Wunderland Hannover: Alexa Hennig von Lange über ihre Heimatstadt

Der niedersächsischen Landeshauptstadt eilt nicht unbedingt der Ruf voraus, besonders spannend zu sein. Wir haben mit der Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange darüber gesprochen, was ihre Heimatstadt Hannover dennoch liebenswert macht.
Frau Hennig von Lange, ich dachte immer, alle Pop-Autoren leben ausschließlich in Berlin …
Anfang der Neunziger bin ich tatsächlich von Hannover nach Berlin gezogen und habe dort zehn Jahre gelebt - mit kleinen Unterbrechungen, in denen ich in München und Hamburg wohnte. Als unser zweites Kind da war, dachten wir, es sei eine gute Idee, die Kinder in nicht ganz so urbaner Umgebung aufzuziehen. Nach drei Jahren sind wir allerdings von Hannover wieder nach Berlin umgezogen. Wobei meine Heimatstadt in der Erinnerung der Kinder inzwischen zu einer Art Wunderland geworden ist. Dort konnten sie sich natürlich wesentlich freier bewegen als in Berlin.
Sie sind in Hannover geboren – wie hat sich die Stadt in den letzten 35 Jahren verändert?
Als ich jung war, gab es dort eine extrem vielfältige Jugendkultur. Es gab Teddy Boys, Mods, Punks, Hippies, Rock’n’Roller, Popper, Ökos, Antifas, Skater. Eben alles, was das junge Herz begehrte. Inzwischen ist die junge Szene etwas eingeschrumpft, die Clubs von damals wurden geschlossen. Das wilde Leben findet definitiv woanders statt.
Ich war selbst ein wenig erschüttert, als ich mit meiner Familie dort wieder Fuß fassen wollte. Ein wenig scheint die Zeit dort stehen geblieben zu sein. Allerdings muss ich sagen, dass das Schauspielhaus unter der Leitung von Wilfried Schulz zu einem Ort des Theaters überhaupt geworden ist.
An welchem Ort sind Sie in Hannover am liebsten?
Hannover ist die ideale Stadt für Radfahrer, wie ich einer bin. Ich muss ständig Rad fahren. Wahrscheinlich bin ich süchtig danach. Darum bin ich jeden Tag mehrmals um den Maschsee gefahren. Er befindet sich mitten in der Stadt und verfügt über ein wunderschönes Strandbad aus den Fünfzigern plus einer von Palmen gesäumten Promenade.
Aber auch die Eilenriede – Europas grüne Lunge – wie sie weltweit genannt wird, ist so unfassbar grün im Sommer, dass einem das Herz aufgeht. Oder die Herrenhäuser Gärten. Das sind bestechend schöne Barockgärten. In meiner Jugend habe ich dort sehr viele romantische Momente verbracht – wie eigentlich überall in Hannover.
Was würden Sie Besuchern empfehlen, die nur einen halben Tag Zeit haben, Hannover kennen zu lernen?
Jeder Besucher sollte zum Maschsee fahren, dann zu den Herrenhäuser Gärten und kreuz und quer durchs phänomenale Philosophenviertel. Hier stehen die schönsten und merkwürdigsten Häuser von ganz Deutschland. Burgartige Bauten neben Gründerzeitvillen, umgeben von üppig blühenden Gärten und natürlich Hannovers Stadtwald. Und zwar wird an diesem halben Tag ausschließlich mit dem Rad gefahren. In Hannover sind die Wege nicht sehr weit und die meisten führen durch den Wald.
Sie sind Schirmherrin der Freiwilligenbörse in Hannover. Empfinden Sie die Hannoveraner als besonders hilfsbereit?
Absolut. Sie sind sehr sozial eingestellt. In meiner Jugend besuchte ich das Georg-Büchner-Gymnasium, ich hatte die besten Lehrer überhaupt. Sie waren an jedem einzelnen Schüler interessiert und schafften es, sich auf jeden von uns einzustellen. Dafür war und bin ich dankbar.
Böse Zungen behaupten, Hannover sei der Februar unter den deutschen Städten. Was entgegen Sie ihnen?
Nun ja, der Hannoveraner ist an sich nicht unbedingt ein Genussmensch, weswegen er nicht sehr oft Essen geht. Auch mag er es gar nicht, wenn Radfahrer sich nicht absolut an die Verkehrsregeln halten. Generell maßregelt der Hannoveraner etwas zu gerne. Das hat allerdings erst in den letzten Jahren zugenommen. Früher war das anders.
Barbara Schöneberger tourt ja gerade durch die Republik – unter anderem mit einem Lied, das "Zu hässlich für München" heißt und in dem der Hannoveraner als absolutes Mittelmaß vorgestellt wird. Trifft es das?
Nun ja. In Hannover hat man einfach nicht sehr viele Möglichkeiten, aus der Reihe zu tanzen. Man würde sehr schnell auffallen. Also tanzt man nicht aus der Reihe oder man zieht nach Berlin.
Regnet es in Hannover wirklich besonders oft, wie Sie mal behauptet haben – also eigentlich immer?
So kommt es mir zumindest vor. Aber es macht mir nichts. Ohne Regen wäre Hannover bestimmt nicht derart grün. Außergewöhnlich grün! Sowieso mag den ich Regen, weswegen es vermutlich auch in meinen Büchern derart viel regnet.
Die Region Hannover hat 2008 zum Klimaschutzjahr ausgerufen. Ist davon in der Stadt etwas zu spüren?
Ich war schon etwas länger nicht mehr dort. Hannover war aber schon immer eine überaus grüne, umweltbewusste Stadt. Was mir immer viel bedeutet hat.
Hannover ist die Stadt mit dem größten Schützenfest der Welt. Welches ist für Sie der Superlativ, der Ihre Heimatstadt am besten beschreibt?
Idyllischer geht’s nicht.
| Zur Person
Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange wurde 1973 in Hannover geboren. Bereits im Alter von 13 Jahren gewann sie den NDR-Wettbewerb "Kinder schreiben für Kinder". Ihr Romandebüt Relax (1997) – ein Porträt der jungen Generation der 90er Jahre – sorgte für eine kleine Sensation. Im Herbst 2002 wurde sie für Ich hab einfach Glück mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2007 ihr Roman Risiko. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder – und lebt mittlerweile in Berlin. |
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Juni 2008










