Neuruppin: Auf den Spuren Fontanes, Schinkels und des Bilderbogens

Nur knapp 70 Kilometer von Berlin entfernt liegt malerisch am längsten See Brandenburgs die "Perle der Ruppiner Schweiz". Das 750 Jahre alte Neuruppin verdankt seine Berühmtheit vor allem dem berühmtesten Sohn der Stadt: Theodor Fontane. "Ruppin hat eine schöne Lage – See, Gärten und der sogenannte 'Wall' schließen es ein. Nach dem großen Feuer […] wurde die Stadt in einer Art Residenzstil wieder aufgebaut. Lange, breite Straßen durchschneiden sie, nur unterbrochen durch stattliche Plätze […]. Für eine reiche Residenz voll hoher Häuser und Paläste, voll Leben und Verkehr, mag solche raumverschwendende Anlage die empfehlenswerteste sein, für eine kleine Provinzialstadt aber ist sie bedenklich."
Die Worte, mit denen Theodor Fontane seine Geburtsstadt im ersten Band der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (1862-1882) beschreibt, treffen auch heute noch zu. Tatsächlich liegt die Stadt sehr schön – am Ufer des 14 Kilometer langen Ruppiner Sees, am Rand der romantischen Buchenwälder der Ruppiner Schweiz.
Frühklassizistischer Stadtkern
Im Jahre 1256 erhielt Neuruppin Stadtrecht. Nach einem großen Brand, der die Stadt 1787 in Schutt und Asche legte, baute man Neuruppin im Stil des Frühklassizismus mit einem Gitternetz aus "langen, breiten Straßen" wieder auf. Baumeister Bernhard Matthias Brasch entwarf auch die teils aufwändigen Fassaden der zweigeschossigen Häuser, die die Straßen säumen. Das durch seine Geschlossenheit beeindruckende städtebauliche Ensemble, das auch im Krieg nahezu unzerstört geblieben ist, steht heute unter Denkmalschutz.Der Eindruck von "Öde und Leere", den Fontane in seinen Reisebeschreibungen festhielt, tatsächlich stellt er sich auch im 21. Jahrhundert in dieser Kleinstadt im Norden Brandenburgs noch ein. Vielleicht mochte der Eindruck Fontanes daher rühren, dass die Häuser im Verhältnis zur Breite der Straßen zu niedrig geraten sind. Heute unterstreichen die zahlreichen leerstehenden Wohnungen und Häuser diesen Eindruck.
Söhne der Stadt
Auch Karl Friedrich Schinkel erblickte in Neuruppin das Licht der Welt. Seine Pläne für den Wiederaufbau der Stadt Neuhardenberg sowie zahlreiche Entwürfe zu klassizistischen Bauwerken in Berlin – etwa die Neue Wache (Unter den Linden), das Alte Museum (am Lustgarten) und das Schauspielhaus (am Gendarmenmarkt) – machten ihn zum bedeutendsten deutschen Baumeister der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Stadt der Bilderbogen
Bekannt war Neuruppin im 19. Jahrhundert als Zentrum der Bilderbogenproduktion. Die Bilderbogen kann man als Vorläufer der heutigen Illustrierten beschreiben. Diese Druckgraphiken, auf denen Zeichnungen und Texte in ansprechender Weise kombiniert wurden, erfreuten sich großer Beliebtheit.Es gibt die unterschiedlichsten Arten von Bilderbogen: Darstellungen von aktuellen Ereignissen, aber auch vom Krieg, vom Leben der Fürsten sowie von Ehe und Familie. Auf den Bogen wurden Lieder und Sagen illustriert oder es fanden sich Bastelanleitungen und Spiele. Bisweilen verfolgten die Auftraggeber auch pädagogische Ambitionen, wenn sie die Bilderbogen bürgerliche Idealvorstellungen und Rollenbilder transportieren ließen.
Die ersten Bilderbogen entstanden in Neuruppin noch vor 1800, beim Buchdrucker Johann Bernhard Kühn. Unter dessen Sohn, Gustav Kühn, wurden die Kühnschen Bilderbogen weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. In den Druckereien und Kolorierstuben der drei Firmen Gustav Kühn, Oehmigke & Riemenschneider und Bergemann wurden mehr als 20.000 Bilderbogen hergestellt. Heute besitzt Neuruppin die wohl größte deutsche Sammlung dieser populären Drucke; sie werden im Alten Gymnasium ausgestellt.
Auch wenn auf den etwas überdimensionierten Straßen der 32.000 Einwohner zählenden Kleinstadt schon einmal "Öde und Leere" herrschen: Dass Fontane hier den "Eindruck der Langenweile" verspürt hat, ist heute nicht mehr ohne Weiteres nachzuvollziehen.
Dagmar Giersberg arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Bonn
online-redaktion@goethe.de
November 2005










