Peter Pfeifer in Kopenhagen

Im Ringelrein um den Weihnachtsbaum

Peter Pfeifer
Peter Pfeifer
Zum ersten Mal mit Dänemark in Kontakt kam ich als kleiner Junge übers Fernsehen. Die Abenteuer der Olsen-Bande liefen und ich war begeistert von der sympathisch-gemütlichen Art der Menschen, den lustigen Ganoven-Geschichten und den fantastischen Gebäuden in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Erfreut stellte ich bei einem viel späteren Besuch fest, dass viele der Filmorte noch den gleichen romantischen Charme versprühen und sich kaum verändert haben. Auch schienen die (weitaus meisten) Menschen genauso offen, freundlich und humorvoll wie in den Olsen-Bande Filmen. Sofort hatte ich mich in das „echte“ Kopenhagen verliebt und es verging nicht viel Zeit bis ich mich entschloss, selbst in die dänische Hauptstadt zu ziehen. Inzwischen lebe ich ich seit 2 ½ Jahren in Kopenhagen und habe diesen Schritt nie bereut.

Obwohl Dänemark der direkte nördliche Nachbar Deutschlands ist, sind Unterschiede in der Kultur und der Mentalität der Menschen allgegenwärtig. Ein wichtiger Grundpfeiler der dänischen Lebens-Kultur ist zum Beispiel das „Hyggen“ - ein nicht ins Deutsche übersetzbarer Begriff. Der Däne „hyggt“ sich wahlweise alleine, zu zweit oder auch in Gruppen. Oberstes Gebot beim „Hyggen“ ist es, das jeder sich wohlfühlt und man mit Freude bei der Sache ist. „Hyggen“ kann man allein mit einem Buch im Park, bei einem Museumsbesuch mit Freunden, oder aber auch bei einem gemeinsamen gemütlichen Abendessen. Das Wohlfühlen steht im Vordergrund und trifft man sich nach einiger Zeit wieder, bedankt sich der Däne für das letzte Treffen („tak for sidst!“) und bestärkt sich darin, wie „hyggeligt“ doch das Zusammensein gewesen sei.

ColourboxSchon zweimal hatte ich das Vergnügen, Weihnachten bei der Familie meiner Freundin auf Bornholm feiern zu dürfen. Ich wurde vorgewarnt, dass es ein alter dänischer Brauch sei, am Weihnachtsabend singend im Ringelrein um den Christbaum zu tanzen. Was ich für einen Scherz hielt, bewahrheitete sich zu meinem Entsetzen und ehe ich es mich versah, tanzte ich mit einem breiten Schmunzeln auf den Lippen mit der ganzen Familie (inklusive Oma) um den Baum und sang, mehr schlecht als Recht, dänische Weihnachtslieder. Etwas erstaunt war ich auch über die Weihnachtskobolde (dänisch „Nisse“), die mir mit ihren fröhlichen Gesichtern aus allen Ecken der Wohnung in Form kleiner Püppchen und Figuren entgegen grinsten. Noch heute frage ich mich, ob die Eltern meiner Freundin alle Nisse wiedergefunden haben, so viele waren es. Die in Deutschland übliche Weihnachtskrippe gibt es auch in Dänemark, sie spielt neben den Kobolden aber eher eine Nebenrolle.

Insgesamt empfinde ich die Dänen als optimistischer und entspannter als uns Deutsche. Spricht man über Probleme wird sofort auf Lösungsmöglichkeiten fokussiert und nicht, wie in Deutschland zumeist üblich, das Problem hin und her gewälzt. Die Konversation wird dann meistens mit „det skal nok gå!” (”das wird schon in Ordnung kommen”) beendet. Dieser Blick nach vorne kann bei der Problemlösung enorm behilflich sein, insbesondere wenn man die eher nachdenkliche deutsche Seele in der Brust hat.

Als Deutscher in Dänemark wird man immer noch auf „92“ angesprochen. Ja, auch ich hatte meine Probleme am Anfang, irgendetwas mit dieser Jahreszahl anzufangen. Hatte ich etwas verdrängt oder etwa vergessen? Zur Erinnerung: 1992 schlug der absolute Außenseiter Dänemark den Weltmeister Deutschland mit 2:0 im Finale um die Europameisterschaft und die Dänen zehren immer noch davon... Es sei ihnen gegönnt.

ColourboxAuffällig für den deutschen Expat ist auch der Umgang der Dänen mit ihrer Nationalflagge, dem Dannebrog. Dass jemand Geburtstag hat erkennt man unter anderem an den zahlreichen dänischen Flaggen in Miniatur auf dem Küchentisch, die neben dem klassischen Lagkage (Biskuit-Frucht-Schichtkuchen) stehen. Hat ein Mitglied der dänischen Königsfamilie Geburtstag, fahren die Kopenhagener Busse mit kleinen Autofahnen versehen ihre Gäste ans Ziel. Vor allem in ländlicheren Gebieten hissen die Dänen zu Feiertagen ihre Flagge. Diese muss aber nach altem Brauch bis Sonnenuntergang eingeholt werden und darf dabei nie den Boden berühren. Der Dannebrog scheint vielen Dänen fast schon heilig zu sein. Ein für den Deutschen doch eher ungewohnter Umgang mit der Nationalflagge.

Es ist nicht alles Gold was glänzt, auch nicht in Dänemark. Das merkt man z.B. daran, dass man auf ärztliche Untersuchungen zum Teil mehrere Monate warten muss oder dass man gerade beim Wetter doch manchmal Abstriche muss. Richtig heiß wird es im Sommer selten und der Winter dauert gefühlte zwei Monate länger als in Deutschland. Aber wenn man in Dänemark lebt, kann man eine Ahnung davon bekommen, warum die Dänen als das glücklichste Volk der Welt gelten. Das steckt an.

Peter Pfeifer
Februar 2012

Peter Pfeifer lebt und arbeitet seit 2008 in Kopenhagen. In Trier, Bremen und Berlin hat er Psychologie, Politik und Medienwissenschaften studiert. 2011 zog es ihn für ein Jahr in die deutsche Hauptstadt zurück - dort war er als Produktionsleiter unter anderem für die ARD-Dokumentation "Deutschland, deine Künstler: Günter Grass" zuständig.

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