Das Bett – Gefängnis und Überlebenszelle
Der Fotograf Jürgen Zwingel im Interview über seine Fotoserie „Hinter verschlossenen Türen“

Das Thema des diesjährigen Festivals „Traverse Video - Geschichte(n)“ könnte auch Titel deiner Biographie sein, warst du nicht beruflich in den verschiedensten Sparten tätig?
Ich war Elektrogerätemechaniker und Kinderpfleger als ich beschlossen habe, nicht nur Sachen zu tun, die Andere für mich wichtig finden, sondern etwas Ernsthaftes – also Pantomime. Mit einem Köfferchen, 2000 Francs und einer Telefonnummer kam ich mit 18 Jahren nach Paris; die besten Schulen waren in Frankreich. Später begann ich zu tanzen und arbeitete nebenher als Stuntman – als Schwertkämpfer in der Oper. Ich habe die Sachen immer so lange gemacht, bis ich merkte, dass es das nicht war, dass ich mehr zu sagen hatte. So kam ich zum Theater und Film. Finanziert habe ich mein Schauspielstudium in Paris als Aktmodell an der Kunsthochschule, Modemodel und selbst als Stripper. Mit dem damaligen Mr. Universum musste ich deshalb vier Monate lang vier Stunden pro Tag trainieren – irgendwie musste ich ja Muskeln bekommen. Das war 1986. Danach arbeitete ich vorwiegend als Schauspieler.
Jetzt bist du aber bei der Fotografie gelandet, warum?
Ich habe immer leidenschaftlich gern fotografiert, schon mit neun hatte ich meinen eigenen Fotoapparat, kurz später eine Filmkamera. Der Wendepunkt kam 2004, ab da habe ich massiv fotografiert. Irgendwas hat in mir geschlummert, das sich künstlerisch ausdrücken wollte. Beim Theater und Film geht es mehr darum, eine vorgegebene Form auszufüllen. Das war mir aber nicht genug. Ich wollte mich ausdrücken, meine Ängste, Leidenschaften, meine Reflexionen – und zwar in einer Form, die ich vorgebe. Für mich war das eine sehr tiefgründige Zeit, nach Scheidung, viel Alkohol, sich Verlieren und im Nichts Schweben. Das Fotografieren hat mir geholfen, mich da rauszuholen – die Faszination, einen Moment festzuhalten oder selbst zu kreieren, eine Geschichte zu schreiben oder zu suggerieren.
Deine Fotoreihe „Hinter verschlossenen Türen“ zeigt Momentaufnahmen von Betten. Wie kommt man darauf, sich künstlerisch mit Betten auseinanderzusetzen?
Daran ist meine Tochter Lou schuld: Einmal hatte sie im Turm neben unserem Haus geschlafen – ein alter Turm mit Wendeltreppe, etwa sieben Meter hoch. Als ich später zufällig von oben in den Turm geschaut habe, sah ich die verlassene Matratze – und dann ging es los mit dem Fotografieren.
Auf den Bildern sieht man ungewöhnliche und verfremdete Utensilien: Kreuze, ein Reh, Flügel. Warum hast du die Gegenstände ausgewählt?
Ich wollte ausdrücken, wie wir durch den Raum „Bett“ geprägt werden. Wenn wir abends etwas über unseren Großvater erzählt bekommen oder vor dem Schlafengehen beten. Deshalb das Portrait eines älteren Mannes oder das Kreuz. Mich interessiert, wie unser religiöses, historisches und moralisches Erbe entsteht. Was sehen wir als gut, was als schlecht? Die Flügel und das Reh verkörpern zum Beispiel die Unschuld. Das Werk ist symbolisch zu betrachten: das Bett ist eine Art Blase – Gefängnis und Überlebenszelle zugleich.
Welche Rolle spielen Spuren und Vergänglichkeit in deinem Werk?
Es geht um die psychologische Spur, um Erinnerungen. Spuren faszinieren mich in jeglicher Art, die Vergangenheit ist immer Teil der Gegenwart. Das Foto „Entjungferung“ verkörpert diese Vergänglichkeit: Man sieht den Blutfleck, das leere Bett. Das Thema Vergänglichkeit hat mich viel beschäftigt, ein Satz blieb mir besonders in Erinnerung: „Gegenwart ist das eben Vergangene und das noch zu Kommende“.
In der Gegenwart sieht man deine Fotos im Goethe-Institut in der Ausstellung „Traverse Vidéo - Geschichte(n)“: Erzählen uns deine Fotos Geschichten? Geschichten von Anderen, deine oder sogar unsere eigenen? Was nehmen wir aus den Bildern mit?
Es ist nicht wichtig, sich das Leben Anderer vorzustellen, sonst hätte ich mehr Details eingebaut. Was meine Geschichte betrifft, war es nicht immer einfach als Deutscher in Frankreich – zumindest vor 30 Jahren. Das Metallbein deutet zum Beispiel auf unser deutsch-französisches Erbe hin. Es geht aber eher um den Besucher selbst. Es wäre schön, wenn jemand in den Bildern seine eigenen Ängste und Zweifel sieht, vielleicht darüber spricht und nicht selbst in sich eingesperrt bleibt – hinter seine eigenen verschlossenen Türen blickt.



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