommunikationsbereich gibt, sich vermehrt auf andere Bereiche ausweitet. Vom Büroarbeitsplatz ins Bad wie ein Beispiel von Dornbracht zeigt. Die Frage war: Was passiert, wenn sie sich auf einen Wasserhahn auswirkt und ein gewöhnliches Alltagsobjekt einen neuen Sinn erhält und zu einer gesamtsinnlichen Erfahrung macht? Bei der Ambience Tuning Technique – ATT genannt – ermöglicht die Technologie, Wasser für die Schaffung von einzigartigen Szenarien zu nutzen: Verschiedene Wasserstrahlarten, Wassermenge und -temperatur werden präzise digital gesteuert, um drei unterschiedliche Choreografien zu modellieren. Diese Mischung aus interaktiv-digital und analog sollen unmittelbar auf Körper, Geist und Seele wirken und dem Duschen eine vollkommen neue Qualität verleihen.Gerade diese Beispiele zeigen: Der Schlüssel für eine Evolution im Design und das Lösen ökologischer Probleme liegt in der Erforschung von technologischen Potenzialen. Vertraute Alltagsobjekte werden hinterfragt und mit anderen Funktionen und aus anderen Materialien wiedergeboren. Details sind – wieder einmal – keine Details im dekorativen Sinn, sondern Bestandteile eines großen Ganzen, denn es geht um die Gestaltung einer besseren, lebenswerten Welt. Katharina Horstmann
ist Designkuratorin sowie Journalistin und Autorin. Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion Juli 2011 Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns! online-redaktion@goethe.de |



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