„Kein Platz für Tamagotchis“: Wolf Erlbruch im Gespräch

Seine Bilder helfen Kindern, sich selbst ein Bild zu machen. Wolf Erlbruch ist einer der bedeutendsten und erfolgreichsten deutschen Kinderbuchillustratoren. Im Gespräch gibt er Einblick in seine Zeichenstube.
Herr Erlbruch, Sie haben einmal gesagt, dass Sie 90 Prozent der Kinderbücher für entbehrlich halten. Warum?
Die Verlage haben vor vielleicht zehn, zwölf Jahren entdeckt, dass man mit Kinderbüchern Geld verdienen kann. Seither sind Kinderbücher wirklich zum großen Teil vor allem ein Geschäft. Wenn man die Kataloge der Verlage vergleicht, sieht man fast überall die gleichen Themen und Ästhetiken. Man hält sich an eine bestimmte Norm, von der man glaubt, dass sie gekauft wird. So entsteht ein relativ großer Überhang. 90 Prozent sind vielleicht etwas übertrieben, aber nicht sehr.
Was zeichnet gelungene Kinderbücher Ihrer Meinung nach aus?
Wer sich an die Kinder richtet, sollte erzählen, was unmittelbar mit seinem eigenen Leben zu tun hat. Die Welt sollte in kleinen Portionen über die behauptete Subjektivität der Erfahrungen der Autoren und Illustratoren an die Kinder herangebracht werden. Die Kinder müssen die Möglichkeit haben, sich aus diesen wirklich ernst und ehrlich gemeinten Geschichten selbst ein Bild zu basteln.
Der Hase ist ein strenges Tier
Ihre Figuren und Tiere sind alle nicht im klassischen Sinne schön. Warum?
Weil wir ja auch, zumindest die meisten von uns, nicht im klassischen Sinne schön sind. Es wäre ja auch schrecklich, wenn alle den gleichen Schönheitschirurgen hätten. Dann würden wir gelangweilt über die Straße laufen, und es gäbe nichts mehr zu entdecken.
Tiere sind eigentlich nicht schön, sie sind phänomenal. Sie faszinieren uns durch ihr ernsthaftes So-Sein. Dieses Phänomenale will ich beibehalten. Das Tier sollte nicht „tamagotchiisiert“ werden.
Kinder erschrecken ja manchmal sogar, wenn sie einen wirklichen Hasen im Feld sehen. Den hatten sie sich so nicht vorgestellt. Sie dachten, ein Hase sei zwei hellblaue Kugeln und eine rosa Nase. Und dann dieses Ungeheuer. Aber genau das ist ein Hase ja: ein Respekt einflößendes, großes, knochiges, eher strenges Tier – und in keiner Weise niedlich.
Sie illustrieren nicht nur, sie schreiben auch Texte. Welche Rolle spielt der Text bei Kinderbüchern?
Der Text spielt eine ebenso große Rolle wie die Illustration. Beide sollten ebenbürtig sein.
Erzählen braucht Erfahrung
Sie bilden als Professor an der Universität Wuppertal junge Illustratoren aus. Was geben Sie ihnen mit auf den Weg?
Ich gebe ihnen mit auf den Weg, dass man sie eigentlich nicht ausbilden kann. Man kann nur immer wieder sagen: „Guckt euch um!“ Ich sage ihnen, dass sie sich breiter informieren sollen – nicht nur in der Bilderwelt, sondern auch in der Kunst, der Poesie und der Musik.
Sie sollen viel lesen und viel gucken, auch draußen in der Natur. Und schließlich müssen sie warten können, bis sie irgendwann selbst wissen, was sie erzählen wollen.
Lernen Sie selbst – was das Zeichnen betrifft – immer noch dazu?
Ja, jeden Tag und jede Menge. Man vergisst viel von dem, was man gesehen hat. Oder man erinnert sich nicht mehr so ganz genau. Man denkt, man könnte ein Pferd zeichnen, oder man wüsste ganz genau, wie alte Menschen aussehen. Aber man weiß das alles nicht.
Um diesen Topf immer wieder neu aufzufüllen, sitze ich manchmal morgens und zeichne ein Hinterbein von einem Pferd auf die Tageszeitung – nur um mich zu vergewissern, ob ich’s noch kann. Wenn nicht, besuche ich gelegentlich ein Pferd auf seiner Wiese, oder ich nehme den Anatomieatlas zur Hand.
„Beim Thema Tod habe ich mich schwer getan“
Welches war früher, als Sie selbst noch Kind waren, Ihr Lieblingskinderbuch?
Ich hatte keine. Ich hatte nur die Bücher meiner Eltern. Mein Lieblingsbuch war damals ein Katalog mit Kunstdrucken. Eine ganz bunte Mischung von alten Meistern, wirklich berühmten Bildern, aber auch Bildern von Füchsen im Wald, Schiffen im Sturm, Mönchen beim Wein und so weiter, die ich noch heute nicht zuordnen kann.
Für Ihr Buch „Ente, Tod und Tulpe“ haben Sie zehn Jahre gebraucht …
Beim Thema Tod habe ich mich schwer getan, zu einer Einfachheit zu finden. Ich hatte mich zwischendurch philosophisch dermaßen vergaloppiert und endlos lange Texte geschrieben, die ich hinterher selbst nicht mehr lesen mochte. So brauchen manche Sachen eben viel Zeit.
Schwebt Ihnen zurzeit ein bestimmtes Projekt vor, das Sie unbedingt machen wollen?
Nein. Ich will einfach zeichnen.
Werner Holzwarth / Wolf Erlbruch: Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Peter Hammer Verlag, Wuppertal. ISBN 387294407X.
Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe. Verlag Antje Kunstmann, München. ISBN 3888974615.
führte das Interview. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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März 2009
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