Lesen - Die Deutschen und die Unordnung

Die Deutschen und die Unordnung

Hinweisschilder; Copyright: picture-alliance / OKAPIA KG, Germany Wladimir Kaminer; Copyright: picture-alliance/ ZBDie Angst vor der Unordnung ist der wunde Punkt der Deutschen.

[1] Stefan Zweig hat in seinem letzten Buch Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers zu den Deutschen angemerkt, sie können alles ertragen, Kriegsniederlagen, Armut und Not, aber keine Unordnung. Nicht die Kriegsniederlagen, die Inflation habe sie in die Verzweifelung getrieben und hitlerreif gemacht. Wegen der finanziellen Anarchie waren sie bereit, sich mit jedem Teufel zusammentun, der ihnen die Wiederherstellung von Ordnung versprach. Seitdem ist viel Zeit vergangen, aus Deutschland wurde die BRD. Alles läuft nach Plan, die Angst vor der Unordnung bleibt jedoch der wunde Punkt der Nation.

[2] Wenn der Plan mal nicht funktioniert, ein Zug zu spät kommt oder ein Taxi nicht hält und ein Flugzeug nicht rechtzeitig abhebt, bricht sofort die heile Welt zusammen und alle Sicherungen knallen durch. Intelligente, höfliche Bürger trampeln ihre Kinder nieder, schmeißen mit den Koffern um sich, springen auf die Gleise. In jedem Gebäude Deutschlands hängen an der Wand Evakuierungspläne für den Fall eines Brandes. Das hat einen Grund. Ohne einen solchen Plan wären die Deutschen nicht imstande, ein brennendes Gebäude zu verlassen. Lieber würden sie in Flammen aufgehen als etwas ohne Plan zu unternehmen.

Maulwurf als Zeichnung auf Verbotsschild; Copyright: picture-alliance / OKAPIA KG, Germany[3] Wenn jemand hier eine Geburtstagsfeier plant, so muss er als erstes seine Nachbarn davon in Kenntnis setzen, dass es an dem Tag in seiner Wohnung unter Umständen etwas lauter werden könnte. Danach kann er die ganze Nacht durch donnern, niemand fühlt sich verletzt. Wenn es aber in einer Wohnung ohne Vorwarnung laut wird, drehen die Nachbarn sofort durch, sie schlagen mit ihren Köpfen gegen die Wand, zünden das Haus an und rufen bei der Polizei an.

[4] Gleich nach der Geburt wird hier die Frage der möglichen künstlichen Beatmung im Alter diskutiert, sowie die in Frage kommenden Pflegestufen für die Zukunft. Um hier alt zu werden muss man sehr viele Formulare ausfüllen, unzählige Versicherungen abschließen und Einverständniserklärungen erteilen. Sobald ein Mensch hier schreiben bzw. unterschreiben kann, wird er jeden Tag seines Lebens ausfüllen und unterschreiben, ausfüllen und unterschreiben, ausfüllen und unterschreiben... Mein Kind geht ins Gymnasium, ich gebe ihm täglich eine unterschriebene Einverständniserklärung mit. „Damit ihr Kind Benutzer der Bibliothek werden kann, um die Fotos ihres Kindes in der Wandzeitung abdrucken zu dürfen, um am Schwimmunterricht teilnehmen zu dürfen…“ – nur zu: ich unterschreibe alles.

[5] Gestern bestellte ich in einer Eckkneipe eine volkstümliche Speise, den Strammen Max, ein mit Eier und Schinken belegtes Brot. „Aber bitte mit einer Scheibe Brot statt zwei“, präzisierte ich. „Eine Scheibe statt zwei? Wie? Eine statt zwei?“ Der Kellner dachte heftig nach, ob und wie es möglich wäre, einen Strammen Max mit einer Scheibe statt mit zweien zu machen, es ging beim besten Willen nicht, nein, es war „eine gastronomische Sackgasse“. Etwas verstört schaute er mich an. Natürlich zog ich sofort meine Bestellung zurück, der stramme Max soll so bleiben wie er immer ist: mit zwei Scheiben Brot und zwei Spiegeleiern drauf.

Hinweisschilder; Copyright: picture-alliance / OKAPIA KG, Germany[6] Na und? Was ist so schlecht an der Liebe zur Ordnung? Warum soll nicht alles nach Plan laufen? Das eigentliche deutsche Drama besteht darin, dass es so gut wie nie nach Plan läuft. Das Leben steckt voller Überraschungen, auch Mutter Natur handelt ungenau, der Wind weht mal von rechts und mal von links, die Sterne sind mal mehr und mal weniger am Himmel zu sehen und manchmal geht die Sonne später bzw. früher auf als erwartet, trotz der Zeitumstellung. Selbst wenn man jeden Tag zwei Mal eine Straße fegt, bleibt immer irgendwo Müll liegen, irgendwelche Hunde laufen immer ohne Leine herum, und es gibt immer Menschen, die sich auf frisch gestrichene Bänke setzen, weil es ihnen Spaß macht. Es ist zum Verrückt werden. Um in diesem Chaos zur Ruhe zu kommen, versteckt sich der Deutsche in seinem kleinen Schrebergarten, dort kann er seine Utopie einer absoluten Ordnung verwirklichen. Dort pflanzt er und schneidet und gießt und pflanzt.

Originalartikel
Wladimir Kaminer
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Oktober 2007
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