Lesen – Die Deutschen und Streetdance (B1)

Streetdance gegen Einsamkeit und Angst

© Fotalia
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»Hätten wir das Tanzen nicht, wäre unser Leben ganz anders«, sagt Liliana und schaut zu ihrer Freundin. Esra fügt hinzu: »Tanzen ist eine Befreiung von anderen Gedanken«. Neben ihr setzt Esra immer wieder in die Tanzschritte ein. Im Park in Marbach geben die beiden mir eine Tanzvorführung.

Esra und Liliana, beide 18 Jahre alt, tanzen seit acht Jahren gemeinsam Streetdance. Unabhängig voneinander besuchten sie schon im Grundschulalter eine Tanzschule. Deswegen wurden beide, als sie später auf der Hauptschule dieselbe Klasse besuchten, schnell beste Freundinnen. Seit einiger Zeit bilden sie das Tanzduo »Sensatiion« und messen sich bei Contests erfolgreich mit anderen Streetdance-Gruppen.

Jetzt sitzen wir in einem Café in Marbach. In der Kleinstadt am Neckar wohnen Esra und Liliana schon lange, hier befindet sich auch das Jugendhaus, in dem die beiden Streetdancerinnen wöchentlich auf eigene Faust trainieren. Esras Eltern kommen aus der Türkei und Liliana ist Portugiesin, früher gehörten sie zu einer großen Tanzgruppe, die sich selbstständig und regelmäßig zum Üben traf. Diese Gruppe bröckelte aber langsam auseinander. Jahrelange Freundschaften gingen kaputt und »hinten rum wurde gelästert«, wie Esra sagt. Sie erzählt von den Streitereien eher nebenbei. Im Lauf des Gesprächs wird jedoch klar, welches Ausmaß die Feindschaft zwischen den Mädchengruppen hatte und welche Rolle für Esra und Liliana schließlich das gemeinsame Tanzen spielte. Esra sagt, dass sie »echte Feinde« gehabt und auch gegen das Gefühl der Einsamkeit und der Angst getanzt hätten. Die Geschichte des Streetdance, die ähnlich wie die des Breakdances ist, wiederholt sich im Kleinen in Esras und Lilianas Leben.

Mädchenschlägerei in Marbach

In den frühen 1970er Jahren entstand die Tanzform in New York als Alternative zu Tatenlosigkeit und brutalen Bandenkriegen in den Armenvierteln der Großstadt. Getanzt wurde zu Pop, Funk und Hip-Hop. Auch in Marbach fanden große Schlägereien statt. In einer besonders schlimmen Phase der Konflikte trafen sich eines Abends viele Mädchen auf einem öffentlichen Platz um ihren Konflikt auszutragen. An diese Zeit erinnern sich Esra und Liliana nicht gern.

Inzwischen haben die Jugendlichen ihre Kämpfe erfolgreich auf den Tanzboden limitiert. Das Jugend-Kultur-Haus in Marbach stellt dafür einen Trainingsraum mit Musikanlage zur Verfügung. Außerdem organisiert es in Zusammenarbeit mit anderen Jugendhäusern Streetdance-Shows und Talent-Contests. Esra ist sich sicher: »Ohne das Jugendhaus hätten wir in der Garage getanzt«. Jetzt, da Liliana als Auszubildende bei einem Friseur arbeitet und Esra eine weiterführende Schule besucht, um Krankenschwester werden zu können, bleibt oft nur der Sonntag als gemeinsamer Trainingstag.

Nach einem Aufwärmtraining, das aus freien Bewegungen zu Musik oder türkischen Folkloreschritten besteht, machen sich Esra und Liliana daran, sich Choreographien zu neuer Musik auszudenken. Zu Musik von Chris Brown, Lil Wayne oder Ciara suchen die beiden Tänzerinnen dann nach neuen Schritten. Sie lassen sich von Videos im Internet inspirieren. »Zuerst arbeitet der Kopf, um sich die Schritte auszudenken und sich dann auch alles zu merken«, sagt Liliana und tippt sich mit ihren langen, roten Fingernägeln an den Kopf, »und dann, beim Tanzen zählt nur noch der Körper«. Ihr Blick ist friedlich und sie lacht viel. Überhaupt scheinen die Freundinnen viel Spaß miteinander zu haben. Esra, »die mit dem starken Willen«, erzählt von Lachanfällen und Spaßkämpfen während des gemeinsamen Trainings. »Wenn wir mal eine Pause brauchen und keine Lust mehr haben, weiter zu trainieren, dann machen wir halt was anderes«, erzählen sie. Ein Leben ohne Streetdance können sich Esra und Liliana aber nicht vorstellen. Früher wollten sie Tänzerinnen werden, diesen Wunsch haben beide »tief, tief innerlich« noch nicht ganz aufgegeben.

Buchtipp: Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Baden-Württemberg e.V.: »Streetdance in Baden-Württemberg«. (»Sensatiion« ist auch darin zu sehen), Stuttgart 2011
Anna-Magdalena Claus
war Schülerin der 13.Klasse an der Freien Waldorfschule Uhlandhöhe in Stuttgart.
April 2013
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