Christin Klöppner in Glasgow

Glasgow’s Uneasy Riders

Copyright: Christin Klöppner
Copyright: Christin Klöppner
Eine aufregende Zeit von sechs Monaten habe ich im rauen Glasgow erlebt. Wirklich schön war’s! Entgegen aller schlechten Prophezeiungen hat es kontinuierlich wenig geregnet. Ganz im Gegenteil, es gab auch Sonne und Meer bei Ausflügen ins verträumte Städtchen Ayr. Wieder zurück in der großen Stadt, lockten Museen, Pubs und charity shops satt. Trendy ist die Metropole auf jeden Fall, ob vintage, schrill oder chic – alles und jeder macht überall mit.

Eines habe ich wirklich vermisst, mein innig geliebtes Fahrrad! Ohne konnte es ganz schön lange dauern, von Dennistown ins West End zu gelangen. Busse, Autos und Taxen gab es en masse, aber von Fahrrädern war keine Spur. Okay, okay, vielleicht eine Hand voll Pedalsportler habe ich erblickt, aber wie konnte das nur sein? Gleich zu Beginn hatte mich meine Vermieterin gewarnt, dass Fahrrad fahren in Glasgow lebensgefährlich sei, die Anschaffung eines Zweirads ohnehin unbezahlbar.

Nun gut, ich gab mich für die begrenzte Zeit damit zufrieden, auf Bus und Fuß umzusteigen. Ich konnte es zwar nicht nachvollziehen, wunderte mich aber nicht länger, warum sich das Fahrrad meiner Mitbewohnerin die ganze Zeit in der Wohnung ausruhen durfte. Deshalb nun ein Plädoyer für das Fahrrad – es lebe hoch!

Deutschland: Ohne Fahrrad geht gar nicht!

Copyright: Christin KlöppnerIn die Pedale treten, treten – schnell und schneller ... mit Schwung in den Gliedern lebe ich viel leichter!

Allerorts in Deutschland radeln meinem aufmerksamen Auge unzählige Drahteselreiter durchs Bild. Deren Vielfalt ist unbegrenzt: mutige Sandkastenhelden, rasende ABC-Schützen, Eindruck schindende Schulbankdrücker, weltumarmende Studiosi, geschäftige Berufstätige, vor sich hin summende Ruheständler und, und, und.

Rauf aufs Rad und los geht’s!

Mehr denn je überzeugt das gemeine Nutztier ‚Drahtesel’ deutsche Volksscharen durch seine uneingeschränkte Multifunktionalität. Jeder Deutsche — wirklich jeder — besitzt mindestens ein solches Wundertier und genießt tagaus, tagein die Vorzüge dieser einzigartigen Spezies. Sowohl in der Stadt als auch auf dem Land lassen sich Fahrradfahrer beim selbst gewählten Fahrtempo vom frischen Wind antreiben. Der ganze Körper bewegt sich mit einer unglaublichen Leichtigkeit unaufhaltsam vorwärts. Welch’ Lebensgefühl – Juhui!

Neben sich automatisch einstellender Zufriedenheit aufgrund sportlicher Ertüchtigung setzt gleichzeitig die Genugtuung ein, sich doch den auferlegten Zwängen der Zeit widersetzen zu können. Fahrrad fahren macht’s möglich – unvorhersehbare Wartezeiten im Stau oder in Erwartung öffentlicher Verkehrsmittel sind passé. Frei und unabhängig durch die Welt radelnd lebe ich viel entschleunigter!

Alles ganz einfach

Ebenso entpuppt sich das Zweirad als nützliches Transporttier von geliebten Sub- und Objekten. Ob Kindersitz, Fahrradkorb, Transporttaschen oder Anhänger: einem Fahrradfahrer wird kein Wunsch abgeschlagen, was Ausflüge und Einkäufe betrifft. Die lieben Kleinen luken quietschvergnügt aus ihren windgeschützten Rollanhängern in die bunte Welt hinaus oder schielen neugierig an Mutter oder Vaters Rücken vorbei. Auch der geliebte Vierbeiner gibt im Fahrtwind eine einmalige Galionsfigur ab.

Davon abgesehen verirrt sich schon so manches Mal ein farbenfroh getarnter Rennradfahrer in die zähflüssig verkehrte Innenstadtwelt. Passanten staunen und wundern sich, mit welcher dynamischen Grazilität sich ein Mensch fortbewegen kann. Deren Motto „Raus aus der Stadt und ab ins Grüne“ überzeugt früher oder später wohl jeden noch so Unsportlichen. Der Drahtesel von heute hat seinem Reiter ja auch einige Annehmlichkeiten zu bieten: bequemer Sattel, Schaltung mit unzähligen Gängen, wuchtige Bremsen sowie frischen Wind im Haar. Für jeden Zweiradtyp gibt es ein passendes Modell!

Schottland: Mit Fahrrad geht gar nicht!

In die Pedale treten, treten – langsam und langsamer... nur Einzelkämpfer schaffen den Aufsprung in schottischen Landen. In Glasgow lebt es sich meiner Meinung nach leider viel schwerer auf zwei Rädern. Hartgesottene Individualisten strotzen dem Nichtvorhandensein ausgewiesener Fahrradwege. Auto- und Busfahrer schelten die wenigen mutigen Sportsfreunde mit Hupe, Gaspedal und Sprechapparat. In diesem Sinne ist das Fahrradfahren hierzulande wohl eher des Todessüchtigen Lust! Aufgeschreckt, gehetzt und beschimpft weichen sie immer wieder der vierrädrigen Umklammerung. Dennoch sieht man einige unbeirrte Einzelkämpfer in greller Warnkleidung wie sie sich durch die von Qualm und Lärm verstopften Straßen schlängeln.

Wo seid ihr?

Das Auffinden eines Fahrradfachgeschäfts entpuppt sich als ein schwer zu lösendes Unterfangen. Ist es gelöst, steht man ungläubig vor der Wahl pay much or leave it. Mit einer hübschen Erbschaft im Rücken wäre auch Wind im Gesicht drin. Einen Gebrauchtmarkt für Fahrräder? Fehlanzeige. Soweit das Auge reicht, entweder keine Zweiräder oder kostenintensive Todesblitzer. Es ist wirklich schade, dass die Glasgower Trendsetter es noch nicht geschafft haben, all die Vorzüge des Drahtesels an den Schotten zu bringen. Und das, obwohl das Fahrrad nicht nur den Alltag erleichtert, sondern die eigene Kreativität durch das Zubehör herausgefordert wird. Ob Helm, Klingel, Sattelbezug oder Hosenklammer, in Deutschland wird jeder neue Trend bereitwillig angeschraubt und als individuelles Erkennungszeichen verwandt.

Alles nur Ausreden?

Schottische Einwände wie „Ach, der Wind und das Wetter in Glasgow!“ oder „Dalhousie Street ist zu steil für meine Puste!“ stießen hierzulande auf taube Ohren. Beim Thema Fahrräder in der Stadt herrscht Unverständnis auf beiden Seiten des Kanals. Selbst in Regenkluft kurbeln die einen, stur wie ihr Lasttier, dem Ziel entgegen, genießen dabei Vorfahrt und Sonderwege. Die anderen träumen von etwas Platz und sauberer Luft — während sich ihre Landsmänner an der Haltestelle die Beine in den Bauch stehen. Letztere ärgern sich, wenn ausgerechnet ihr Bus zum Streckenfahrzeug hinter einem der wenigen Ausnahmeradler in Glasgow wird. Unverbesserlich nennt man das wohl beides. Und das ist es auch. Besser ist es weder hier noch da. Aber eben typisch.

Copyright: Christin Klöppner

Christin Klöppner studiert Lehramt für Gymnasium in den Fächern Englisch und Spanisch an der Universität Leipzig. 1982 im thüringischen Heilbad Heiligenstadt geboren, arbeitete sie nach dem Abitur ein Jahr lang in der Nähe von Genf, französische Schweiz, als Au Pair. Während des Studiums studierte sie ein halbes Jahr an der Universidad de Salamanca und absolvierte kürzlich ein sechsmonatiges Praktikum am Goethe-Institut Glasgow.

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