Simone Landwehr Traxler in Glasgow

You can take the girl out of Germany but you can't take ...

Simone Landwehr Traxler
Simone Landwehr Traxler
Als ich vor zwölf Jahren zum ersten Mal nach Schottland kam, war ich so beeindruckt von der Kunst, die ich sah, den Menschen, denen ich begegnete und den Landschaften, die ich durchwanderte, dass ich mich kurzentschlossen für den Masters of Fine Art an der Glasgow School of Art bewarb. Ich hatte Erfolg und der Rest ist Geschichte, nicht ganz…aber meine Entscheidung in Schottland Fuß zu fassen, hat mein professionelles und privates Leben stark beeinflusst.

In erster Linie hat mir mein Studium und meine darauffolgende Arbeit als bildende Künstlerin in Schottland die kreative Freiheit und den geeigneten Blickwinkel gegeben, um zentrale Themen in meiner Arbeit zu untersuchen wie ich es mir in Deutschland nicht hätte vorstellen können.

Und während man gut und gerne behaupten kann, dass man zu diesen Erkenntnissen und Freiräumen in ebenso vielen anderen, klimatisch trockeneren und wärmeren (!) Ländern gelangen könne, so gibt es für mich etwas einzigartiges und gleichermaßen verführerisches in Schottland, das mehr ist als die Summe seiner Teile, etwas wie eine Wirklichkeit und ein Traum zwischen Rob Roy und Trainspotting das meine Arbeit fortwährend beeinflusst und anregt.

So hat der Gegensatz zwischen einem vertrauten, jedoch immanent fremden Kulturkreis meine Sicht auf meine eigene Identität und viele Anschauungen und kulturelle Gewissheiten meiner Herkunft erweitert. Während der letzten Jahre bin ich bezüglich innerer Einstellungen und Haltungen, die sich unterdessen in Deutschland entwickelt haben, buchstäblich aus dem Takt geraten und meine Erinnerungen - wie die vieler anderer Auswanderer auch, beginnen sich zu verhärten und verzerren sich zu unbeugsamen Gewissheiten über wer und was ich bin. Zugehörigkeit definiert sich für mich nicht allein durch eine zuzuordnende Örtlichkeit, sondern vielmehr als eine Sinnesempfindung in den Leerstellen und Lücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Deshalb steht die Frage inwieweit Erinnerung, Verlust, Geschichte und Vergänglichkeit vereinigt eine einmalige und einzigartige Identität prägen und bilden, im Mittelpunkt meiner künstlerischen Arbeit.

Indem ich die reichen Landschaften und entfernten Horizonte einer Kindheit mit der visuellen und symbolischen Grammatik, den Motiven und Themen meiner heimischen Kultur verwebe, mache ich Andeutungen auf weiter reichende soziale und politische Zusammenhänge, worin meine eigene persönliche Geschichte eingebettet ist.

Storch © S Landwehr TraxlerWährend meiner Holzbildhauerlehre stellte unser Zeichenlehrer uns die Aufgabe eines der Dürer Porträts zu kopieren. Die Fachdisziplin und das Ziel der Aufgabe waren offensichtlich; Strich für Strich, Häkchen um Häkchen, manche dichter und kräftiger als andere, versuchten wir, unseren Zeichnungen Tiefe und Textur zu geben - wir brauchten Wochen, um zu einem befriedigenden Ergebnis zu gelangen. Meine eigene Serie beruht auf Dürers Zeichnungen und Radierungen; wie die Originale sind sie in Metall konzipiert, aber ungleich den Originalen sind diese Skulpturen, Inversionen des Drucks, die die Tiefe und Textur des Originals in der Riffelung des Materials und des daraus resultierenden Spiel des Lichtes auf dem Metall widerspiegeln.

Hubertus © S Landwehr TraxlerIch erinnere mich deutlich an die schwere Ledermappe auf dem Schreibtisch meines Vaters. In den Deckel war ein röhrender Hirsch mit Eichenlaub um sein Geweih gestanzt. Als Kind liebte ich diese Mappe und war zugleich von ihr in Bann gehalten, denn sie war ganz offensichtlich aus ihrer natürlichen Umgebung entfernt worden und zog so die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Die Mappe gehörte meinem Großvater, der sie in der Jagdhütte im Wald seines böhmischen Gutes aufbewahrt hatte. Auf dem Schreibtisch in einem Vorort von München verlor sie jedoch an Kraft und Symbolik, ein Gegenstand, der von den Geheimnissen des Waldes sprach, von der uns innewohnenden Geistigkeit wurde in diesem Zusammenhang zu Kitsch und Sinnlosigkeit reduziert.

Yellow © S Landwehr TraxlerIn Yellow untersuche ich die Tradition meiner Familiemitglieder, die in Österreich und Deutschland im Militär dienten. Ein Verband der über Generationen hinweg Ländereien und Titel einbrachte; jedoch sind heute die einzig verbliebenen Nachweise die Ferrotypien und verblichenen Porträts strenger Gesichter in prächtigen Uniformen. Trotzdem sollte sich die Unerbittlichkeit dieser Herren und ihresgleichen als unseren kollektiven Untergang erweisen und die Länder, welchen sie dienten, waren nicht fähig das Unausweichliche zu verhindern.

 

Lady in a Plant © S Landwehr TraxlerWelches ist Ihr Lieblingsmärchen? Und ich meine hier nicht die keimfreien Darstellungen von Walt Disney und Co, aber die mörderischen, blutigen, Rache suchenden Geschichten von Gut und Böse, wo die Moral immer siegt und die böse Stiefmutter in den rot glühenden Eisenschuhen schwelt.

Simone Landwehr Traxler
Oktober 2011

Simone Landwehr Traxler lebt momentan in Glasgow. Sie wurde 1969 in München geboren, absolvierte in Garmisch-Partenkirchen eine Berufsausbildung zum Holzschnitzer und studierte anschließend an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Nach Erlangen Ihres Diploms zog sie nach Glasgow and schloß 2011 ihr „Master's degree in Fine Arts“ an der Glasgow School of Art ab. Seitdem nimmt sie an nationalen und internationalen Ausstellungen teil.

Links zum Thema

Weblog: Rorys Berlin-Blog

Rory MacLean Weblog
Wie lebt man sich in Berlin ein? Reiseschriftsteller Rory MacLean beschreibt sein neues Zuhause mit Scharfsinn und Humor.

Weblog: „Meet in Finland“

Unter „Meet in Finland“ können Sie lesen, was Autoren und Künstler, die auf Einladung des Goethe-Instituts eine längere Zeit in Finnland verbringen, dort erleben.