Nevfel Cumert in Irland

Unterwegs mit dem reisenden Dichter – eine Lesereise mit Nevfel Cumart

Nevfel Cumart
Nevfel Cumart
Wir betreten den Klassenraum einer irischen Sekundarschule. Die Schüler warten bereits gespannt auf uns. Es steht eine Lesung mit Nevfel Cumart an, einem Autoren, der einen ganz besonderen Hintergrund mit sich bringt, denn obwohl er in Deutschland geboren wurde und sein Leben nie in einem anderen Land verbrachte, handelt es sich bei Nevfel nicht um einen typisch deutschen Schriftsteller. Seine Wurzeln liegen in der Türkei, was die Schüler vom ersten Moment an erleben. Sie bekommen nicht nur ein fröhliches „Hallo“ oder „Guten Morgen“ zu hören, Nevfel begrüßt sie sogleich auch mit „Selam“, was für einige der Deutschschüler eine große Überraschung zu sein scheint.

Dass es sich bei seiner Lesung nicht um eine langweilige Deutschstunde handeln soll, sondern um die Begegnung mit einem deutschen Autoren, wird ihnen noch bewusster als Nevfel beginnt, seine Gedichte in mehreren Sprachen zu lesen. Mit im Gepäck hat er zwei Gedichtbände, die ins Englisch übersetzt wurden und einige Gedichte, die er selbst ins Türkische übertragen hat.

Nevfel Cumart Immer wieder ermuntert Nevfel die Schüler auch Fragen zu stellen, sei es auf Deutsch oder auf Englisch, denn was wirklich wichtig sei ist das aktive Gespräch. Anfangs etwas scheu, trauen sich schließlich mehr und mehr Schüler ihn nach seinem Leben und seinen Gedichten zu fragen: „Warum wurden Sie Schriftsteller?“, „Welche Sprache spricht Ihre Tochter?“ oder „In welcher Sprache haben Sie Ihre Gedichte geschrieben?“. Mit jeder Frage scheint mehr Interesse aufzukommen und so lernen die Schüler immer mehr über Nevfels privates Leben. Etwa, dass er bereits seit 31 Jahren schreibt und in dieser Zeit mehr als 1600 Gedichte entstanden sind. Ursprünglich hatte Nevfel jedoch nie vor, Dichter zu werden. Er hatte eine akademische Laufbahn angestrebt. Doch erkannte er bald, dass ihm das Leben an der Universität nicht ausreichte, er die Poesie benötigte, um sich selbst, Gott und das Leben zu verstehen. „I can’t live without poems, so I have to write them.“ Auch seine Tochter taucht wieder und wieder in den Gedichten auf. Sie ist nicht nur von der Türkei und Deutschland geprägt, als Tochter einer Griechin spricht sie auch ein bisschen Griechisch. Doch genau wie Nevfel fühlt sie sich als Deutsche.

Das Thema der Integration von Immigranten ist Nevfel besonders wichtig und so scheut er sich nicht, auch persönliche Fragen zu diesem Thema zu beantworten. In teilweise sehr emotionalen Gesprächen erzählt der Schriftsteller von seiner eigenen Kindheit und Jugend und Konflikten, die aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen zwischen ihm und seinen Eltern, die 1960 als Gastarbeiter nach Deutschland auswanderten, auftraten. Immer wieder unterbricht er diese Erzählungen und blättert in seinen Büchern, um die geschilderten Erlebnisse mit einem seiner Gedichte zu verbinden, denn „manchmal kann man mit Gedichten auch Geschichten erzählen“. So erfahren die Schüler und Studenten in Meine erste Liebe beispielweise von Nevfels erster Freundin, einer Deutschen, und den Problemen, die eine solche interkulturelle Beziehung mit sich brachte. Nach sechs schwierigen Jahren zerbrach die Liebe schließlich.

Nevfel sieht Bildung als einzigen Weg zur Integration und als Deutscher mit türkischen Wurzeln erkennt er eine besondere Verantwortung an, diese Bildung an andere Immigranten weiterzugeben. So führte er bereits ein Alphabetisierungsprojekt durch, um den türkischstämmigen Immigranten in Deutschland zu einer besseren Zukunft zu verhelfen. Wie schwierig diese Integration jedoch tatsächlich ist, zeigte sich an den eigenen Eltern. Nevfels Mutter brach das Alphabetisierungsprojekt ab und auch der Vater, der bereits lesen und schreiben konnte, kehrte zeitweise wieder in die Heimat zurück, was der Dichter in Über die Heimat II thematisiert. Auch Nevfel reiste viele Male in die Türkei, um seine Verwandten zu besuchen. Auf die Frage, ob er sich selbst noch als Türke sehe, antwortet Nevfel, dass dies teilweise der Fall sei, er könne jedoch nicht genau bestimmen, zu wie viel Prozent. Während er viele Bestandteile der türkischen Kultur mag, kann Nevfel ohne lange zu überlegen auch viele Dinge nennen, die er an Deutschland sehr zu schätzen weiß, was wiederum seine Stellung zwischen zwei Kulturen unterstreicht.

Nevfel Cumart with pupils from Coláiste Eoin school

 

 

 

 

 

 

 

„Zwischen zwei welten inmitten unendlicher einsamkeit möchte ich eine brücke sein“ – mit diesen Worten beginnt Zwei Welten, eines der Werke, das Nevfels Situation wohl am besten beschreibt. Indem er seine Rolle als Repräsentant vieler Deutscher mit Migrationshintergrund ernst nimmt und als „reisender Dichter“ nicht nur in vielen Schulen Deutschlands, sondern auch im europäischen Ausland unterwegs ist, kommt er diesem Wunsch ein bedeutendes Stück näher.

Nicht nur können sich Migranten und deren Kinder mit ihm identifizieren, sondern bringt er auch den Einheimischen die Schwierigkeit, die das Leben zwischen zwei Kulturen mit sich bringt, näher. Aus genau diesem Grund schaffte es Nevfel, die ganz unterschiedlichen Schülergruppen, die er auf seiner Lesereise durch Irland an acht irischen Schulen besuchte, mit seinen Gedichten und Erzählungen in den Bann zu ziehen.

Nicht selten gab es innerhalb der Gruppe Schüler, die einen ähnlichen Hintergrund mit sich brachten und so relativ spezifische Fragen an Nevfel hatten. Doch auch diejenigen, die sich bisher kaum mit dem Thema auseinandergesetzt hatten, hörten gespannt zu und nutzen die Begegnung mit dem Schriftsteller auch, um ein wenig mehr über Deutschland zu erfahren. Aufgrund dieses doch sehr unterschiedlichen Feedbacks war jede der Lesungen einzigartig, weshalb sich der Besuch nicht nur für die Schüler, sondern ganz sicher auch für den Dichter sehr gelohnt hat.

Artikel vom Goethe-Institut Dublin

März 2013

Alle Bilder werden auf dieser Webseite mit der freundlichen Erlaubnis von Aileen Mhic Chionna, Coláiste Eoin und ihre SchülerInnen verwendet.

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