Leseförderung in Deutschland

Bücher und Lesen verbinden die meisten Kinder in Deutschland mit Schule und Lernen, kaum aber mit Vergnügen. Um der wachsenden Leseunlust entgegenzuwirken, sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Initiativen zur außerschulischen Leseförderung entstanden. Einige Projekte im Porträt.
Bücher nehmen einen immer geringeren Stellenwert in der Freizeitgestaltung von Kindern und Jugendlichen ein. So förderte beispielsweise die Pisa-Studie zutage, dass mehr als die Hälfte aller befragten Schüler nicht zum Vergnügen liest. Bücher und Lesen stehen für viele Kinder im Zusammenhang mit Schule und Lernen. So ist es wenig verwunderlich, dass Kinder und Jugendliche ihre Zeit lieber vor dem Fernseher oder dem Computer verbringen. Aktuelle Untersuchungen wie zum Beispiel die KIM Studie 2006 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, die das Medienverhalten der Sechs- bis 13-Jährigen untersuchte, kommen zu demselben Ergebnis. Nur sechs Prozent der Befragten gaben als Lieblingsbeschäftigung das Lesen von Büchern an.
Vorlesen für Neugeborene
Die Ursachen für die nachlassende Leselust der Heranwachsenden sind vielfältig. Ein Grund ist, dass in vielen Familien das Lesen und vor allem das Vorlesen nicht mehr stattfindet. Das hat die Stiftung Lesen herausgefunden. In nur einem Drittel der Haushalte mit Kindern unter zehn Jahren gehörten Bücher und Vorlesen zum Familienalltag.Dabei könne Leseförderung nicht früh genug einsetzen, sagt Christoph Schäfer, Pressesprecher der Stiftung Lesen. Schon die Eltern von Neugeborenen könnten beginnen, ihren Kindern Geschichten vorzulesen oder Bilderbücher zu zeigen. Auf diese Weise wachsen Kinder zwanglos in eine Lesekultur hinein.
Aber auch bei Kindern, die schon lesen könnten, sollten sich Eltern Zeit zum Vorlesen nehmen. Denn so kämen die Kinder mit Texten in Berührung, die wesentlich komplexer, spannender und beziehungsreicher seien als jene, die sie sich selbst schon lesend erschließen könnten, sagt Christoph Schäfer. "Vorgelesene Bücher halten mit den im Fernsehen gezeigten Geschichten mit." Um die Vorlesekultur zu fördern, hat die Stiftung Lesen einen Club gegründet, dem inzwischen 9.000 ehrenamtliche Paten angehören. Sie gehen in Kindergärten oder Schulen, um dort vorzulesen.
Stiftung Lesen
Die Stiftung Lesen unterstützt seit 1988 Projekte zur Leseförderung. Die Initiativen, die von der Mainzer Institution betreut werden, entstehen zumeist in Kooperation mit Buch- oder Zeitungsverlagen. Aber auch andere Unternehmen und Personen setzen sich für die Lesekultur im Land ein, zum Beispiel Manfred Lautenschläger, Mitbegründer des Finanzdienstleisters MLP.
Gemeinsam mit der Stiftung Lesen hat der Heidelberger Unternehmer das Projekt "Lesestart" ins Leben gerufen: Alle Eltern, deren Kinder in der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik geboren werden, erhalten ein Lesestart-Set. Darin befinden sich unter anderem ein Vorleseratgeber und ein Bilderbuch. Nach einem Jahr, wenn das Kind größer ist, steht für die Eltern in der Heidelberger Stadtbibliothek ein zweites, weiterführendes Bücher-Set bereit.
Interaktive Internetplattformen zur Leseförderung: Lepion und Antolin
Das Vorlesen ist nur eine von vielen Möglichkeiten, wie man Kinder fürs Lesen begeistern kann. So setzen Lesefördermaßnahmen wie "Lepion" oder "Antolin" auf Interaktion und machen sich das Internet zunutze.Das Portal Lepion existiert seit Anfang 2005 (bis März 2007 allerdings unter dem Namen Lesepirat). Lepion besteht aus einer Datenbank von über 2.000 Kinder- und Jugendbüchern. Zu jedem dieser Bücher gibt es einen Fragenkatalog in Form eines Quiz', den die Schüler im Internet beantworten. Zudem können die Teilnehmer, die sich über ihren Lehrer kostenlos registrieren müssen, selbst Bücher einstellen und einen zugehörigen Fragenkatalog entwickeln. "Die ersten 200 Bücher habe ich noch selbst in die Datenbank eingegeben", sagt Stephan Dreisbach, Lehrer an der Grundschule Lindlar-West im Bergischen Land und Initiator von Lepion. Inzwischen hat sich eine rege Community gebildet, deren Mitglieder auch in Übersee zu finden sind. So nutzt beispielsweise eine amerikanische Universität das Angebot Lepion, um ihren Studenten die deutsche Sprache näher zu bringen.
Die Idee für die interaktive Buchplattform im Internet ist nicht neu. "Wir haben das ursprüngliche Konzept für den Lesepiraten von Antolin übernommen", sagt Stephan Dreisbach. Diese vom Schroedel-Verlag betreute Internetseite bietet ebenso wie Lepion eine Datenbank mit Kinder- und Jugendbüchern an, zu denen Fragen beantwortet werden können. Die Datenbank von Antolin ist dabei weitaus umfangreicher als die von Lepion: Über 13.000 Bücher sind hier erfasst. Auch gibt es ein Autorenteam, das die Fragen zu den Büchern formuliert. Die Bücher selbst wiederum wurden zuvor von Fachleuten ausgewählt. Antolin ist seit 2001 online; 16.339.528 Fragesätze wurden bis heute bearbeitet. Die Nutzung von Antolin ist allerdings kostenpflichtig. Lehrer zahlen 25 Euro pro Jahr, eine Schullizenz kostet 150 Euro.
Auch wenn diese Gebühr nicht besonders hoch ist, übersteigt sie doch die finanziellen Kapazitäten gerade von kleinen Schulen. Weil man an der chronisch unterfinanzierten Grundschule in Lindlar-West diese Gebühr nicht aufbringen konnte, habe man eben selbst ein Leseportal entwickelt, sagt Stephan Dreisbach. Inzwischen kooperiert Lepion mit der städtischen Bibliothek in Lindlar. Dort sind alle Bücher, die in der Lepion-Datenbank stehen, mit dem Logo des Buchportals, einem Piraten, versehen.
"Mein Lieblingsbuch"
Um Kinder fürs Lesen zu gewinnen, setzen auch andere Leseförderprojekt auf medienübergreifende Interaktion. Unter dem Projekt-Titel "Mein Lieblingsbuch" kooperiert die Stiftung Lesen zum Beispiel seit Sommer 2006 mit der Fernsehsendung "Toggo TV". Toggo TV wiederum wird vom Jugendsender Super RTL produziert, dem Marktführer bei den Drei- bis 13-Jährigen.
Mit Toggo TV erreicht der Kölner Sender eine Zielgruppe, an die Lese-Pädagogen nur schwer herankommen. "Wir haben die Kinder, für die der Fernseher der Babysitter-Ersatz ist. Das muss man so sagen", sagt Super RTL-Pressesprecherin Sabine Kreft. Viele der kleinen Zuschauer stammen aus so genannten bildungsfernen Familien. Bücher spielen in der Regel in ihrer Freizeit keine Rolle. Wie man diese Kinder fürs Lesen interessiert? Das hänge mit dem Ansehen zusammen, das Toggo TV bei seinen Zuschauern genieße. "Wenn Toggo sagt, dass Lesen cool ist, dann nehmen die Kinder auch ein Buch zur Hand", sagt Sabine Kreft. So einfach ist das.
In Toggo TV werden verschiedene Bücher vorgestellt, über die sich die Moderatorin der Sendung mit ihren Gästen unterhält. Anschließend können die Kinder dann auf http://www.toggo.de per Internetabstimmung ihr Lieblingsbuch wählen. Das Projekt ist außerordentlich erfolgreich. Laut Stiftung Lesen beteiligten sich rund 22.000 Kinder, als es darum ging, das Lieblingsbuch in der Kategorie "Detektivgeschichten, Krimis und Agenten" zu wählen. Und soeben wurden im Internet die Sieger in der Kategorie "Fantasy" bekannt gegeben. Die Gewinner sind die Bücher Eragon - Das Vermächtnis der Drachenreiter, Tintenherz und Gänsehaut. Mumien sind unter uns. Und natürlich alle Kinder, die dank der Sendung das Lesen angefangen haben.
V8 Verlag GmbH, Köln
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März 2007











