Lesen - Jugend in Deutschland

Sinus-Jugendstudie 2012 – „Hart arbeiten und hart feiern“

Dr. Marc Calmbach. Foto: sinus-institut.de Wie ticken Jugendliche? Das sollte die neue Sinus-Jugendstudie herausfinden, geleitet von dem Sozialforscher Dr. Marc Calmbach.

Dr. Calmbach, wie ticken Jugendliche von heute?

Sie sehen sich unter Druck. Sie glauben, dass der Wert eines Menschen in der Gesellschaft zunehmend von der Leistungsfähigkeit und der Bildungsbiografie abhängt. Der Arbeitsmarkt wird unsicherer, sichere Arbeitsplätze werden seltener. Deshalb wollen sie keine Zeit verlieren und haben oft Angst, den falschen Weg einzuschlagen.

Wie gehen Jugendliche mit diesem Druck um?

Sehr unterschiedlich. Die konservativeren Jugendlichen suchen Halt in sicheren Strukturen, in der Kirche, bei den Pfadfindern oder im Sportverein. Dann gibt es die moderneren, hedonistischen Jugendlichen, die sich über das Internet vernetzen und in Jugendszenen sind. Prekäre, also Jugendliche aus einer bildungsfernen sozial benachteiligten Lebenswelt, haben diese starken sozialen Netzwerke nicht, sie versuchen oft nicht mehr, an der Gesellschaft teilzunehmen. Außerdem werden sie von den anderen Gruppen extrem gemieden. Vor allem die Mittelschicht-Kids haben große Statusängste, die sie oft von ihren Eltern haben. Sie wollen nicht absteigen und distanzieren sich stark von den sogenannten Leistungsverweigerern und Sozialschmarotzern. Das ist schlimm und muss uns als Gesellschaft zu denken geben.

Wenige Jugendliche wollen ihre Eltern als Facebook-Freunde

In Ihrer Studie haben Sie insgesamt sieben unterschiedliche jugendliche Lebenswelten gefunden. Also gibt es „die Jugend“ nicht. Doch welche Werte haben alle Jugendlichen gemeinsam?

Bürgerliche Tugenden werden wieder populär: Sicherheit, Familie, Tradition. Gleichzeitig sind Jugendliche hedonistisch und wollen sich selbst entwickeln. Sie wollen hart arbeiten und hart feiern. Sie wollen sparen, aber sich trotzdem manchmal etwas leisten. Diesen Widerspruch versuchen sie unter einen Hut zu kriegen.


Ein ziemlich großer Spagat. Rebelliert denn niemand dagegen?

Die Jugendlichen sind zukunftspragmatisch. Sie versuchen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, nicht sie in Frage zu stellen. Sie merken, dass ihnen Ideologien nur im Wege stehen.

Welche Bedeutung hat der Generationskonflikt, die Revolte gegen die Eltern?

Junge und Alte verbünden sich gemeinsam gegen das Altmodische. Zum Glück haben die Jugendlichen das Internet, das verstehen viele Eltern noch nicht. Die verstehen nicht, warum ihre Kinder Partybilder ins Internet stellen oder unterschiedliche Pseudonyme haben. Soziale Netzwerke bieten Jugendlichen Freiräume, sie sind elternfreie Zonen. Kaum ein Jugendlicher will auf Facebook mit seinen Eltern befreundet sein.

Jugendliche verhalten sich wie „Mini-Erwachsene“

In Ihrer Studie schreiben Sie auch über gesellschaftliches Engagement. Wer hat größere Probleme Jugendliche anzusprechen: die Kirche oder die Politik?

Die Kirche hat ein schlechtes Image: Man denkt, dass da nur langweilige Leute hingehen, die schlechte Musik hören und keine Ahnung von Lifestyle haben. Aber die Suche nach dem Sinn des Lebens ist wichtig für die Jugendlichen. Doch sie basteln sich ihren Glauben lieber individuell. Kirche muss sich ändern.

Ähnlich unmodern sind Politiker und Parteien ...

Die Jugendlichen vertrauen etablierten Parteien überhaupt nicht mehr. Für Jugendliche sehen alle Politiker langweilig aus. Sie sagen, dass alle die gleichen beschissenen Anzüge tragen und über Themen sprechen, die mit ihrem Leben nichts zu tun haben. Jugendliche wollen nicht Parteimitglieder werden. Die Parteien müssen junge Menschen emotional ansprechen.

Die Jugendlichen von heute werden die Erwachsenen von morgen sein. Wie viel Raum bleibt ihnen noch für Utopien?

Ich kann nur hoffen, dass dieser Pragmatismus nicht alles ist. Die Jugendlichen verhalten sich wie „Mini-Erwachsene“, die früh an ihrer Bildungsbiografie basteln. Sie reproduzieren bestehende Verhältnisse. Doch wir sehen das in anderen europäischen Ländern: Wenn die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland steigt, engagieren sich Jugendliche vielleicht auch wieder für soziale Themen. Gesellschaften brauchen Konflikte, das führt zu Kreativität. Der Impuls kommt von der Jugend.

Das Sinus-Institut befragte für die Studie „Wie ticken Jugendliche? 2012. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland“ bundesweit 72 Jugendliche zu ihrer Werthaltung und zu Themen wie Schule, berufliche Orientierung, Politik, Gesellschaft, Mediennutzung, Religion und Engagement. Ergänzt und illustriert wird die Studie durch Interviewzitate, selbstgebastelte Collagen und Fotodokumentationen der Jugendzimmer.

Bibliografie
Calmbach, Marc Thomas, Peter Martin, Borchard Inga, Flaig, Bodo: „Wie ticken Jugendliche? 2012. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland“, Düsseldorf (Verlag Haus Altenberg), 2012, 368 Seiten.

Originalartikel
Thomas Blecha
lebt und arbeitet als freier Journalist und Redakteur in Berlin.

Fotos:
Pop-Art-Piratin © www.pixelio.de/ Gisela Pete
Bildergalerie der Jugendzimmer: Studie „Wie ticken Jugendliche? 2012“, © 2012 Verlag Haus Altenberg GmbH, Düsseldorf

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2012
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