Peenemünde – Im Schatten der Rakete

Im Nordwesten der Ostseeinsel Usedom, der zweitgrößten Insel Deutschlands, dort, wo der Peenestrom in den Greifswalder Bodden mündet, liegt das Dorf Peenemünde. Hier wurde – von den Nazis finanziert – die A4-Rakete entwickelt. Einstmals ein idyllisches Fischer- und Bauerndorf, trägt der Ort heute ein zwiespältiges Erbe: Von 1936 bis 1945 wurde hier die A4-Rakete entwickelt, die als "Vergeltungswaffe V2" im Zweiten Weltkrieg traurige Berühmtheit erlangte; gleichzeitig gilt sie aber auch als Vorläufer der zivilen Weltraumträgerraketen.
Vom idyllischen Fischerdorf zum Standort der Heeresversuchsanstalt
Wie seine Nachbarn, die berühmten Seebäder Ahlbeck, Heringsdorf oder Bansin, hoffte auch das kleine Dorf Peenemünde Ende der 1930er Jahre, sich als ein florierendes Ziel für die zahlreichen Touristen etablieren zu können, die schon seit dem 19. Jahrhundert die Insel Usedom als Ferienparadies entdeckt hatten. Doch seine Abgelegenheit, die dünne Besiedlung – 1936 zählte es rund 400 Einwohner – und seine weißen Strände zogen nicht das Interesse der Badegäste an, sondern prädestinierten es als Standort für die Heeresversuchsanstalt.Ab 1936 entstand in Peenemünde das zu seiner Zeit größte und modernste Technologiezentrum Europas. Unter strenger Geheimhaltung arbeiteten hier bis zu 15.000 Menschen an der Entwicklung und Erprobung neuer Waffensysteme. In den Versuchsanstalten Peenemünde wurde die erste automatisch gesteuerte Flüssigkeitsgroßrakete der Welt, die A4-Rakete (A steht für "Aggregat") entwickelt.
Mythos 1: Die Wunderwaffe V2
Der erste erfolgreiche Start einer A4-Rakete glückte am 3. Oktober 1942. Vom legendären "Prüfstand VII" schoss der 13,5 Tonnen schwere und 14 Meter lange Stahlkoloss bei fünffacher Schallgeschwindigkeit rund 90 Kilometer in die Höhe.Den Erfolg der A4-Rakete wusste das nationalsozialistische Regime sofort für seine Propagandazwecke zu nutzen. Aus der A4-Rakete wurde die geheime Wunderwaffe der Nazis, die Joseph Goebbels als "Vergeltungswaffe 2 (V2)" mit dem Ziel mystifizieren ließ, die Moral der britischen Bevölkerung, gegen die sich die V2 in erster Linie richten sollte, zu zermürben und in der deutschen Bevölkerung den Glauben an den Endsieg zu stärken. Bis März 1945 wurden etwa 3.000 V2-Raketen auf England, Belgien und Frankreich abgeschossen. Allein in London starben über 8.000 Menschen durch die Rakete. – Die Moral der Briten aber blieb ungebrochen, und der Krieg nahm nicht die von den Nazis erhoffte Wende.
Mythos 2: Peenemünde als Ort reiner Wissenschaft
Die vielen Tests, die von Peenemünde aus durchgeführt wurden, konnten den Alliierten auf Dauer nicht verborgen bleiben. Die geheime Versuchsanstalt wurde entdeckt. Nachdem die Briten 1943 den Ort durch einen Luftangriff teilweise zerstören hatten, verlegten die Nazis die Produktion der Rakete in die bombensicheren Stollenanlangen nach Kohnstein bei Nordhausen in Thüringen. Für die Häftlinge, die aus dem Konzentrationslager Buchenwald für die Arbeiten herangezogen wurden, errichtete man das Konzentrationslager (KZ) Dora, das später KZ Mittelbau hieß. Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, die Drangsalierungen durch die SS sowie die Massaker der letzten Kriegstage forderten das Leben von mehr als 20.000 Häftlingen.Die vielen Toten, die die Herstellung der Raketen kostete, werden häufig nur mit den Namen Mittelbau-Dora bzw. Nordhausen in Verbindung gebracht. So konnte der Mythos entstehen, Peenemünde sei ein Ort reiner Wissenschaft gewesen.
Die zivile Raumfahrt
Ungeachtet der Verheerungen, die die A4-Rakete im Krieg anrichtete, bedeutete ihre Entwicklung eine technologische Revolution. Die moderne Raumfahrt war geboren. Die Bedeutung der A4-Rakete hatten auch die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs erkannt. Nach Ende des Kriegs gingen die meisten deutschen Ingenieure, die in Peenemünde gearbeitet hatten, in die USA. Der Ort selbst gelangte in die Hände der damaligen Sowjetunion und blieb bis 1989 militärisches Sperrgebiet. Die beiden Supermächte USA und Sowjetunion profitierten von den Forschungen, die in Peenemünde betrieben wurden. Ohne die hier gewonnenen Erkenntnisse hätte die erste Mondlandung 1969 sicherlich noch ein wenig auf sich warten lassen müssen.Ein schweres Erbe
Heute leben in Peenemünde wieder etwa genau so viele Menschen wie vor 1936. Auch liegt das Dorf noch immer im Nordwesten Usedoms, umgeben von wildromantischer Natur zwischen Peenestrom, Greifswalder Bodden und der Ostsee. Doch seit dem Zweiten Weltkrieg wird in Peenemünde der Zwiespalt von Wissenschaft und Ethik so deutlich wird wie an wenigen anderen Orten.



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