Lesen - Die Deutschen und der Atomausstieg und die Energiewende

Atomausstieg – Modernisierungsmotor für die Wirtschaft

© illuminator - Fotolia.de© illuminator - Fotolia.deNach der japanischen Atomkatastrophe hat Deutschland 2011 den endgültigen Atomausstieg beschlossen. In Deutschland kann man es nicht verstehen, dass man in anderen Ländern neue Kernkraftwerke plant. Der Energieexperte Peter Hennicke im Interview.

1. Herr Professor Hennicke, wie können Sie die Haltung der deutschen Bevölkerung gegenüber der Atomenergie beschreiben?

In Deutschland befürwortet schon lange eine große Bevölkerungsmehrheit einen Ausstieg – besonders nach der Katastrophe, dem Reaktorunfall, von Tschernobyl und den daraus resultierenden Problemen. Grundlage dieser atomkritischen Haltung ist eine kontroverse, aber gut informierte Diskussion von Medien, Öffentlichkeit und Experten über die Risiken der Kernenergie und die vorhandenen Alternativen. Mit der Kernschmelze im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi im hochtechnisierten Japan endete endgültig die Fiktion eines tolerierbaren „Restrisikos“ der Atomkraft. Parteien, die dies in Deutschland ignorieren, sind nicht mehr mehrheitsfähig.

2. Wie beurteilen Sie den deutschen Atomausstieg?

Die Kehrtwende von Bundeskanzlerin Merkel nach Fukushima war eine kluge, weil für die Regierungsfähigkeit notwendige und auf Expertenexpertise gegründete Reaktion. Schon vor Fukushima im Herbst 2010 hatte die deutsche Regierung ein Energieprogramm mit „revolutionären“ langfristigen Zielen beschlossen. Viele Experten dachten, dass eine Reduktion des Energieverbrauchs um 50 Prozent bei moderatem Wirtschaftswachstum möglich sei, und auch eine C02-Senkung um 80 bis 95 Prozent bis 2050 ist sogar ohne Atomenergie möglich und volkswirtschaftlich attraktiv. Insofern ist die Machbarkeit von der Energiewende und Atomausstieg wissenschaftlich gut begründet.

Atomkraft-Schluss! - Demonstration in Hamburg am 28.5.2011; Creative Commons, Foto: Günter Vogel - Greenpeace Hamburg

Demonstration in Hamburg am 28.5.2011; Foto: Günter Vogel - Greenpeace Hamburg (Creative Commons)

Erneuerbare Energiesysteme als Exportschlager

3. Wird der Ausstieg Bestand haben oder könnte er nochmals rückgängig gemacht werden?

Nur wenn die Energiewende die Versorgungssicherheit und die ökonomische Belastbarkeit von Bürgern und Wirtschaft in Frage stellen würde, wäre eine erneute Kehrtwendung theoretisch denkbar. Jedoch scheint es aber trotz einer Vielzahl von noch zu lösenden Fragen wie zum Beispiel Speicher und Netzausbau nicht problematisch zu sein. Studien sprechen dafür, dass das Gegenteil der Fall sein wird: Wichtig ist, dass Energieeffizienzmaßnahmen und erneuerbare Energiesysteme mit Wohlstandspolitik als Alternative zu den Klimarisiken wie Öl und Kohle und zu den Atomrisiken klug kombiniert werden. Dann wird die Energiewende zum zentralen ökologischen Modernisierungsmotor der deutschen Volkswirtschaft und zum Exporthit par excellence.

4. Wie ist die internationale Reaktion auf den deutschen Atomausstieg? Er wird ja vielfach skeptisch gesehen.

Peter-Hennicke; © Wuppertal-InstitutSkepsis herrscht in Ländern, die extrem von fossiler und nuklearer Technik abhängig sind. In diesen Ländern, wie zum Beispiel in Tschechien, braucht man visionären Mut diesen Weg zu verlassen, der keine Zukunft hat. Hier zeigen die Szenarien: bis 2050 ist es weltweit prinzipiell möglich ohne Atom und Öl zu leben. Daher überwiegt in vielen Ländern ein hohes Interesse daran zu sehen, ob, bis wann und mit welchen wirtschaftlichen Ergebnissen im Hochtechnologieland Deutschland die Energiewende gelingt. Wenn sie erfolgreich ist – und dafür spricht vieles – wird dies einen weltweiten Dominoeffekt in Richtung auf risikoarme „grüne“ erneuerbare Energiesysteme auslösen.

5. In anderen Ländern, wie in Tschechien, wird die Atomenergie immer noch erheblich positiver eingeschätzt. Wie würden Sie das erklären?

Cover des Buches Energierevolution; © oekomIn Tschechien gilt die Atomenergie noch als modern, als notwendig für die nationale Wettbewerbsfähigkeit, als zusätzliche Einnahmequelle durch den Export der vermeintlich billigen Energie und als scheinbar einfacher Weg zum Klimaschutz. Die Kehrseite: Zukunftstechnologien, die auf erneuerbaren Energien basieren und die Energieeffizienz steigern, werden vernachlässigt und nicht unterstützt und nicht gefördert. Im EU-Vergleich liegt Tschechien hinsichtlich Energieeffizienz und grünem Stromanteil unter dem EU-Durchschnitt. Sie wollen 2020 nur 14 Prozent haben.

Atomstrom ist der teuerste Strom der Welt

6. In manchen Ländern spricht man von der „deutschen Angst vor dem Atom“...

Die Risiken der Atomenergie zu unterschätzen, wäre in dreifacher Weise fahrlässig. Erstens: Die Eurokrise ist ein kleines Problem im Vergleich zu den menschlichen Katastrophen und volkswirtschaftlichen Schäden eines Supergaus. Zweitens: Bewertet mit den wahren Kosten ist der Atomstrom der teuerste Strom der Welt, keine Versicherung trägt dessen Risiken. Drittens: Die Zukunft der Kraftwerkstechnik (die Technik zur Produktion von elektrischer Energie) ist weltweit „lean“, „green“ und „clean“. Meine These ist: Großinvestitionen in nukleare Kraftwerkstechnik blockieren grünes Wachstum, Modernisierung und Wettbewerbsfähigkeit.

7. In Tschechien wird das Atomkraftwerk Temelin als besonders sicher betrachtet.

Foto: Bündnis90/Die Grünen (Creative Commons)Atombefürworter erklären „ihre“ nationalen Atomkraftwerke immer zu den sichersten der Welt. Vor Tschernobyl galten auch russische und vor Fukushima japanische Reaktoren als sicher. In Deutschland gibt es jetzt einen neuen Konsens: Selbst bei minimaler Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe sollte angesichts des potenziellen Schadensausmaßes auf Atomkraft verzichtet werden, wenn durch Energieeffizienz und erneuerbare Energien risikoärmere Alternativen und volkswirtschaftliche Vorteile möglich sind.

Im Jahr 2025 – wenn die Tschechen ein neues Atomkraftwerk haben, Temelin II – kann der erneuerbare Stromanteil in Deutschland nach den Plänen der Bundesländer bei über 50 Prozent liegen. Wenn es bis dahin den allseits gewünschten Strombinnenmarkt gibt, wird grüner deutscher Strom beim Export konkurrenzlos billig werden und Atomstrom wird unattraktiv. Es ist also riskant, auch in wirtschaftlicher Hinsicht, sich auf langfristigen Atomstromexport zu konzentrieren.

Originalartikel
Hans-Martin Schönherr-Mann
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Februar 2012
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