"Eine große Sehnsucht nach Weltläufigkeit und Zugehörigkeit zur großen Welt"
Tobias Wellemeyer, Generalintendant des Drei-Sparten-Theaters in Magdeburg, über "seine" Stadt und die Magdeburger an sich, die sich selbst sehr skeptisch gegenüber ihrer eigenen Stadt zeigen.

Von 1989 bis 2001 haben Sie in Dresden Ihre ersten Erfahrungen als Theaterregisseur gesammelt. Seitdem arbeiten Sie in Magdeburg. Zunächst als Leiter der Freien Kammerspiele und ab 2004 als Generalintendant des Drei-Sparten- Theaters. Wie unterscheidet sich das Magdeburger vom Dresdner Theaterpublikum?
Dresden ist eine alte Residenzstadt mit großartigen barocken und bürgerlichen Kulturtraditionen, die sehr stark im Selbstbewusstsein der Dresdner verankert sind. Auch als eine Art Dünkel, eine Art provinzieller Arroganz. Andererseits hat diese Haltung aber auch geholfen, beispielsweise die geistige Wüste während des ostdeutschen Sozialismus zu überleben. Aus Dresden kamen neben Leipzig die stärksten oppositionellen Impulse. Sofort nach der Wende hat der neue Ministerpräsident Kurt Biedenkopf dann von Dresden aus sehr erfolgreich den Aufbau-Ost vorgeführt. So blieb das starke Dresdner Selbstbewusstsein beinahe bruchlos erhalten. Magdeburg ist die Stadt der Brüche, der verloren gegangenen Geschichte schlechthin. Das begann mit den großen Stadtbränden im Dreißigjährigen Krieg und endete mit dem mehrfachen Totalzusammenbruch ihrer großartigen Industriegeschichte. Von den riesigen Kombinaten des ostdeutschen Schwermaschinenbaues beispielsweise ist beinahe nichts übrig geblieben. Keine starken, neuen mittelständischen Entwicklungen konnten diese Brüche abfangen. Daraus entstehen hier noch immer Zorn und gekränkter Stolz. Gleichzeitig verursacht dieses Gefühl des Zurückgesetztseins starke Ansprüche und einen großen Erwartungshorizont. Die Magdeburger sind im Theater deutlich offener gegenüber Extremen, und sie sind emotional stark berührbar.
Kritiker loben Ihre "bemerkenswerte Theaterarbeit für Jugendliche und von Jugendlichen in Magdeburg". Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte?
Wir haben von Anfang an stark auf die junge Generation gesetzt. Diese junge Magdeburger Generation positioniert sich sehr selbstbewusst gegen ein oft depressives und skeptisches Umfeld. Wir geben wenig vor und ermutigen sie zu einer kraftvollen Selbstdarstellung. Das Interesse, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen, ist sehr ausgeprägt, andererseits aber auch die Sehnsucht, gesehen und bestätigt zu werden. Hier geht es nicht nur um eine erfolgreiche Teilnahme am ökonomischen Wettbewerb, sondern auch um einen Hunger nach Sinn und um Teilhabe an gemeinschaftlichen Initiativen. Wir haben versucht, das Theater auch jenseits von Aufführungen, als einen echten Lebensort anzubieten. Wir können hier die Konflikte nicht lösen, aber wir können soziale Kompetenz trainieren, Perspektiven aufmachen, Wut rauslassen, differenzieren, die Dinge neu zusammensetzen. Theater ist eine zivilisierende Kulturtechnik.


"Egal, was wir machen, es ist immer gleich voll und gleich starker Applaus." So beschrieb Ihr Freund Lutz Salzmann, ein gebürtiger Magdeburger, in einem Interview das Theaterleben in Stuttgart. Sie können solch "sicheren Orten" wenig abgewinnen. Warum entspricht das, was Sie in Magdeburg vorgefunden haben, eher Ihrer Identität?
Die Geschichte geht ja noch weiter, denn ich habe daraufhin gesagt: "Wunderbar, da will ich eigentlich auch hin." Und Lutz Salzmann hat gesagt: "Es ist aber gut für den Schauspieler, wenn er Widerstände spürt." Das ist auch schon fast die Antwort. Ich bin den Weg, den wir hier gehen, gewohnt. Im Osten machte man Theater auf einen Ausgang hin. Für uns war es nie ein Ort der Repräsentation.
"Magdeburg, die Stadt mit dem gewissen Nichts," urteilte ein User des Deutschen Architektur-Forums im Internet. Teilen Sie diese Sicht?
Die Stadt verkauft sich noch nicht sehr klug. Die vielen, vielen Veränderungen noch nicht, Universität, Sportstätten, Kaufcenter und Kneipenszenen, aber auch ihre reichen historischen Tiefenschichten zu wenig. Es gibt hier großartige romanische Bauwerke, herausragende kulturhistorische Ausstellungen, einen riesigen, geheimnisvollen Elbhafen, wunderschöne gründerzeitliche Stadtviertel, Elbinseln und viel Grün.
Zum Ballettdirektor haben Sie den Kubaner Gonzalo Galguera berufen. Generalmusikdirektor Francesco Corti stammt aus Mailand. Die "Grüne Zitadelle", der Neubau des Österreichers Friedensreich Hundertwasser im Zentrum, ist für Sie "Kult und gut für die Stadt". Vehement setzen Sie sich für den britischen Bildhauer Tony Cragg ein, damit er seine drei Points Of View, zwölf Meter hohe Bronzesäulen, auf dem Universitätsplatz errichten darf. Hat Magdeburg einen Nachholbedarf an Weltläufigkeit?
Ja, die Internationalität im Ensemble ist hier lichtreich und inspirierend. Und sie ist durchaus Programm. Es gibt in dieser Stadt eine große Sehnsucht nach Weltläufigkeit und Zugehörigkeit zur großen Welt, die aber immer wieder auf eine dumpfe Einstmalssehnsucht trifft, auch auf den verletzten Stolz des Provinzlers, den das Fremde irritiert. Das kann man in der Diskussion um Tony Craggs Metallplastik für den Universitätsplatz sehr gut sehen. Wir sammeln analog zu seinen aus Gesichtern zusammengesetzten Bronzesäulen tausend fotografierte Selbstporträts von Menschen, die dafür sind. Tony Cragg hat uns allerdings erzählt, dass er diese Widerstände gewohnt ist. Das ist nicht nur hier so.
Sie und Ihre Familie sind von Dresden nach Magdeburg umgezogen. Wenn Sie heute ein Ortsfremder fragt: "Wo finde ich das echte Magdeburg?", was würden Sie ihm antworten?
Es ist eine innere Haltung, man findet das Typische eher im Herzen der Magdeburger. Während Fremde regelmäßig stark überrascht sind, verhalten sich die Magdeburger selbst sehr skeptisch gegenüber ihrer eigenen Stadt. Aber hinter dieser Skepsis verbergen sich lokalpatriotische Ungeduld, starke Empathie gegenüber der eigenen Lage und viel, viel Visionäres. Der Zukunftsglaube kämpft hier stetig gegen eine Resignation, mit der die Magdeburger offenbar traditionell geschlagen sind. Insofern ist das echte Magdeburg irgendwo unsichtbar.


Magdeburg zählt 230.000 Einwohner. Keiner ist wie der andere. Dennoch die Frage: Wie würden Sie den typischen Magdeburger charakterisieren?
Die Stadt ist mental im Umbruch, eine junge Generation beginnt sich zu positionieren. Wenn ich es dennoch versuchen müsste: sehr heimatverbunden, sehr skeptisch gegenüber sich selbst, ungeheuer verletzlich, emotional stark berührbar - was sie zu verbergen suchen, äußerlich sehr körperbewusst, ziemlich verlässlich, kollegial, mit einem starken Sinn für Gemeinschaft ausgestattet.
| Tobias Wellemeyer, seit 2004 Generalintendant des Theaters Magdeburg, wurde 1961 in Dresden geboren. Er studierte Theaterwissenschaften in Leipzig. 1989 gab Wellemeyer sein Regiedebut in Dresden. Gastinszenierungen führten ihn nach Bonn und Mainz. 2001 wurde er Intendant der Freien Kammerspiele Magdeburg. Fachleute bescheinigen Tobias Wellemeyer bemerkenswerte Spielplaninnovationen, ein modernisiertes Erscheinungsbild des Theaters, neu konzipierte Öffentlichkeitsarbeit und steigende Besucherzahlen. Musikbegeisterte schwärmen von seiner Inszenierung der Puccini-Oper La Bohème. Jugendgemäße Stücke liegen Wellemeyer und seinem Ensemble besonders am Herzen. Dazu nutzen sie das Theater auch für tagesaktuelle Diskussionsrunden. Zuletzt 2007 mit Schülern und der Justizministerin von Sachsen-Anhalt Angela Kolb. Thema Rechtsextreme Gewalt. |
| Magdeburg in Zahlen | |
| 229.631 | Einwohner, darunter 8.004 Ausländer (Stand 2007) |
| 15.000 | Studenten an zwei Hochschulen |
| 805 | zur Zeit Karls des Großen, wurde Magdeburg gegründet |
| 202 | Quadratkilometer Stadtfläche |
| 90 | Prozent der Altstadt waren Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört |
| 83 | Piloten aus 24 Nationen nahmen 2007 an der Europameisterschaft der Heißballonfahrer in und um Magdeburg teil |
| 45 | Ehrenbürger, darunter Bismarck und Freiheitskämpferin Angela Davis |
| 3 | Städtepartnerschaften: mit Sarajewo, Braunschweig und Nashville/USA |
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April 2008
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- Kunstmuseum Magdeburg (Kloster Unser Lieben Frauen)

- Telemann-Gesellschaft (Internationale Vereinigung von Musikern und Forschern)

- Dom St. Mauritius und Katharinen, erster gotischer Dom Deutschlands nach dem Formenkanon französischer Kathedralen

- Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg


- Hochschule Magdeburg-Stendal (Fachhochschule)

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