Matthias Jügler in Oslo

"Geht raus und lernt die Norweger kennen!"

Matthias Jügler
Matthias Jügler
Als bei mir in Norwegen die Luft raus war, kam Sara, nahm mich beiseite, kramte Werkzeug aus ihrer Tasche, eine Art Notfall-Set, schraubte, überlegte, schraubte weiter und weil das auch nichts half, nickte sie mit ihrem Kopf in Richtung Schule. "Das müssen wir bei uns im Werkstattkeller machen. Komm mit!" Das war im September 2009, als Sara, 50 Jahre alt, Lehrerin mit gutmütigem Lächeln, mein kleines Elend mitten in Oslo sah: Vor einem Fahrradladen stand ich, verzweifelt und am Ende mit meinem Norwegisch-Latein, weil sie dort keine Ersatzteile für mein Diamantfahrrad hatten.

Diamant und Ullevaal. Copyright Matthias JüglerIm Werkstattkeller angekommen, beäugte Sara mein Rad und wollte wissen, was ich denn so denke, wie sie denn nun sind, die Norweger. "Nein, nein", unterbrach sie mich und hielt in der Linken den Schlauch, in der Rechten die Luftpumpe, "so sind wir gar nicht." Sie fand das Loch, dann kramte Flickzeug aus einem roten Kasten. "Aber das denken wohl viele, dass wir immer nur angeln gehen und mit keinem reden wollen, hm?"

Sara traf ich am zweiten Tag meines sechsmonatigen Oslo-Aufenthalts. Ja, dachte ich mir, als ich nach einer Stunde wieder gen Studentenwohnheim radelte – mir einbildend: besser als an diesem Tag hätte mein Rad nie funktioniert – ja, es hätte wirklich schlimmer kommen können.

Ja klar können Sie hier anfangen

Und am Ende stimmt es doch, was man sich so erzählt, in Auswander-Reality-Shows oder in den Norwegisch-Kursen an deutschen Volkshochschulen. Die haben was da oben, das wir nicht haben: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Eine Einschränkung, eine ziemlich wichtige sogar, gibt es aber doch. Reich wird man nicht in Norwegen, auch wenn die 20 Euro, die man mir pro Stunde in der Sonntagsschicht gab, unermesslich verlockend für Studentenohren klingen müssen. Aber der Reihe nach.

Ich versuchte es bei fünf verschiedenen Firmen, drei sagten zu. Für zwei davon habe ich mich entschieden. Ich wurde Wachmann im Historischen Museum und Kellner im größten Stadion der Stadt, dem Ullevål. Auf meine Frage, ob denn nicht eventuell … also vielleicht … mit ein bisschen Glück … eine Stelle als Wachmann frei wäre, antwortete Henrik, mein neuer Chef, mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte ich ihn nach der Uhrzeit gefragt: "Ja klar können Sie hier anfangen." Geht es um Arbeit, läuft es also, wenn man Norwegisch spricht, gut in Oslo.

Noch während meiner dreitägigen Schulung bei SECURITAS überlegte ich, was ich mit dem ganzen Geld nur anfangen sollte. Immerhin verdiente ich pro Stunde das Vierfache eines deutschen Gehalts für Studenten. Nicht mehr weit, bis zur ersten Million … Ein neues Rad? Vielleicht. Eine dicke Jacke? Gute Idee, etc. Daraus wurde nichts. Alles, was ich verdiente, war im Nu für Dinge wie Brot, Getränke und den Kaffee zwischendurch ausgegeben. Dank Sara brauchte ich ja auch kein neues Rad, dank zwei-Pullover-übereinander-anziehen-Technik konnte ich auch auf die dicke Jacke verzichten, denn: Leben in Norwegen ist teuer!

Die Angst über Bord

Mein Campus. Copyright Matthias JüglerNatürlich ist das einfach. Du verstehst alles und alle verstehen dich. Aber schade ist es doch: Auf dem Campus, in den Studentenkneipen, auf den Fluren im Wohnheim – es wird Deutsch gesprochen. Deutsche machen sich Deutsche als Freunde und bleiben gerne unter sich. Ja, das hat seine Vorteile, weil dann nach dem Auslandsstudium die Hamburgerin endlich mal nach Köln fahren kann und dort jemanden hat, bei dem sie übernachten kann und umgekehrt.

Wie ein Land wirklich ist, wie und was die Leute denken oder nicht, das kann man nur schwerlich in Büchern lesen, oder sich von anderen erzählen lassen. Ich habe eine gute Weile gebraucht, bis ich über meinen deutschen Schatten springen konnte. Mein Norwegisch ist nicht perfekt und manches sage ich auf eine Art, die Norweger schmunzeln lässt. Trotzdem habe ich meine Angst, ich könnte ein Wort nicht wissen oder etwas falsch ausdrücken und Missverständnisse magisch anziehen, nach ein paar Wochen über Bord geworfen. Ergebnis waren viele Freundschaften, enge, gute Freundschaften mit Norwegern und das Gefühl, dass man nicht den Weg des geringsten Widerstands gegangen ist – auch wenn das die bequemste Art und Weise ist. Die Belohnung kam vor ein paar Tagen mit der Post. Sara schrieb und hat mich nach Oslo eingeladen. Also geht raus und lernt sie kennen, die Norweger!

Matthias Jügler, 26 Jahre alt, studierte Germanistische Literatur-, und Sprachwissenschaft, Skandinavistik und Kunstgeschichte in Halle und Greifswald. Momentan absolviert er ein Masterstudium mit Schwerpunkt Prosa am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2009 lebte und studierte er ein halbes Jahr in Oslo und hielt Deutsch-Seminare an der dortigen Uni. Er unterrichtet Norwegisch an Volkshochschulen rund um Leipzig und ist bei gutem wie schlechten Wetter oft an Saale und der Weißen Eltser beim Angeln zu beobachten.

November 2010

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