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Wenn Medien „sozial“ werden: Social Media

Die mediale Verfügbarkeit der Produktions- und Distributionsmittel – ob Print, Design, Fotografie oder jüngst digitales Video und Internet – ist innerhalb eines Jahrhunderts zu einem Massenphänomen angeschwollen. Lag sie anfangs doch nur in den Händen einer kleinen Gruppe, die in der Kunstgeschichte gerne mit dem Begriff Avantgarde belegt wird.

Wer auf Facebook keine Freunde hat …

Im neuen Millenium wandeln sich die konventionellen Medien in die sogenannten Social Media, wie es der Medientheoretiker Lev Manovich in seinem Artikel über Social Media beschreibt. Es geht der Mehrheit weniger um die Beherrschung des Mediums in Perfektion oder künstlerischer Originalität, als vielmehr um ein soziales Kommunikationsmedium, das mitunter der Vergewisserung und Sichtbarmachung der eigenen Existenz dient. „Ich bin hier, nun kommuniziert mit mir“ oder „Deine Äußerung (ob in Bild, Ton oder Text) finde ich gut oder finde ich schlecht. Schau, was ich dazu zu sagen habe“ oder „Sandra hat 5.000 Freunde, möchtest Du auch Sandras Freund sein?“ Wer auf Facebook keine Freunde hat, existiert nicht.

30 Millionen schauen ein Hamstervideo auf YouTube

Mittels Tagging, Flagging und Ranking, Playlists, Verschickung der individuellen Lieblingsvideos, Fotos und Blogs entsteht eine neue Kommunikationsebene. Auf ein YouTube-Video kann man mit einem Textkommentar oder mittels eines neuen Videos antworten. Die Zugänglichkeit von Videobearbeitungsprogrammen wie Final Cut Pro, Premiere oder jüngst sogar Online-Editing-Programmen sorgt für eine Massenkultur der Remix- und Mash-Up-Techniken.

Das Originalvideo wird kopiert, modifiziert, mit neuem Sound versehen oder nachgestellt. All dies sind Taktiken, die Künstler über Jahrzehnte angewendet haben, aber nun ein breites Umfeld der „genialen Dilettanten“ erreicht haben. So wird zum Beispiel auf das Video Dramatic Look, ein Hamstervideo, das von dem User magnets99 am 6. Juni 2007 hochgeladen wurde und mittlerweile über 30 Millionen Zuschauer fand, mit einem Kill-Bill-Remix, einem James-Bond-Remix oder einer Darthmatic-Chipmunk-Persiflage reagiert.

„Jeder Mensch sei ein Künstler“

Das Diktum von Joseph Beuys „jeder Mensch sei ein Künstler“ erfüllt sich hier zumindest im Ansatz einer Massenkreativität und Massenkommunikation. Ob man nun jedes YouTube-Video für sehenswert und jeden Blog für lesenswert halten mag, ist eine andere Sache. Wir stehen vor einem Overkill der Information. Ob das eingeläutete Web 3.0, das Netz der semantischen Metadaten, uns das Surfen durch den Informationsmüll erleichtern wird, steht noch in den Sternen.

Versuche, über die Suchfunktion von Youtube mit Eingabe des Begriffs „Videoart“ oder „Videokunst“ wirklich originäre und qualitativ künstlerische Arbeiten zu finden, sind eher zum Scheitern verurteilt. Webportale wie ubuweb oder GAMA – Gateway to Archives of Media Art sind nach wie vor bessere Plattformen, um einen Einblick in wichtige Arbeiten der Videokunst zu erhalten. Während auf Youtube eher zahlreiche Dokumentationen über Künstler zu finden sind und weniger künstlerische Arbeiten per se. Videokünstler bevorzugen in der Mehrzahl die Veröffentlichung auf ihren eigenen Webseiten, personalisierten Zugang über Vimeo oder vermeiden eine öffentliche Verbreitung über das Netz gänzlich, um die Exklusivität ihrer Arbeiten zu bewahren.

Social Media als Quelle der künstlerischen Inspiration

Allerdings stellen die Social Media eine wichtige Quelle der künstlerischen Inspiration dar. Galerien zeigen YouTube-Shows, Videokünstler wie Bjørn Melhus kreieren eine neue Form des YouTube-VJings wie beim European Media Art Festivals 2007 oder bieten andere Wege durch die Bilderflut wie die Künstler Robert Sakrowski und Sven Bäucker mit dem Projekt Curating YouTube Box.

Social Media erleichtern außerdem kollaboratives Arbeiten, wie es Künstler bei dem Videomagazin Infermental in den 1980ern oder das Projekt Timescapes am Anfang des Milleniums in Pionierarbeit vorexerzierten. Beide Projekte wurden bereits an anderer Stelle von mir erwähnt.

Unterschiedlichste Werkzeuge für die Videobearbeitung lassen sich online finden und erleichtern die Produktion eigener und kollektiver Videos: von Videokonvertierungstools wie mpeg Streamclip, Videobearbeitungs- und Mixing Tools wie Moviemasher bis hin zum Onlineportal Subsedit zur Übersetzung und Untertitelung von Onlinevideos.

An der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe startete der Künstler Matthias Fritsch 2008 sein Projekt Music From The Masses in ironischer Abwandelung des Depeche-Mode-Titels Music for the Masses, bei dem er bis zu zehn Videoclips produziert und diese dann über YouTube Sounddesignern und Musikern zur Vertonung freistellt. Bis zu 300 unterschiedliche Tonfassungen sollen bis 2012 entstehen.

Eine andere Form der Kollaboration bietet Man with the Movie Camera: The Global Remake. Initiiert von Perry Bard ist es eine Art Neuauflage des Filmklassikers von 1929 des russischen Avantgardefilmers Dziga Vertov mithilfe der globalen Internet-Community. Über eine Datenbank kann man Vertovs Originaleinstellungen mit dem von den Usern produzierten neuen Material vergleichen. Fast täglich wird die Montage mit neuen Uploads aus aller Welt verändert. Bard verweist in diesem Kontext auf Vertovs Credo „die Welt, wie sie ist, zu dekodieren“.

Die Website City one minutes der One Minutes Foundation und des digitalen Kanals Holland Doc 24 bietet wiederum den Nutzern die Möglichkeit, zeitlich auf eine Minute determinierte Clips von diversen urbanen Zentren der Welt einzuspeisen. Diese können über eine Zeitleiste, nach Städten, als Einzelclip oder in einer 24-Split-Screens-Darstellung navigiert werden. So entstehen individuelle Städteporträts von jeder Tages- und Nachtzeit aus der ganzen Welt.

Privatsphäre vs. Social Media?

Der Berliner Künstler Jens Wunderling thematisiert in seinem Projekt default to public die Privacy-Schwachstellen von Kommunikationsmedien wie Twitter, indem er Twitter-Nachrichten auf Aufkleber druckt oder in Videoprojektionen im öffentlichen Raum zur Schau stellt und den Usern Fotos der Installation ihrer Twitter-Nachrichten zurückschickt.

Auf die Gefahr des Verlusts der Privatsphäre verweist ebenfalls das Projekt Face to Facebook der italienischen Künstler Paolo Cirio und Alessandro Ludovico, das auf der Transmediale 2011 ins Blickfeld der öffentlichen Medien kam. Die beiden Künstler „stahlen“ eine Million Facebook-Profile, filterten sie durch Gesichtserkennungssoftware und setzten diese auf ein selbstkreiertes Online-Dating-Portal. Über Tagesschau, Fox News, CNN und andere Fernsehsender verbreitete sich der „Diebstahl“ in Windeseile und sorgte für eine Welle der Empörung. Allzuoft vergessen die Facebooknutzer, dass sie ihre Profile und Daten bei Facebook öffentlich zur Schau stellen und auch nicht vor Missbrauch seitens des Konzerns gefeit sind, wie der Skandal 2011 um die von Facebook eingesetzte Gesichterkennungssoftware illustrierte.

Social Media besitzen große Vorteile, aber sie machen ihre Nutzer auch transparenter – für jeden und eventuell auf immer und ewig. Man sollte nie vergessen, dass die beliebtesten der neuen Plattformen wie YouTube, Flickr, MySpace und Facebook von global operierenden Konzernen betrieben werden, die das Adjektiv „Social“ lieber ökonomisch definieren.

Peter Zorn
ist Filmemacher, Produzent und Medienkunstkurator, Mitbegründer und Vorsitzender des Werkleitz-Zentrums für Medienkunst Sachsen-Anhalt, im Leitungsgremium der Werkleitz-Biennale/Festival und Initiator der Werkleitz Professional Media Master Class sowie des European Media Art Networks (www.werkleitz.de).

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
August 2011

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