Zoë Strachan in Edinburgh

Schriftstellerin Zoë Strachan findet die deutsche Kaffeekultur in Schottland

Falko Burkert. Copyright Goethe-Institut Glasgow
Falko Burkert. Copyright Goethe-Institut Glasgow
Es scheint vielleicht komisch, aber irgendwie traue ich Menschen, die keinen Kaffee trinken, nicht so ganz. Denen – die meinen, dass Kaffee zu nervös macht, die ihn zu bitter oder zu stark finden. Das europäische Kaffeehaus ist eine Kreation des 17. Jahrhunderts und hier, im Westen, hat der Kaffee seitdem unser intellektuelles Leben beflügelt. Da ist es schon wenig verwunderlich, dass im Deutschunterricht normalerweise bereits schon ganz am Anfang ein Rollenspiel zum traditionellen Kaffee und Kuchen am Nachmittag auf dem Plan steht.

Ja, es ist eine Klischeevorstellung von den Deutschen, aber nach meinem längeren Aufenthalt in Deutschland und Besuchen in Österreich und der Schweiz bin ich mir sicher, dass da durchaus etwas Wahres dran ist. Die Deutschen lieben wirklich ihren Kaffee und Kuchen. Ich habe mich oft gefragt, warum wir uns heutzutage in Großbritannien lieber bei multinationalen Ketten nach überteuerten Pappbechern voller lauwarmem Schaumgeschlabber anstellen. Gott sei Dank gibt es hier in Schottland einen Lichtblick am Horizont. Unser Retter in der Not heißt Falko Burkert, ist Konditormeister und Eigentümer der gleichnamigen Edinburgher Feinbäckerei, die von Gastrokritikern und deutschen Besuchern gleichermaßen mit Lob bedacht wird.

Willkommen bei Falko

Inside Falko's cafe. Copyright Goethe-Institut GlasgowBereits beim Betreten des Cafés überkommt mich sofort ein Gefühl der Sehnsucht nach meinen alten Lieblingsorten in Deutschland. Das Café ist mit dunklem Holz getäfelt, der Anstrich wirkt frisch, die Randleisten glatt und ebenmäßig; es gibt stilechte Kaffeehausstühle mit Korblehnen und Gobelinkissen. Ein an einem alten Fahrrad angebrachtes Schild heißt Gäste ,Herzlich willkommen’ und hoch oben auf einem Regal thront auch die berühmt-berüchtigte Pickelhaube (ein preußischer Militärhelm, den Falko auf dem Foto für die Visitenkarte seines Cafés aufgesetzt hat). Man hat den Eindruck, als ob es das Café hier bereits seit mindestens hundert Jahren gäbe. Dem ist aber durchaus nicht so – zuvor befand sich hier ein Antiquitätenladen und davor ein Standesamt.

Es liegt ein verlockender Kaffeeduft in der Luft, große runde Brote sind in Körben übereinander gestapelt und unter einer Glastheke offenbart sich dem Blick des Besuchers eine reiche Auswahl an Kuchen und Torten (obwohl sich ihre Anzahl bereits schon um einiges verringert hat, nachdem hier vor einigen Stunden eine deutschsprachige Kaffeeklatsch-Gesellschaft einem Heuschreckenschwarm gleich hier eingefallen ist).

Kaffeehauskultur

„Das ist ein typisches Kaffeehaus“, erklärt Falko. „Wir versuchen, unseren Gästen das Gefühl zu vermitteln, dass sie sich irgendwo in einer deutschen Stadt, in Stuttgart oder München, befinden. Ein Kaffeehaus ist ein Ort, wo keine Musik gespielt wird, wo sich die Menschen miteinander unterhalten können. Ich will kein Café, wo eilig einen Kaffee zum Mitnehmen holt, sondern mir geht es um die Menschen, die hier wohnen und die dieses Café, zu ihrem ‚Wohnzimmer' machen möchten. Das heißt, zu einem Ort, an dem man sich mit Freunden treffen, einen Kaffee trinken, Kuchen essen und ein bisschen plaudern kann.”

Falko's cafe. Copyright Goethe-Institut GlasgowUnd genau so etwas gab es hier noch nicht, als es Falko vor ungefähr 14 Jahren „mehr oder weniger zufällig“ nach Großbritannien verschlug. Damals lag Deutschlands Wirtschaft am Boden, besonders im Osten, und er hatte seine Stelle in Dresden verloren. In dieser Situation entschloss er sich kurzerhand, einen Freund zu besuchen, der in einer Konditorei in Birmingham arbeitete. Architektur und Geschichte zogen ihn nach Edinburgh – „Ich mag dieses Alte und es gibt soviel davon hier” – und ihm wurde bewusst, dass die großen Kaffeehausketten Wegbereiter für etwas Anderes, Spezielleres sein konnten.

„Als ich hier ankam, da dachte ich, dass dies das Land der silbernen Teekannen, der Silbertabletts, des losen Tees sei – einer Kaffee- und Teekultur, wie man sie aus dem Fernsehen kennt“, bemerkt er reumütig. „Leider müssen diese Sendungen schon vierzig Jahre alt gewesen sein. Ich war sehr enttäuscht, als mir ein Teebeutel in einem Becher serviert wurde. Da habe ich gedacht, ok, das hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt.“

Bei einem zufälligen Gespräch mit einem gleichgesinnten Kuchen- und Tortenfreund, Robert Linton, entstand dann eines Abends in der Kneipe die Idee, eine richtig deutsche Konditorei zu gründen. Mittlerweile sind die beiden Geschäftspartner und haben zwei Geschäfte in Bruntsfield und im Seestädtchen Gullane, sowie einen sehr beliebten Stand auf dem Edinburgher Bauernmarkt.

Ein stetiger Strom an Besuchern - hübschen jungen Müttern, Damen aus dem Stadtteil Morningside, die zum Lunch einkehren, und Studenten mit Dreitagebart, die hier auf ein Stück Kuchen zum Mitnehmen vorbeischauen - suggeriert, dass die elegante Konditorei von Nebenan ganz hervorragend bei den Edinburghern ankommt. Ich frage mich jedoch, wie einfach es dabei für Falko war, sich an die für ihn neue Lebensart zu gewöhnen.

„Das, was mir wahrscheinlich am meisten fehlt, ist die deutsche Vereinskultur. Damit meine ich nicht so etwas wie einen Tanzclub, sondern einen Orchesterverein, einen Fußball(fan)-Club, was weiß ich, was auch immer man will. Das ist anders hier. Wenn man neu ist, dann muss man sich wirklich sehr anstrengen, um solche Sachen, solche Gleichgesinnten, zu finden. Ich habe früher in einem Musikverein gespielt, als ich jedoch nach Edinburgh kam, da bin ich zu guter Letzt dann der Royal British Legion beigetreten, weil die ein Orchester hatte. Da habe ich dann als Deutscher mit britischen Soldaten, oder besser ehemaligen Soldaten, gespielt.“ Er macht eine kurze Pause und fügt dann lächelnd hinzu: „Das war schon, auf gewisse Weise, eine ziemliche Herausforderung.“

Wenn man bedenkt, mit welcher ,Vorfreude' die Schlagzeilenschreiber der Boulevardpresse vor kurzem das bevorstehende Deutschland-England-Spiel der Fußball-WM ankündigten, vermute ich, dass Falko das sehr höflich formuliert hat. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, merkt er an. „Hier kann man mit jedem ins Gespräch kommen, die Menschen sind sehr freundlich, sehr offen – das ist nicht das Problem – aber hier zu speziellen Interessen Anschluss zu finden, das fand ich schwieriger.“

Seine Arbeit als Konditormeister bedeutet, dass ihm heutzutage nicht mehr so viel Zeit bleibt, um sich seinem musikalischen Hobby zu widmen, denn ein langer Arbeitstag und auch Wochenendarbeit sind für ihn zur Selbstverständlichkeit geworden. Die hohen Anforderungen und der relativ geringe Verdienst, die der Beruf des Konditors mit sich bringen, bedeuten, dass dies ein Beruf ist, den man mehr aus Liebe zur Sache selbst und nicht des Geldes wegen ausübt. „Man muss schon ein Patriot sein“, sagt er und seine Wortwahl unterstreicht, wie sehr es ihm dabei auf die deutsche Bäckereitradition ankommt.

Obwohl Falko eingesteht, dass sich die schottische Küche schon sehr verbessert hat, vermisst den deutschen Gasthof, wo man preisgünstige Mahlzeiten in angenehmer Umgebung serviert bekommt. Man versucht, hier etwas zu finden, das man mag - manchmal mit Erfolg, manchmal ohne. Und in Deutschland ist das genauso, da findet man keine britischen ‚Chips’, sondern Pommes frites.“

Es geht auch ohne Zusatzstoffe

wedding cake. Copyright Robert LintonWenn man sagt, dass Falko einen Blick fürs Detail hat, dann ist das mehr als nur ein Understatement. Alles, was er in seinen Geschäften verkauft, ist sorgfältig von Hand hergestellt – genau so, wie er es während seiner Ausbildungs- und Lehrzeit gelernt hat. Die Zulieferer der Zutaten werden mit peinlichster Sorgfalt ausgewählt und künstliche Zusatzstoffe kommen ihm schon gar nicht ins Haus. Es gibt zahlreiche Herausforderungen – wie den Glutengehalt des Mehls, den Kakaogehalt der Schokolade und den Fettgehalt der Sahne („Sahne ist mein größter Albtraum!” ruft er aus) - all das ist nämlich in Deutschland vom Gesetzgeber vorgeschrieben, was bedeutet, dass er viele seiner Rohstoffe aus seinem Heimatland importieren muss. Vorsichtig merke ich den Gedanken an, dass die Deutschen vielleicht ‚pingeliger’ seien als die Briten. Schließlich würden doch Kuchen in vielen allgemein bekannten britischen Bäckereien mit einer Mischung aus Zucker und Schweinefett glasiert. Falko verzieht das Gesicht.

„Ich würde die Deutschen oder andere Europäer nicht unbedingt als ‚pingeliger’ bezeichnen – es ist vielmehr eine Frage dessen, woran sich der Gaumen bereits im Kindesalter gewöhnt hat.

Die goldenen Regeln des Konditorhandwerks

Ein weit verbreitetes Cliché über die Deutschen besagt, dass sie Vorschriften über alles lieben. Und zum Teil stimmt das auch – ich denke dabei an all die Rüffel, die ich mir eingehandelt habe, als ich in Deutschland bei rot über die Straße ging; andererseits mokieren sich jedoch die meisten meiner deutschen Freunde über die britische Manie mit dem ‚Arbeitsschutz’. Obwohl Falko ein pedantischer Verfechter der Grundregeln des Konditorhandwerks ist, das ihm zufolge mehr mit der Arzneimittelherstellung gemein hat, sieht er die bürokratischen Hürden, mit denen sich kleine Unternehmen konfrontiert sehen, als sehr frustrierend und oft willkürlich an und vergleicht sich mit Don Quixote beim ‚Kampf gegen die Windmühlen’. Ein Paradebeispiel dafür ist die britische Schankgesetzgebung. In einem deutschen Kaffeehaus darf auch Alkohol ausgeschenkt werden.

„Zum Kuchen trinkt man gern ein Schlückchen Wein“, sagt Falko. „Ich komme aus Schwaben, und da gibt es wundervolle Weine. Sekt ist zum Beispiel nicht teuer, würde er jedoch bei uns auf der Karte stehen, so dürften wir dann keine Kinder ins Café lassen. Ich weiß nicht, warum das so ist, dass die Vorschriften hier so streng sind.

Meine neue Heimat

Copyright Robert LintonDank mehrerer Fernsehauftritte in Deutschland machen Urlauber oft einen Abstecher in die schottische Konditorei, und als ich mir das Gästebuch ansehe, finden sich darin lauter begeisterte Kommentare aus Berlin, Wuppertal und Dresden. Die Edinburgher, die auf den Geschmack der Schwarzwälder Kirschtorte gekommen sind – die Gott sei Dank nichts mehr mit dem ‚furchtbaren Geschmack der widerlichen Kreation, die unter dem Namen Black Forest Gateau in der 1960er und 70er Jahren hergestellt wurde’ gemein hat – werden sicher mit Freude vernehmen, dass Falko jetzt definitiv in Schottland sesshaft geworden ist.

„Das Deutschland, das ich von früher kenne, gibt es nicht mehr. Das gab es vor vielen Jahren. Die Mark gibt es nicht mehr, die politische Verhältnisse sind anders, die Menschen, die ich kannte, haben jetzt ihr eigenes Leben. Warum sollte ich also zurückgehen? Ich lebe hier, habe hier meinen Freundeskreis und meine Existenz. Es gibt noch so viel zu tun. Das ist ja alles noch nicht fertig.“

Und wenn ein Perfektionist wie Falko Burkert das Heft in der Hand hält, so kann man meiner Meinung nach mit Sicherheit davon ausgehen, dass das Café von Erfolg zu Erfolg streben wird. Jetzt bin ich aber erst einmal froh darüber, dass wir ein so fantastisches europäisches Kaffeehaus mitten in Schottland haben!

Zoë Strachan ist eine preisgekrönte Schrifstellerin, die heute in Glasgow wohnt und arbeitet. Nach längeren Aufenthalten in Bamberg und Berlin ermöglichte ihr der Erhalt des Hermann-Kesten-Stipendiums für Autoren und Journalisten einen Studienaufenthalt in Nürnberg. Ihr deutscher Lieblingskuchen ist Käsekuchen

Übersetzt von Katrin Frahm

August 2010

Copyright: Goethe-Institut Glasgow

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