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„Die Schulbibliothek ist unersetzlich“ – Interview mit Birgit Lücke

Birgit Lücke; © privatBirgit Lücke; © privatAuch wenn Schulbibliotheken nach dem Pisa-Schock eine Renaissance erfahren haben, so sind sie in Deutschland immer noch keine Selbstverständlichkeit. Ein Gespräch mit Birgit Lücke, der Vorsitzenden der Kommission „Bibliothek und Schule“ im Deutschen Bibliotheksverband (dbv).

Frau Lücke, warum sind Schulbibliotheken gerade heute wichtig?

Weil eine gut funktionierende Schulbibliothek ein Baustein zur Erreichung von Lernzielen sein kann, die sich nach dem Pisa-Schock herauskristallisiert haben. Stand früher die lehrerzentrierte Wissensvermittlung im Fokus, wird heute auch die fächerübergreifende und aktivierende – also schülerzentrierte – Vermittlung von Lesekompetenz immer wichtiger. Hierbei können Schulbibliotheken ebenso helfen wie bei der Aufgabe, Kinder und Jugendliche durch effiziente Strategien zu Recherche, Bewertung und Nutzung von Informationen und Medien auf ein lebenslanges Lernen vorzubereiten.

Deshalb haben Schulbibliotheken in den letzten Jahren eine gewisse Renaissance erfahren. So wurde ihr Auf- und Ausbau im Rahmen der bundesweiten Initiative „Zukunft Bildung und Betreuung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für Ganztagsschulen gefördert. Dieses Angebot ist vielerorts auch genutzt worden.

Schulbibliotheken sind Stiefkinder

Welchen Stellenwert haben Schulbibliotheken heute?

Schüler in der Schulbibliothek der Gemeinschaftsgrundschule Rheinbach; © Gemeinschaftsgrundschule RheinbachWenn man es richtig angeht: einen hohen! Eine Schulbibliothek lebt ja in und mit ihrer Schule und muss im schulischen Alltag konzeptionell verankert sein, um Akzeptanz zu finden. Sie kann mehr sein als eine „Büchersammlung“, nämlich Unterrichtsraum ebenso wie individueller Lernort, und Raum für kreative oder entspannende Freiphasen. Welche Rolle sie einer Schulbibliothek zubilligen will, muss die konkrete Schule selbst entscheiden.

Innerhalb der Bibliothekswelt sind Schulbibliotheken in den letzten Jahrzehnten leider zunehmend zu Stiefkindern geworden. Öffentliche Bibliotheken begreifen sie zu oft als Konkurrenz im Kampf um knappe Mittel und Nutzer. Dabei können sich öffentliche Bibliothek und Schulbibliothek hervorragend ergänzen – wenn sie einander wahrnehmen und miteinander kooperieren.

Kooperationen sind gefragt

Wie können Kooperationen von öffentlichen Bibliotheken mit Schulen aussehen?

Schüler in der Schulbibliothek der Gemeinschaftsgrundschule Rheinbach; © Gemeinschaftsgrundschule RheinbachDie Angebote öffentlicher Bibliotheken haben sich in den letzten Jahren insbesondere im Bereich der Lesekompetenz, aber auch der Informations- und Medienkompetenz weiterentwickelt. „Bildungspartnerschaft“ war hier das Schlagwort. Spezifisch dafür ist, dass traditionelle, bisher aber eher unverbindliche Bibliotheksangebote – Klassenführungen, Unterricht in der Bibliothek, Buchvorstellungen, Medienboxen oder Ähnliches – gemeinsam mit der Schule und im Hinblick auf die Lehrpläne konkretisiert und durch Kooperationsvereinbarungen in den schulischen wie in den bibliothekarischen Alltag eingebunden wurden.

Diese Angebote sind eine sehr gute Ergänzung – und oft genug müssen sie leider auch als Ersatz für nicht vorhandene oder schlecht ausgestattete Schulbibliotheken dienen. Aber auch die beste öffentliche Bibliothek kann eine räumlich, bestandstechnisch und personell vernünftig ausgestattete Schulbibliothek nicht ersetzen.

Die Schule muss sich engagieren

Wie werden die Schulbibliotheken in Deutschland organisiert?

Schulbibliothek des Fraunhofer-Gymnasiums; © Fraunhofer-Gymnasium Cham/Christian NowotnyIm bundesdeutschen Bildungsföderalismus gilt: 16 Länder, 16 Systeme – eine Heterogenität, die bis in die Städte und Gemeinden heruntergebrochen wird. Von fachlich-finanzieller Unterstützung bis totaler Nichtbeachtung ist da alles möglich. Formal gehören Schulbibliotheken zur Ausstattung, was den jeweiligen Schulträger – überwiegend also Städte und Gemeinden – fordert. Die wiederum handeln auch vor dem Hintergrund ihrer zur Zeit katastrophalen finanziellen Situation nach dem Motto: Was ich einem gewähre, wollen alle, also fördere ich keinen.

Im Normalfall ist es daher die Schule selber, die über Fördervereine, Sponsoren und engagierte Lehrer, Eltern und Schüler den Betrieb gewährleistet. Und damit hängt die Leistungsfähigkeit der Schulbibliothek von einer Kette von Zufälligkeiten ab, die sich jährlich ändern können.

Best-Practice beginnt auf Länderebene

Wo läuft es anders?

Schulbibliothek des Fraunhofer-Gymnasiums; © Fraunhofer-Gymnasium Cham/Christian NowotnyAnders läuft das dort, wo Städte oder Länder Verantwortung übernehmen und durch die Einrichtung entsprechender Arbeits- oder Fachstellen zentrale Angebote zur Entwicklung und zum Betrieb von Schulbibliotheken – inklusive finanzieller Hilfen etwa zum Bestandsaufbau – bereitstellen.

Hier gelingt es dann auch, langfristige und verbindliche Strukturen aufzubauen, die die Eingliederung der Schulbibliothek in die Unterrichtsgestaltung erleichtern. Denn hier können sich die Kräfte in den Schulen auf die eigentliche Nutzung konzentrieren und verschleißen sich nicht beim täglichen Kampf um Medienetat, Raumausstattung oder angemessene Öffnungszeiten.

Erfreulicherweise treten mittlerweile neben die bundesweiten schulbibliothekarischen Leuchttürme auch eine Vielzahl kleiner, aber feiner Initiativen mit dem Potenzial, in die Fläche zu wirken. Das jüngste Beispiel ist das zu Recht mehrfach ausgezeichnete Informations- und Mediennetzwerk des Lahn-Dill-Kreises: ein Modell, das in Variationen bundesweit auch und gerade in Zeiten der Finanzkrise umsetzbar ist.

Zukunftsmodell „Teacher Librarian“

Was ist in anderen Ländern anders?

Schulbibliothek des Fraunhofer-Gymnasiums; © Fraunhofer-Gymnasium Cham/Christian NowotnyIn vielen Ländern haben Schulbibliotheken eine viel höhere politische und gesellschaftliche Akzeptanz. Das fängt mit entsprechenden Gesetzen an und hört mit Berufsbildern wie dem „Teacher Librarian“ auf.

Während hierzulande Lehrer bestenfalls mit wenigen Stunden zur Leitung einer Schulbibliothek abgeordnet werden und damit von heute auf morgen vom Bucheinkauf bis zum Ausleihbetrieb alles beherrschen sollen, gibt es im angloamerikanischen Raum eine Zusatzausbildung, die das Wichtigste für den effizienten Betrieb einer Schulbibliothek aus den Berufsfeldern des Lehrers und des Bibliothekars zusammenführt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Schulbibliotheken?

In logischer Konsequenz: gesicherte, verlässliche Rahmenbedingungen, in denen sich Schulbibliotheken als lebendige Lernorte zum Wohle unserer Kinder und Jugendlichen entwickeln können – und die Lehrer gern zur Gestaltung eines abwechslungsreichen, innovativen Unterrichts nutzen.

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2010

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