Lesen - Die Deutschen und Fußball (B1)

Zwei Deutsche namens Özil und Khedira – Fußball ist nur der Anfang ...

Mesut Özil (links) und Sami Khedira trainieren mit der Nationalmannschaft; Copyright: picture alliance / dpaDie deutsche Elf bei der Fußballweltmeisterschaft 2010 veränderte auf einen Schlag das Image von Deutschland. In den Augen der Welt hat Deutschland einige der aufregendsten Spieler dieses Planeten vorzuweisen. Wer also genau sind sie? Schauen wir uns die Torschützen beim Spiel des Landes gegen Australien an: zwei in Polen geborene Deutsche, ein Deutscher ohne Migrationshintergrund, ein Deutscher brasilianischer Herkunft. Und vorbereitet wurden die Tore von einem Deutschen türkischer Herkunft, Mesut Özil. Das ist Multikulti.

Logo der Einbürgerungskampagne der Landesregierung Nordrhein-Westfalen; Copyright: Landesregierung Nordrhein-Westfalen, Büro des IntegrationsbeauftragtenDer deutsche Fußball wird nicht einfach nur spannender. Plötzlich merken Außenstehende, dass man nicht blond sein muss, um ein deutscher Held zu sein. Seit den Siebzigerjahren bin ich mit Unterbrechungen Deutschlandkorrespondent gewesen, und nie hat es eine Zeit gegeben, in der das Land frei von Einwanderungs- oder Integrationsproblemen war. Erst in den 1990er Jahren hatte man in der veröffentlichten Meinung die Tatsache akzeptiert, dass die sogenannten „Gastarbeiter“ bleiben würden. Sie hatten Verantwortungen und Pflichten dem deutschen Staat gegenüber, wie auch die Deutschen Verantwortungen ihnen gegen über hatten. Aber offen über Probleme zu diesem Thema zu sprechen, war bis dahin eine Art Tabu.
Dank der besonderen Chemie eines Fußballfeldes schaut nun alles viel einfacher aus. Eine aktuelle Umfrage des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) zeigte, dass die deutsche Bevölkerung ohne und die mit Migrationshintergrund relativ zufrieden miteinander sind.

Copyright: www.pixelio.de/Foto: Stihl024Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist in Deutschland eher ein pragmatisches als ein ideologisches Problem. Es gibt keine hitzige Debatte über ein Verbot der Burka wie in Frankreich und Belgien, denn die Deutschen wissen, dass in Wirklichkeit nur sehr wenige Frauen eine Burka tragen. Warum also auf die Barrikaden gehen? Viel wichtiger ist für den deutschen Durchschnittsbürger die Qualität des Bildungswesens. Hat zum Beispiel eine große Anzahl von Migrantenkindern in einer Klasse einen Einfluss auf das Bildungsniveau dieser Klasse? Das lässt sich wohl mit „Ja“ und „Nein“ beantworten. Und so bleibt die Lösung des Problems im Großen und Ganzen eine Aufgabe der Lehrer.

Die Einwanderer beklagen sich mittlerweile hauptsächlich über einen Mangel an guten Berufschancen. Das gilt besonders für Städte wie Berlin, in denen viele Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. In Westdeutschland herrscht keine gravierende Arbeitslosigkeit unter den Zuwanderern. 2003 verglich man den Zufriedenheitsgrad der Pakistani in Bradford mit dem der Türken in Berlin. Nur in seltenen Fällen besaßen die Berliner Türken die deutsche Staatsbürgerschaft, alle Pakistani in Bradford waren jedoch britische Staatsbürger. Und trotzdem waren die Bradforder oft gegen den Staat, die Berliner waren es jedoch nicht.
Offenbar ist der Schlüssel zu einer zufriedenen Gesellschaft soziale Mobilität und Aufstiegschancen, die die Bradforder nicht hatten. Ermöglicht man den Türken in Deutschland auch ohne Staatsbürgerschaft trotzdem Aufstiegsmöglichkeiten, die Entfaltung ihrer Talente und gleiche Wettbewerbschancen, führt das zu einem friedlicheren Miteinander.

Fußball-Girlscamp in Potsdam; Copyright: F.C.Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und IntoleranzDieses Miteinander funktioniert nicht immer reibungslos, und die Streitigkeiten um den Bau von Moscheen oder traditionelle muslimische Werte halten an. Doch die Fußballweltmeisterschaft hat gezeigt, dass Deutschland sich seit den Neunzigerjahren unbemerkt weiterentwickelt hat. Mesut Özil ist ein in Gelsenkirchen geborener türkischstämmiger Deutscher in der dritten Generation. Er betet in der Umkleidekabine und rezitiert arabische Verse aus dem Koran, während er über das Fußballfeld läuft. Keiner hält ihn deswegen für einen Sonderling. Nach dem Sieg der deutschen Nationalelf bei der Fußballweltmeisterschaft 1990 sank das sportliche Niveau des Landes. Und daher investierte man in Deutschland mehr als 600 Millionen Euro in Fußballtrainingszentren für Jugendliche. Deutschland fing an, U17-, U19- und U21-Fußballeuropameisterschaften zu gewinnen. Die Zentren förderten aktiv Kinder mit Migrationshintergrund. Özil war einer von ihnen: Heute ist er ein Vorbild und sagt, er spiele lieber für das deutsche Nationalteam als für die Türkei. „Das ist keine Entscheidung gegen meine türkischen Wurzeln. Doch meine Familie lebt jetzt in der dritten Generation in Deutschland, und ich bin hier aufgewachsen und habe mich immer wohlgefühlt.“ Özils Mannschaftskollege Sami Khedira, der einen tunesischen Vater und eine deutsche Mutter hat, meint, die Deutschen mit ausländischer Herkunft hätten eine neue Leichtigkeit ins Spiel gebracht. Aber er gibt auch zu, dass sie auch die sogenannten deutschen Nationaltugenden „Disziplin, Ehrgeiz, Konzentration“ übernommen hätten.

Zwei typische Deutsche namens Özil und Khedira? Der Gedanke gefällt mir.

Originalartikel
Roger Boyes
Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010
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